Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1265.

Prosa in unser aller Präsens

Dem diesjährigen Georg-Dehio-Preisträger Richard Wagner gerecht werden kann man nur, indem man ihn liest, wir besprechen ihn trotzdem

„Es ist zwar kein Krieg mehr, aber es ist privater Krieg. Jeder hat seinen persönlichen Krieg. (…) Das ist das Gesetz. Das ungeschriebene Gesetz des Lebens.“ So spricht ein Rom über Bosnien, ein bosnischer Rom, der seine Frau umgebracht und dafür sieben Jahre in einem deutschen Gefängnis gesessen hat. Die Frau war eine Deutsche, eine Ethnologin, die ihn liebte wie er sie, die an einem Buch über die Roma arbeitete, nicht seinetwegen, aber mit ihm als Mann und Beispiel. Sie hatten eine Tochter, er hatte als Flüchtling durch die Heirat mit dieser Bille in Deutschland ein Heim gefunden, aber es war keins, es war nicht das, was er wollte. Der Frust und der entsprechende Alkohol zersetzten ihm die deutsche Wirklichkeit bis zur Unerträglichkeit und Heimatlosigkeit. Bosnien war überall, wo er war.

So gut sie vermeintlich zueinander passen, so glücklich die Fügung erscheint, daß eine deutsche Frau die allzu deutsche Geschichte ihrer großbürgerlichen Unternehmerfamilie abzugelten versucht, indem sie am Rande der Gesellschaft nach Mitmenschlichkeit forscht und Liebe findet, so wenig kann diese Liebe über all die Risse zwischen und in den Menschen hinweghelfen. Denn es geht um „Menschen, die am Faden ihrer Geschichte hängen“. 

Dejan, der als heimatloses Opfer in Billes Leben tritt und durch ihr Engagement zum Exempel stilisiert wird, verweigert sich dieser Einvernahme und schlägt sich auf die Seite seiner Landsleute, die in Deutschland ein Auskommen jenseits der Bürgergesellschaft suchen und deren Wohlanständigkeit und guten Willen ausnützen: „Wir sind Profi-Roma und Hobby-Gadsche und umgekehrt. Ganz wie du uns brauchst. Zu deinen Diensten, Prinzessin.“ So beantwortet Dejans philosophisch sinnierender Freund Mirko Billes Frage, was sie denn für Roma seien. Der Abgrund gähnt aus jedem Satz. Die „raunende Beschwörung des Imperfekts“ taugt nicht für solche Geschichten. Es gibt den erweiterten einfachen Satz in der Gegenwart. Und es gibt seine Meister, einer ist Richard Wagner.

Die Literatur hat auch ihr Prekariat, prekär sind allerdings nicht die Produkte, sondern die Erträge. Es gibt die Schriftsteller, die keine Bücher verkaufen, sondern schreiben wollen, es gibt sie noch, die wissen und schreiben, daß es nicht ums Voranstürzen geht, sondern auch ums Zurückfallen und Nachdenken, daß Köpfe nicht nur dazu da sind, sich Kürzel und Techniken moderner Kommunikation anzueignen, sondern auch dazu, dem nachzudenken, was wir verlieren, wenn wir voranstürzen. Dem, was uns ausmacht. Es ist nicht Dichters Sache, die Welt zu erklären, seine Sache ist, sie nicht zu verstehen, und zwar so, daß auch wir sie nicht mehr verstehen und zu staunen beginnen. Richard Wagner ist ein Dichter, der aus dem Staunen nicht herauskommt. Und das Schöne dabei ist, daß er uns in seine ratlose Verwunderung hineinzieht. Mit einfachen Sätzen im Präsens, in unser aller Gegenwart.

„Die Indianer stehen zwischen ihren Autos herum und winken in den Kosmos.“ Das ist so ein Satz. Die werdende Ethnologin Bille praktiziert in Amerika, widmet sich den Minderheiten, und Richard Wagner, ihr Autor und unbestechlicher Freund, nimmt ihr mit einem Satz den Wind aus den Segeln des ethnologischen Engangements. Die Bilder, die wir uns über unseren Nächsten machen, haben alle einen Fehler: Sie sind gemacht – und nicht von uns. Wagner erzählt von den Fälschungen, davon, wie sie entstehen und davon, wie sie wirken.

Der Rahmen ist denkbar fälschungsverdächtig. Es soll ein Film gemacht werden über die unglückliche Geschichte von der Deutschen Bille und dem Rom Dejan. Die Filmautorin mit ihrer – nicht nur – Assistentin und der Ich-Erzähler als Drehbuchautor gehen sie durch, diese Geschichte, sie sitzen beisammen in Berlin und auf Sylt und mutmaßen. Sie messen den Mut, mit dem man an die Geschichte herangehen darf. Richard Wagner nimmt all seinen Mut zusammen. Denn er erzählt unbeirrt davon, daß es Prägungen gibt in einem Menschen, derer er selbst nicht Herr werden kann, daß der offiziös korrekte Diskurs untauglich ist, Leben zu erfassen, daß die Floskeln gegen den Strich gebürstet werden müssen, wenn man einen Funken Erkenntnis erhaschen will.

Ein ganzes Arsenal an Titeln und Versen der Rock-, Pop- und Schlagerproduktion Ost und West in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts setzt Wagner gekonnt als „Soundtrack“ dieser Ballade vom notwendigen Unglück ein, ja er liefert am Ende des Buches sogar eine Liste der „Songs“, die seine scharfen Sätze – zumindest für den, der sie im Ohr hat – untermalen, sie sentimental erweitern, ohne ihnen jedoch die Schärfe zu nehmen. Die Selbstsicherheit des Ich-Erzählers, die prägnant pointierten Urteile über Balkan und Bundesrepublik, über das intellektuelle Milljöh der letzteren und die Unergründlichkeit des ersteren stellt der Autor selbst mit poetischem Hintersinn in Frage – und dabei sich selbst und die eigene Sagweise; er hört sich beim Sprechen zu: „‚Sie war wie ein Vogel im Wind‘, höre ich mich sagen. ‚Ein Vogel, der sich in die Baumkrone stürzt‘, sage ich. / Der Wind hebt den Stamm mit den Wurzeln aus der Erde. Der Baum fliegt mit. Der Vogel schreit. / ‚Wer hörts?‘ sage ich. ‚Und was hört er, wenn ers hört?‘ / Es war, und es war nicht. Es war, weil es nicht war.“

Ein realistischer Roman also, der bedrängend zeitgenössische Wirklichkeit so in Prosa umsetzt, daß die daran Beteiligten – und das sind wir alle – ihre Beteiligung zu spüren bekommen und zugleich ihr Unvermögen, ja ihre Ohnmacht. Richard Wagner ist einer Sprache mächtig, die beides bindet, Teilnahme und Ohnmacht, und sie so auf den neuralgischen Punkt bringt, daß der Leser zumindest weiß, wo es weh und not tut.

Georg Aescht (KK)

Richard Wagner: Das reiche Mädchen. Roman. Aufbau-Verlag, Berlin 2007, 156 Seiten, 19,95 Euro

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