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Ausgaben: Ausgabe 1344.

Prag als Mittel-, Dreh- und Angelpunkt einer Epoche

Ein Buch über Matthäus von Krakau bietet einen faszinierenden Einblick in das kulturelle Gefüge des 14. und 15. Jahrhunderts

Prag-als-Mittel1Dieses Buch weist über sich hinaus und bietet durch die im Titel angekündigte „geistesgeschichtliche Einordnung“ ein Kompendium des beeindruckenden kulturellen Gefüges, das Prag im 14. und Anfang des 15. Jahrhunderts auszeichnete. Deshalb lassen wir es hier auch nicht bei einer schlichten Rezension bewenden, sondern folgen den geistlichen und geistigen Auseinandersetzungen jener Epoche.

In seinem umfangreichen und mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen versehenen Buch vereint Helmut Beifuss die Edition eines der wichtigsten deutschsprachigen Übersetzungstexte des 14. und des beginnenden 15. Jahrhunderts mit einer umfassenden Darstellung der kulturellen Situation in Prag und in Heidelberg in jener Zeit. Allein die breite Überlieferung des lateinischen Dialogus rationis et conscientiae in ca. 250 Handschriften macht deutlich, welch besondere Wichtigkeit diesem Traktat über den Empfang des Abendmahls zugesprochen wurde. Verfasser war Matthäus von Krakau. Der Traktat entstand im Zusammenhang mit der Prager Synode von 1388, die jenes Thema behandelte, und wurde von Matthäus sofort auch ins Deutsche übersetzt.

Das Werk des Matthäus ist zugleich ein hervorragendes Zeugnis für die aufkommende Bedeutung Prags als Kulturmetropole. 1310 war Johann von Luxemburg, Sohn Kaiser Heinrichs VII., Schwiegersohn des Przemysliden Wenzel II., als das Geschlecht der Przemysliden im Mannesstamm ausstarb, mit Böhmen belehnt worden. Johann verzichtete auf die polnische Krone und erhielt dafür das Herzogtum Breslau sowie andere schlesische Gebiete und Masowien. Sein Sohn Wenzel, der sich nach seiner Ehe mit einer Tochter Karls von Valois offiziell mit seinem Firmnamen Karl nannte, konnte Böhmen durch eine klug abwägende Politik um weitere Gebiete vergrößern und wurde 1355 zum römisch-deutschen Kaiser gekrönt. Karl IV. war der erste Kaiser, der das römisch-deutsche Reich von Böhmen aus lenkte und dadurch dem östlichen Teil der deutschsprachigen Gebiete eine neue Bedeutsamkeit verlieh. In Böhmen lebten Deutsche und Tschechen. Karls Mutter war die Przemysliden-Fürstin Eliska (Elisabeth), und er liebte das Tschechische ebenso wie das Deutsche. In seiner Regierungszeit gab es dank seines ständigen Ausgleichs auch die später so gefürchteten Nationalitätenkonflikte in Böhmen zwischen Deutschen und Tschechen noch nicht. Karl war durch seine Erziehung international geprägt und sprach fünf Sprachen: Lateinisch, Deutsch, Tschechisch, Französisch und Italienisch. Er pflegte Kontakte mit Petrarca und Rienzo und trug zu einer kulturellen Weiterentwicklung in seinem Herrschaftsbereich bei, die als Frühhumanismus umschrieben wird. Er war tief religiös und förderte namentlich die Augustiner-Chorherren, deren Hauptanliegen neben der persönlichen Lauterkeit die Pflege der Wissenschaft war.

Prag-als-Mittel2Der Kaiser selbst beteiligte sich mit eigenen Schriften am kulturellen Leben. Er verfasste als erster Herrscher des Mittelalters eine Autobiographie. Zwischen 1355 und 1361 schrieb er eine Wenzelslegende. In den Moralitates legte er eine Sammlung geistlicher Texte und Überlegungen zu religiösen, philosophischen und moralischen Problemen vor. Fraglich ist, ob er einen Fürstenspiegel für seinen Sohn verfasste. Sicher ist, dass er als erster Herrscher eine Chronik über sein Kernland Böhmen anfertigen ließ, aus der „Hoch und Gering an den Beispielen der Väter Tugend lernen“ sollten. Beifuss verweist auf die enorme Antriebskraft, mit der Karl IV. Prag zur Metropole gestaltete. Böhmen erhielt die Kurwürde, Prag wurde Erzbistum, Peter Parler schuf seine berühmten Bauten. 1348 wurde in Prag die erste Universität auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reiches nördlich der Alpen gegründet. Prag wurde aber auch zu einem Mittelpunkt des raumübergreifenden Handels, der auch den Kontakt mit der Hanse einschloss. Und es war Karl IV., der 1356 die Verabschiedung der Goldenen Bulle erreichen konnte, die bisweilen als „Grundgesetz“ für das Reich bis zu seinem Untergang 1806 bezeichnet wird.

Große Unterstützung in seinen Bemühungen fand Karl bei Ernst von Pardubitz (ca. 1300–1364). Dieser wurde der erste Erzbischof von Prag und der erste Kanzler der von ihm mitgegründeten Universität. Er rief mehrere Augustinerklöster ins Leben und kämpfte gegen Aberglauben und gegen Wucher. Bis heute unvergessen ist Karls Verdienst um die Herausbildung der Prager Kanzlei zu einem kulturellen Mittelpunkt, der zur Weiterentwicklung der deutschen Sprache erheblich beitrug. Das von Beifuss herausgegebene Werk des Matthäus von Krakau ist ein wichtiges Zeugnis dieser Bemühungen. Die Kanzlei wurde von Johann von Neumarkt (ca. 1310–1380) geleitet, der in Italien studiert hatte und mit Petrarca und Rienzo in regem Briefwechsel blieb, als er Pfarrer in Breslau, dann Bischof in verschiedenen Bistümern und schließlich der Hofkanzler Kaiser Karls wurde. Johann von Neumarkt, der Wert auf eine stilistisch anspruchsvolle Sprache und eine gepflegte Ausdrucksweise legte, verfasste Gebetstexte und andere Werke auch in deutscher Sprache und machte in Musterbüchern normative Vorgaben für die Mitarbeiter in der Kanzlei. Dies führte zu gestaltendem Vorbild im gesamten deutschsprachigen Raum, so dass die Kanzlei einen grundlegenden Anteil am Entstehen einer einheitlichen, geregelten neuhochdeutschen Sprache hat.

Aber der Aufstieg Prags fand in einer insgesamt schwierigen Zeit statt. Die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts war durch Missernten, Hungerkatastrophen und furchtbare Pestwellen gekennzeichnet. Etwa ein Drittel der Bevölkerung wurde vernichtet. 1378 begann die Kirchenspaltung, die erst durch das Konzil von Konstanz 1414–1418 beendet werden konnte. Vielfach wurden die Ereignisse als Gottesgericht verstanden. Die Lehre des Joachim von Fiore (ca. 1130–1202) fand große Verbreitung, wonach dem Dritten Zeitalter, der glückseligen Zeit des Heiligen Geistes, eine Schreckenszeit mit der Ankunft des Antichrists voraufgeht. In einer solchen Zeit glaubten viele Menschen des 14./15. Jahrhunderts zu leben, und es bildeten sich radikale Frömmigkeitsformen heraus, vernichtende Kritik an der Priesterschaft und vorreformatorische Auseinandersetzungen um die Gestaltung des kirchlichen Lebens kamen dazu.

Berühmte Gelehrte und Prediger versuchten in dieser Notsituation Hilfe zu bringen durch aufrüttelnde Mahnung, aber auch durch Vorschläge für sakramentale Regelungen. Karl IV. und Erzbischof Ernst von Pardubitz gelang es, den in Oberösterreich geborenen Konrad von Waldhausen (ca. 1325–1369) nach Prag zu holen. Er verurteilte in seinen Predigten den verwahrlosten Lebensstil vieler Geistlicher und versuchte die ecclesia spiritualis des Augustinus und die Geistkirche im Sinne des Joachim von Fiore zu etablieren. Damit hing das Bemühen um die Einbeziehung der Laien in den Gottesdienst durch Kirchenlieder in der Volkssprache zusammen. Auch Johann Milic von Kremsier (Johannes Milicius, geboren um 1320, gestorben 1374) übte heftige Kritik namentlich an Missständen, etwa der Simonie, in der Geistlichkeit. Er sah in der Verwahrlosung der Kirche das Werk des Antichrists und forderte die häufige Kommunion der Laien, damit sie auf diese Weise Christus verbunden blieben und gestärkt würden im Kampf gegen den Antichrist. Heinrich Totting von Oyta (ca. 1330–1397) lehrte von 1373 bis 1378 an der Universität Prag und geriet in große Schwierigkeiten, weil er sündigen Priestern das Recht absprach, die Kommunion auszuteilen, was der kirchlichen Auffassung widersprach, wonach auch der sündige Priester nur Werkzeug ist, um Gottes Gnade zu spenden. Ein Traktat über wirtschaftliche Fragen zeigt neue Sichtweisen. Konrad von Soltau (ca. 1350–1407) führte die Lehren Oytas über das Fortwirken von Sünde fort. Nach Matthias von Janov (ca. 1350–1393) existieren zwei entgegengesetzte Kirchen, die Christi und die des Antichrists, wobei die Kirche des Antichrists innerhalb der Kirche Christi ihren zerstörerischen Kampf betreibt. Für die Laien galten ihm die Rückbesinnung auf urchristliche Ideale, vor allem das Armutsideal und die christliche Gemeinschaftspflege, sowie der tägliche Empfang der heiligen Kommunion als wichtigste Reformelemente. Auch Heinrich von Bitterfeld (gestorben 1405) bemühte sich um Reformen im Klerus, speziell im Dominikanerorden. Er strebte eine Lebensform an, in der die vita contemplativa mit der vita activa verbunden sein sollte und kämpfte vor allem gegen den Ablasshandel. Schriften aus den Jahren 1388–1391 lassen erkennen, dass er wesentlichen Anteil hat an der 1391 getroffenen synodalen Entscheidung für die häufige Laienkommunion. Ein Sentenzenkommentar setzt sich darüber hinaus mit der Frage auseinander, ob Laien ermuntert werden sollen, täglich die heilige Kommunion zu empfangen.

Eine Lehre kündete davon, dass dem Zeitalter des Heiligen Geistes eine Schreckenszeit des Antichrists voraufgehe, in der die Menschen damals zu leben glaubten.

In den Kreis dieser Persönlichkeiten, die sich im 14. Jahrhundert für kirchliche Reformen einsetzten, gehört auch Matthäus von Krakau. Sein literarischer Durchbruch erfolgte im Zusammenhang mit der Prager Synode von 1388, die den Empfang der Kommunion für Laien auf einmal im Monat beschränkte. Dagegen argumentierte Matthäus in seinem Traktat Dialogus rationis et conscientiae und konnte den Sieg der Vernunft miterleben; denn 1391 wurde beschlossen, dass Laien, wenn sie dessen würdig sind, die Kommunion so oft empfangen dürfen, wie es sie danach drängt (digni possint communicare quociescunque affectant). Die Einschränkung auf den Empfang der Kommunion nur in bestimmten zeitlichen Abständen hätte natürlich eine Zurücksetzung der Laien gegenüber dem Klerus bedeutet. Daraus wird deutlich, welches kirchenpolitische Gewicht diese Frage hatte.

Der Eucharistietraktat gibt erstaunliche Einblicke in das psychische Ringen des einzelnen Menschen, und dieses psychologische Einfühlungsvermögen begegnet auch im Traktat De puritate conscientiae, einer Schrift über die Beichte, die etwa zur selben Zeit wie der Eucharistietraktat entstanden sein dürfte. Der Beichttraktat ist in über 150 Textzeugnissen erhalten. Darunter befindet sich auch eine deutsche Übersetzung, die für Frauen angefertigt wurde. Mehrere kleinere Unterweisungsschriften zur Beichte sowie Beichtformeln beweisen ebenfalls das große Interesse an diesem Komplex und ebenso das pastoraltheologische Engagement des Matthäus. Es begegnet auch in der Schrift Rationale operum divinorum, die Matthäus ca. 1393/94 vollendet haben dürfte und die er einem Prager Studienfreund widmete. Statt abstrakter theologischer Überlegungen und Argumentationen, die der Titel erwarten lässt, liest man hier ein Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn über verschiedene theologische Aspekte. Vor allem die Frage nach dem Ursprung des Bösen wird erörtert und auch, warum Gott das Böse zulässt. Die Eigenverantwortlichkeit des Menschen und die Erziehung des Willens zum Guten werden in ihrer psychologischen, pädagogischen und theologischen Bedeutung hervorgehoben.

Mit Erstaunen dürfte der moderne Leser zur Kenntnis nehmen, dass Matthäus von Krakau auch einen Traktat zur Geldwirtschaft veröffentlicht hat. Die Notwendigkeit, sich dieser Problematik zuzuwenden, entstand durch den ökonomischen Wandel von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft, die in jener Zeit auch durch die Zunahme des Fernhandels bewirkt wurde. Da es Christen verboten war, Geld zu verleihen und Zinsen zu nehmen, wurde es notwendig, Regeln für gerechtes Verhalten zu finden und bekannt zu machen, um usura, nämlich ungerechtfertigten Gewinn aus überteuertem Verkauf zu vermeiden. In einer Epistola ad episcopum Pragensem de commercio cum Judeis lehnt Matthäus denn auch den Verkehr von Christen und Juden ab, da diese Feinde des gekreuzigten Heilands seien und ihr Geld oftmals durch Wucher verdienen würden.

Der letzte von Matthäus verfasste Traktat trägt den Titel De praxi curiae romanae und greift in die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen um die Beilegung des Schismas ein, das 1378 entstand und erst 1417 im Konzil von Konstanz beigelegt werden konnte. Matthäus lehnte den Konziliarismus, die Beendigung des Schismas durch Konzile, ab, weil er die Gefahr grundsätzlicher Oberhoheit von Konzilen über den Papst befürchtete und damit die Beschädigung oder gar Beseitigung der Oberhoheit des Papstes als Haupt der Kirche. Diese grundsätzliche Haltung hinderte ihn aber nicht, ja erforderte geradezu schonungslose Kritik am moralischen Zustand der Kurie in Rom und die energische Forderung nach Besserung zu erheben. Die Machtfülle des Papstes sollte begrenzt und seine Bindung an das Recht für ihn wie für jeden anderen selbstverständlich bestehen. Ebenso sollte es das von der Gesamtkirche ausgeübte Recht auf Anklage gegen den Papst geben.
Wenn Matthäus auch den Kampf gegen eine konziliare Beendigung des Schismas verlor und selbst in diesem Bereich immer mehr in eine Außenseiterposition geriet, erhielt sich doch sein Hauptanliegen, die Bewahrung der Stellung des Papstes als Haupt der Kirche, unangefochten.

Bald nach dem Tod Karls IV. (1378) setzte der langsame Niedergang der glanzvollen Epoche Prags und Böhmens ein. Der Sohn Karls IV., Wenzel IV., der 1376 zum römisch-deutschen König gekrönt worden war, erwies sich als unfähig, das Werk seines Vaters fortzuführen. 1400 wurde er als römisch-deutscher König abgewählt, böhmischer König blieb er bis zu seinem Tod (1419). Die für das kulturelle Niveau Prags so überaus wichtige Universität wurde durch Wenzels Entscheidung, dem Drängen der böhmischen Universitäts-Nation nachzugeben und den übrigen drei Nationen, den Polen, Bayern und Sachsen, zusammen dieselbe Stimmenzahl wie den Böhmen zu geben, schwer geschädigt. Professoren und Studenten verließen massenhaft die Prager Universität. Als die böhmische Nation sich der hussitischen Bewegung anschloss und als 1417 die Prager Universität insgesamt das hussitische Bekenntnis annahm, verlor sie die Anerkennung der anderen europäischen Universitäten und geriet wissenschaftlich ins Abseits.

Angesichts der Kürze der Glanzzeit Prags und des böhmischen Reiches gegen Ende des Mittelalters sind die Edition und die Auswertung der vorhandenen Texte jener Zeit von größter Bedeutung. Sie geben einen Einblick in das Denken und in die Interessen der Autoren wie der Rezipienten und lassen damit Vergangenes gegenwärtig werden.

Roswitha Wisniewski (KK)

Helmut Beifuss: Matthäus von Krakau – ein Vorreformator und die deutschsprachigen Bearbeitungen seines Eucharistietraktates. Edition und geistesgeschichtliche Einordnung. Kovac Verlag, Hamburg 2012, 657 S. (Schriften zur Mediävistik 21)

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