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Ausgaben: Ausgabe 1358.

Preußen wider Willen?

Das Rheinland als Preußens Provinz – vom gegenseitigen Beäugen zum gegenseitigen Befruchten

Preussen-wider-WillenDer Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (RVDL) und seine Kooperationspartner stellten ihre gemeinsamen Veranstaltungen des Jahres 2015 unter das Leitthema „Preußen“. Die Programme des großangelegten Projektes „Danke Berlin“ erinnern an eine 200-jährige Beziehung mit Folgen. In Zusammenarbeit mit den Kulturpartnern der Region lud Haus Schlesien, als Initiator und Gastgeber, Ende Mai zur Auftaktveranstaltung der Aktivitäten rund um den „Preußensommer im Siebengebirge“ ein. Dass es vielfache Bezüge zwischen dem Rheinland und Schlesien gibt, ist bekannt. So sind auch beim Preußen-Thema Parallelen zu entdecken: Während Schlesien seit Mitte des 18. Jahrhunderts preußische Provinz war, wurde das Rheinland erst 1815 nach dem Wiener Kongress und der Neuordnung Europas Preußen zugeschlagen.

Rund 60 Teilnehmer wohnten der zweitägigen Veranstaltung mit dem Titel „Das Rheinland – Preußens unbequeme Provinz“ bei. Mit Vorträgen, einer Kulturwanderung und dem Großen Zapfenstreich schuf man einen optimalen Rahmen, in dem die intensiven politischen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Rheinprovinz und dem preußischen Kernland facettenreich dargestellt werden konnten.

Die Bonner Historikerin Dr. Inge Steinsträßer führte die Teilnehmer in die Thematik ein und schilderte die Situation, die die Preußen im Rheinland vorfanden. Zunächst ging es darum, wie es zu den neuen Grenzen in Europa kam: „Als der Wiener Kongress 1815 die Grenzen in Europa neu ordnete, wurden Rheinland und Westfalen Teil der preußischen Monarchie. Weder entsprach dies dem Wunsch der preußischen Regierung, noch war die Bevölkerung dazu befragt worden. Wahrscheinlich hätte sie dies sogar mehrheitlich abgelehnt.“

Mit der Proklamation vom 5. April 1815 ergriff König Friedrich Wilhelm III. offiziell Besitz von den neuen Provinzen. Damit war der überwiegende Teil des heutigen Nordrhein-Westfalens preußisch geworden und seit dem Zerfall des Karolingerreiches erstmals wieder politisch vereint. Dr. Steinsträßer schloss mit der Erkenntnis, dass vor allem nach 1819 zentralstaatliche Probleme in den Vordergrund rückten, während in Berlin die Bereitschaft, regionale Interessen zu berücksichtigen, sank. „Gerade im Rheinland lässt sich der Übergang vom ‚weichen‘ zum ‚harten‘ Stil in der Integrationspolitik feststellen. Dies brachte die von Anfang an vorhandenen Vorbehalte gegen Preußen verstärkt zum Ausdruck.“

Dr. Holger Löttel von der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus bot in seinem Vortrag Antworten auf die Frage „Konrad Adenauer – ein Preuße wider Willen?“ Im Fokus stand die ambivalente Rolle, die Preußen im Leben Konrad Adenauers spielte.

„Einerseits war er ein habitueller Preuße, aufgewachsen im spezifischen Milieu des preußischen Köln, wo er eine Reihe von Eigenschaften verinnerlicht hatte, die man damals und heute als preußisch bezeichnen würde. Sodann war er ein ‚Berufspreuße‘, der im preußischen Staat Karriere machte und verschiedene Mandate wahrnahm, vornehmlich auf kommunaler und provinzialer Ebene, aber eben auch in Berlin und mit Schnittpunkten zur Reichspolitik. Nach 1945 schließlich begegnet Adenauer uns vor allem als kritischer Preuße, der die ‚deutschen Katastrophen‘ in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf unheilvolle Tendenzen zurückführte, die im Preußentum angelegt gewesen seien. (…) Adenauer hat die ambivalente Grundhaltung der katholischen Reinländer gegenüber dem ‚Osten‘ geteilt, zugleich aber ein geschmeidiges Verhältnis zu Preußen entwickelt und im preußischen Staat eine respektable Karriere gemacht.

Unter dem Eindruck von Diktatur und Krieg wandelte sich Adenauer, der alte Mann, jedoch zu einem Preußenkritiker, wobei seine Kritik am preußischen Staatsgedanken auch als Chiffre für seine Menschenskepsis insgesamt verstanden werden kann, speziell für die vermeintliche Sehnsucht der Deutschen nach starken Führern, die er mit seinem robusten Regierungsstil durchaus selbst bediente. Insofern kann man ihn, wenn auch mit Abstrichen, als ‚Preußen wider Willen‘ bezeichnen.“

Ein vierköpfiges Team vom Siebengebirgsmuseum Königswinter stellte Schwerpunkte der – vor kurzem im Rahmen des Projektes „Danke Berlin“ eröffneten – Ausstellung „Preußenadler über dem Rhein. Eine Spurensuche rund um den Drachenfels“ vor. Mehr als 20 Denkmäler, öffentliche und private Bauten sowie markante Schauplätze veranschaulichen das preußische Streben nach Präsenz im Rheinland. Fotografien von Axel Thünker bilden den Kern der Ausstellung, die mit historischen Dokumenten und Zeugnissen aus Museumsbeständen, Leihgaben sowie ausgewählten Exponaten aus der privaten Sammlung RheinRomantik ergänzt wurde. Die Tagungsteilnehmer nutzten die Gelegenheit, die Schau im nahegelegenen Königswinter im Rahmen einer Impulsführung zu besichtigen.

In ihrem Vortrag „Auf Preußen gebaut. Schlesische Architekten im Rheinland“ deckte Silke Findeisen vom Haus Schlesien Spuren des Wirkens bekannter Baumeister im Rheinland des 19. Jahrhunderts auf. Hier ist u. a. der Oberschlesier Ernst Friedrich Zwirner zu erwähnen, der die Fertigstellung des Kölner Domes vorantrieb und markante Gebäude wie die Appolinariskirche in Remagen und Schloss Arenfels am Rhein schuf. Auch der aus dem schlesischen Pleß stammende Julius Carl Raschdorff hat als Stadtbaumeister in Köln und freier Architekt im Rheinland mehrere Bauwerke entworfen, darunter das Ständehaus in Düsseldorf sowie zahlreiche Post- und Bahnhofsgebäude.

Klaus Breuer vom Verschönerungsverein für das Siebengebirge (VVS) hob die „Bedeutung Preußens für die Rettung des Siebengebirges durch den VVS“ hervor. Gerhard Fieberg vom Brückenhofmuseum zeigte in seinem Beitrag „Preußen und der rheinische Karneval“ Aspekte der Spannungen und Auseinandersetzungen auf.

Das umfangreiche Tagungsprogramm im Haus Schlesien deckte ein breit gefächertes Themenspektrum zum Verhältnis des Rheinlandes zu Preußen und umgekehrt seit 1815 ab. Es regte auf unterschiedlichen Ebenen Nachdenklichkeit und Reflexion, aber auch Verständnis und Sensibilität für die Vergangenheit und die Gegenwart gleichermaßen an. Das Projekt „Danke Berlin“ läuft noch bis Mitte Oktober und lädt zu weiteren interessanten Veranstaltungen ein.

Dieter Göllner (KK)

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