Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1309.

Präsidiale Persönlichkeit

Der Patriot und Europäer Ferenc Mádl ist gestorben

Wie ein Cantus firmus zog sich der Hinweis auf die Zugehörigkeit Ungarns mit seiner Geschichte und Tradition zu Europa durch die politischen Reden Ferenc Mádls nach 1989. Dieser Hinweis war notwendig und wurde hin und wieder auch sehr deutlich vorgetragen, weil weite Teile der westlichen Politik und Medien nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989/90 so taten, als käme der frühere Ostblock überhaupt erst jetzt nach Europa. Die bis heute feststellbare Hybris der von Westeuropa geprägten Europäischen Union wurde von Ferenc Mádl aus ungarischer Sicht kritisch bewertet: „In der westlichen Hälfte Europas, der ein glücklicheres Schicksal beschert war, meint man, in den 1989 frei gewordenen Ländern ist auch die Demokratie erst 1989 geboren. Wir aber meinen, daß wir seit etwa tausend Jahren den gleichen Weg gegangen waren wie der Westen, und es lag nicht an uns, daß wir von dieser Entwicklung vorübergehend abgekoppelt wurden.“ Diese Position vertrat Mádl 2005 auf einer internationalen Literaturkonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Budapest.

Ferenc Mádl entstammte einer donauschwäbischen Familie und ist 1931 im westungarischen Bánd (Komitat Veszprém) nördlich vom Plattensee geboren. Auch verschiedene Rückfragen ergaben keine Klarheit darüber, mit welchem der Schwabenzüge des 18. Jahrhunderts die Vorfahren Ferenc Mádls aus Regensburg oder anderswoher die Reise nach Ungarn angetreten haben. Tatsache ist, daß er Zeit seines Lebens das warme Deutsch seiner donauschwäbischen Herkunft gesprochen hat. Es paßte zu der sympathischen, ehrwürdigen und insgesamt charismatischen Erscheinung dieser präsidentialen Persönlichkeit.

Mádl studierte Rechtswissenschaften in Fünfkirchen/Pécs und Budapest und nach seinem ersten Examen drei Jahre internationale Rechtsvergleichung in Straßburg. Schon in den 70er Jahren befaßte er sich mit Rechtsfragen der europäischen Integration. Obwohl er kein Mitglied der kommunistischen Staatspartei war, ließ man ihn für Lehre und Forschung ins Ausland reisen. Dort knüpfte der Gelehrte zahlreiche Kontakte und erlangte eine hohe wissenschaftliche Reputation. Er lehrte mehrfach in den USA und 1995 als Gastprofessor an der Münchner Universität. Seit 1978 war er Institutsdirektor und ab 1985 Lehrstuhlinhaber an der Universität in Budapest.

In die erste frei gewählte Regierung nach dem Ende des Kommunismus wurde der Parteilose Mádl vom bürgerlichen Ministerpräsidenten József Antall als Minister ohne Geschäftsbereich und von dessen Nachfolger als Kultusminister berufen. In dieser Zeit gründete er auch mit György von Osvath, der 1956 aus seiner Heimat geflüchtet war und in Brüssel zum höchstrangigen ungarischen Beamten der Europäischen Kommission aufstieg, das erste von der Europäischen Union geförderte ungarische Europa-Institut. Nachdem die Sozialisten 1994 an die Regierung kamen, nahm Mádl seine Lehrstuhltätigkeit wieder auf, bis der 1998 gewählte Ministerpräsident Viktor Orbán ihn für das Amt des Staatspräsidenten vorschlug. Dieses Amt hat Mádl von 2000 bis 2005 innegehabt.

Während seiner Amtszeit als Staatspräsident ist Ferenc Mádl mehrfach in Deutschland gewesen. Herausragend sind seine Besuche in München, wo ihm 2002 die Ehrendoktorwürde verliehen wurde, und bei den Bayreuther Festspielen im gleichen Jahr, wo er als Ehrengast des Bayerischen Ministerpräsidenten teilnahm. Schon ein Jahr vorher nahm Mádl 2001 einen Ehrendoktor in Regensburg entgegen und hielt anläßlich des 50. Jahrestages der Gründung des Südosteuropa-Instituts eine bemerkenswerte Rede, in der er „Ungarns Meilensteine in Europa“ erläuterte. Diese Rede liest sich auch heute noch wie das Vermächtnis eines Mannes, der in gleichem Maße ein glühender Patriot und ein überzeugter Europäer war.

Mádls „Meilensteine“ umfassen die christlich geprägte Staatsgründung vor tausend Jahren durch den Heiligen Stephan, die Bekämpfung der türkischen Invasion des 16. und 17. und die Freiheitskämpfe des 19. Jahrhunderts, die Klage um das zerbrochene „Schiff Europas“ nach dem Zweiten Weltkrieg, den gescheiterten Volksaufstand 1956 und die anschließenden Schritte der europäischen Einigung mit den Bemühungen Ungarns ab 1994, die er persönlich noch während seiner Amtszeit 2004 mit dem Beitritt Ungarns zur Europäischen Union zu einem krönenden Abschluß bringen konnte.

„Das einheitliche Europa braucht einen festen moralischen Grund, der auf Werten, auf dem Recht, auf Traditionen und auf korrekten demokratischen Verfahren aufbaut. Das läßt uns glauben, daß Europa eine faszinierende Vision ist, ein Versprechen der sich stets verbessernden Lebensqualität. Es ist die Pflicht von uns allen – Wissenschaftlern und Vertretern des öffentlichen Lebens –, darauf hinzuarbeiten, daß der Traum der Gründungsväter, die eigenen Träume und die europäischen Träume zur Wirklichkeit werden.“

Angesichts der heutigen politischen und wirtschaftlichen Gefährdungen der Europäischen Einigung durch riskante, die Bevölkerungen belastende Finanzmanöver gewinnt die zehn Jahre alte Mahnung des damaligen ungarischen Staatspräsidenten ein besonderes Gewicht. Mádl schlug in Regensburg vor, eine Partnerschaft zu einer ungarischen Stadt aufzunehmen. Dieser Wunsch wurde bereits 2005 erfüllt; seitdem blüht eine rege Partnerschaft zwischen Budavár, der Burggemeinde Budapests, und Regensburg mit jährlichen Begegnungen, Märkten und künstlerischen Ereignissen.

Am 29. Januar 2011 feierte Mádl mit seiner Familie und Freunden seinen achtzigsten Geburtstag in Budapest. Er war bereits altersschwach und ist danach nicht mehr öffentlich aufgetreten. Am Sonntag, dem 29. Mai 2011, ist er in Budapest verstorben. Mit ihm verläßt ein großer Ungar, ein bedeutender Europäer donauschwäbischer Herkunft die politische Bühne. Ein Platz in den Geschichtsbüchern ist ihm sicher.

Klaus Weigelt (KK)

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