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Ausgaben: Ausgabe 1253.

Preußisch ohne Grimm: Grimme

Kai Burkhardt, Mitarbeiter am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin, widmete seine Dissertation Preußens letztem und Niedersachsens erstem Kultusminister Adolf Grimme (1889–1963). Er will – wie  er schreibt – mit seiner umfangreichen und mit großem wissenschaftlichen Apparat versehenen Biographie dem Namensgeber des jährlich vom Deutschen Volkshochschulverband für herausragende Fernsehproduktionen verliehenen Adolf-Grimme-Preises seine Geschichte wiedergeben.

Wer nun erwartet, eine Lobeshymne auf den ersten Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks vor sich zu habe, der irrt. Grimme war offenbar trotz vieler ehemaliger preußischer Beamter, die er um sich scharte, kein sehr erfolgreicher Leiter des ersten Funkhauses nach dem Krieg. In seiner Anstalt herrschten Chaos und laut Adenauer ein SPD-Übergewicht. Die letzten Gründe für den Zerfall des NWDR im Jahre 1955 werden sich – so Burkhardt – wohl nie aufklären lassen. Erstaunlich, daß es kein Schlußkapitel zur Gründung des Adolf-Grimme-Preises gibt.

Um so mehr steht auf rund hundert Seiten Preußen im Mittelpunkt des Buches. Sein Ende wird aus der Sicht seines letzten Kultusministers ausführlich beschrieben. Finanznöte und politische Unruhen behinderten Grimmes Arbeit. Er betrieb „eine langfristig ausgerichtete Bildungspolitik, die vielmehr an der preußischen Tradition als an kurzfristigen politischen Vorteilen orientiert war“. Im Vorfeld der Preußenwahl vom 24. April 1932 trat er eine Rundreise an, die ihn bis nach Königsberg führte. Mit leidenschaftlichen Reden wandte er sich gegen Hitler.

„Der Kampf um Preußen ist der Kampf um Deutschlands Schicksal“, das war der Kernsatz seiner umjubelten Auftritte. Kein Wunder, daß ihn Hitler 1942 verhaften ließ. Erst nach Kriegsende kam Grimme durch die Briten frei. Gesundheitliche Folgen begleiteten ihn bis zum Tode.

Dennoch schonte er sich nicht. Neben den üblichen Aufgaben eines Kultusministers gründete er in Niedersachsen eine „Zentralstelle für Flüchtlingslehrer“, die 30000 Pädagogen erfaßte und dann jede freie Lehrerstelle mit Heimatvertriebenen besetzte. Grimme empfand sich als religiösen Sozialisten mit einem starken pädagogischen Impetus. Im Rundfunk sah er die Möglichkeit, „das Volk zu formen und das öffentliche Leben zu gestalten“. Burkhardts Fazit:  „Die gesamte Anlage von Grimmes Arbeit aber war preußisch.“

Kai Burkhardt: Adolf Grimme – eine Biografie. Böhlau Verlag, Köln 2007, 384 S., 29,90 Euro

Norbert Matern (KK)

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