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Ausgaben: Ausgabe 1253.

Prager Frühling in Preßburg

Der Frühling 1968 war licht, aber nicht, weil er eine lichte Zukunft entwarf, sondern, weil er die Dunkelheit als dunkel benannte

Der tschechoslowakische Frühling des Jahres 1968, bekannt als „Prager Frühling“, bedeutete für die 18jährige, die in einem Gymnasium in Preßburg/Bratislava Tag für Tag langweilige Stunden unter dem Porträt Antonin Novotnys zubrachte, eine wilde Freude: In der Pause wurde das strenge Dutzendgesicht mit schmalen Lippen und einer ordentlich gebundenen Kravatte von den Mitschülern heruntergerissen. Im Gekreische und Gestampfe auf dem Bild unseres Präsidenten am Boden des Klassenzimmers wurde ich als Bürgerin geboren. Vorher hatte ich stumpf den Pflichtwortmüll geschluckt: Wir leben in der besten aller Welten und sind auf dem direkten Weg zu einer noch vollkommeneren Gesellschaft. Und die Sowjetunion ist unser Vorbild und allerbester Freund. Nach der erfolgten Befreiung der proletarischen Massen durfte nie mehr ein Aufstand vom Zaun gebrochen werden, eigene revolutionäre Initiative, in welcher Richtung auch immer, hieß Sabotage. Täglich überschritt ich wie eine Doppelagentin die scharfe Grenze zwischen der Außenwelt und dem Zuhause, wo mir die Mutter ihre Grundsätze des Überlebens beizubringen versuchte: Denke, was du willst, aber sag es nie. Nichts, was hier gesprochen wird, darfst du in der Schule weitererzählen. Das mütterliche Verbot hat – entgegen ihrer Absicht – aus mir eine Schreibende gemacht. Jeder meiner Text ist immer noch ein Aufbäumen gegen das Gebot des Schweigens und des Nichthandelns.

Der kläglich am Boden zerstörte Präsident hat mir die Entdeckung geschenkt, daß die Politik auch 18jährigen unbändige Freude bereiten kann. Die Zeit war reif dafür. Noch im Winter hätte man für solch eine Tat mit dem Schulausschluß rechnen müssen und ein paar Jahre davor mit der Einweisung in die Psychiatrie oder in eine Besserungsanstalt. Der politische Frühling, den diese Episode charakterisiert, kam nicht von der Basis her, sondern oben im kommunistischen Apparat wurden Reformen durchgesetzt, die dann die Menschen auf ihre Weise umzusetzen versuchten. Im Frühlingswind, der über die Donauebene wehte, ordnete der herbeigeeilte Schulrektor an, die Splitter seien zusammenzukehren, und murmelte: Das ist strafbar, der Genosse Novotny ist immer noch Präsident. Aber seine Stimme war dünn und bestätigte, was wir schon wußten: Dem rigiden System ging allmählich die Luft aus. Auf dem Heimweg schmierten wir auf die Mauern vulgär-naive Sprüche wie „Der Präsident ist ein Schwein“ und lachten entfesselt. Das Glück war vollkommen, der Anfang unserer Polis war da, wir benannten Unrecht und Blödheit so, wie wir sie fühlten – emotional und ungeübt in der politischen Wortwahl.

Novotnys verbrecherische Biederkeit, mit der die Gesichter der Funktionäre vom Zentralkomitee der KP allgemein geschlagen waren, als kämen sie vom Fließband, stand für repressive Lüge und abtötende Langweile, die meiner Generation aufgezwungen wurde, seit wir denken konnten. Novotnys Gesicht herunterreißen hieß für uns, die Autorität der Väter zu stürzen, die uns die Beatles, das Tragen von langen Haaren und Miniröcken und damit den Anschluß an die Welt am liebsten verbieten wollten. Wäre der in jedem Klassenzimmer und in jedem Büro hängende Präsident attraktiv und jung wie Che Guevara auf dem berühmten Plakat gewesen, das ich dann später in den WGs der westlichen Linken hängen sah, wäre die tschechoslowakische Geschichte eine andere gewesen. Die Schönheit eines bärtigen Revolutionärs mit schicker Baskenmütze hat aber zur westlichen Illusion vom Sozialismus gepaßt und nicht in unsere häßliche Wirklichkeit. Unsere glattrasierten Weltverbesserer redeten monoton, ihre Reden auf KP-Kongressen über eine bessere Zukunft, die sie für uns vorbereiteten, wurden in den slowakischen Medien, im KP-Parteiorgan „Pravda“ (Wahrheit) und im Gewerkschaftsorgan „Praca“ (Arbeit), in voller Länge abgedruckt. Wie hätte ich da Journalistin werden wollen? Auf den Geschmack dieses Berufes kam ich in jenen Monaten, die so kurz waren wie ein Traum und mich doch verwandelt haben.

Novotnys Inventargesicht wurde durch das weiche, zwar nicht außergewöhnliche, doch menschlich anmutende Gesicht von Alexander Dubcek ersetzt, der Parteichef geworden war. Mit diesem Gesicht, das nicht in Klassenzimmern aufgehängt wurde, sondern lebendig blieb, kam eine neue Definition der anzustrebenden Gesellschaftsordnung auf – „der Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Es war nicht zu überhören, was die neue Ausrichtung implizierte: Der vorherige Sozialismus hatte kein menschliches Antlitz gehabt, sondern ein Monstergesicht. Den Versprechungen einer neuen Utopie gegenüber waren wir mißtrauisch oder zumindest vorsichtig geworden, sie waren allzu schrecklich strapaziert worden und konnten wieder eine Täuschung sein. Konkret und revolutionär dafür war, dem Monster nunins Gesicht schauen zu dürfen. Während bei den westlichen Linken der „Prager Frühling“ zukunftsorientiert als „dritter Weg“ wahrgenommen wurde, als Verheißung einer gerechten Gesellschaft, war das Tauwetter für mich rückwärts- und gegenwartsgerichtet, als Entlarvung der kommunistischen Verbrechen, und darin lag seine Menschlichkeit.

„Pravda“ und „Praca“ wurden zu Zeitungen. Ich fing an sie zu lesen und erfuhr von politischen Prozessen und Arbeitslagern aus den 50er Jahren sowie von absurden und vertuschten Mißgriffen der Planwirtschaft. Es gab noch längst keine Pressefreiheit, aber die Lockerung der Zensur machte diese Blätter zu einer geradezu aufregenden Lektüre. Der Frühling 1968 war licht, aber nicht, weil er eine lichte Zukunft entwarf, sondern, weil er die Dunkelheit als dunkel benannte. Das Demütigende, das Unerträgliche der Nachkriegsepoche in der sozialistisch gewordenen Tschechoslowakei bestand in der Lüge – die Verbrechen wurden als Wohltaten für die Menschheit angepriesen, die Geschichte und die Gegenwart waren verfälscht, und das, was uns die Eltern aus ihrer Erfahrung erzählten, falls sie es überhaupt wagten, war etwas ganz anderes als die Schullektüre.

1961, als ich elf Jahre alt war, kam meine Mutter aus dem Gefängnis heim. Doch sie sagte nicht, wo sie gewesen war. Und ich hatte verinnerlicht, was sich gehörte, und fragte nicht. Der Begriff der politischen Freiheit leitet sich für mich vom tschechoslowakischen Tauwetter ab und bleibt mit der Forderung nach Aufklärung der Staatsverbrechen verknüpft. Diese Freiheit heißt, den Blick in den Kerker zu werfen. Erst im Frühling 1968 fing meine Mutter an zu erzählen, wie die Gefangenen ihre Häftlingskleidung gebügelt hatten – sie hatten sie die Nacht über unter die Matratze gelegt. Und sie lachte befreit, schließlich erhielt sie soeben die Nachricht von ihrer Rehabilitierung. Das Private ist mit dem Politischen aufs engste verwoben und verworren, das war die Lektion des Lebens in der CSSR. Aber daß wir, die einfachen Bürger und Bürgerinnen, das Recht haben, den Knäuel zu entwirren, das erfuhr ich erst in diesem wundersamen Frühling. Die Verzweiflung, als auf Geheiß von Moskau die Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 die zarte Freiheit für weitere lange zwei Jahrzehnte plattgewalzt hatten und ich ins Exil ging, ist längst vom Wissen besänftigt worden, daß der große Bruder nach der „Samtenen Revolution“ von 1989 mit Schmach abziehen musste.

Das Vermächtnis des tschechoslowakischen Frühlings bleibt: Wenn ich das Vergangene und das Jetzige klar beim Namen nenne, wird die Zukunft ein aufrichtiges Antlitz haben.

Die Autorin stammt aus der Slowakei und lebt seit 1968 als deutschsprachige Publizistin und Schriftstellerin in der Schweiz. Ihr letzter Sammelband mit Texten aus Mittel- und Osteuropa, „Die Sammlerin der Seelen. Unterwegs in meinem Europa“, ist beim Aufbau-Verlag in Berlin erschienen.

Irena Brezna (KK)

 

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