Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1323.

Quadratur der Kulturkreise

Das erste und einzige Gespräch über ein Haus der Europäischen Geschichte fördert vor allem Risse und Spalten zutage

Offensichtlich ist leichter zum Ausdruck zu bringen, was man nicht will, und darüber
auch Übereinstimmung zu erzielen, als gemeinsame und umsetzbare Ziele zu formulieren. Das für 2014 in Brüssel geplante Haus der Europäischen Geschichte (vgl. KK 1318) ist so ein Projekt. Nach der Vorstellung des Initiators Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments, soll es kein Museum sein, sondern ein „Ort der Erinnerung und der Zukunft […],
an dem das Konzept der Idee Europas weiter wachsen kann“. Dieses Ziel ist nicht sehr klar, und so ergeben sich Fragen. Wie wird es mit der Autonomie dieses Ortes bestellt sein, wenn das Europäische Parlament, also eine politische Institution, der Schirmherr ist? Es sei „nicht Aufgabe der Politiker, uns Geschichtsbilder zu  verordnen“. (L. Niethammer) Und Geschichtspolitik „sollte Geschichtsbilder nicht regulieren“. (V. Knigge) Was aber „legitime Geschichtspolitik“ sein könnte, dazu fehle bisher beinahe jede Diskussion.
Und was heißt europäisch? „Ist eine gesamteuropäische Erinnerungskultur überhaupt vorstellbar?“ (H.-J. Veen) Nationale Erinnerungen in Brüssel museal oder administrativ zu homogenisieren sei ja wohl abwegig. Die „Herstellung eines einheitlichen gemeinsamen Gedächtnisses“ (G. Merlio) sei ebenfalls
nicht möglich, weil spätestens seit 2004 die gespaltenen Erinnerungen in West und
Ost erkennbar sind und einer Überbrückung harren (S. Troebst). Um eine reine Abbildung der Vergangenheit könne es auch nicht gehen. Worum dann?

Diese und andere Fragen waren Gegenstand des ersten und bisher einzigen Gesprächs über das Haus der Europäischen Geschichte, das die Stiftung Ettersberg im Oktober 2010 durchführte und 2011 in Buchform vorlegte. Im ersten Teil des Buches werden unter der Frage „Wie europäisch ist die nationale Erinnerung?“ Beiträge aus Österreich, Deutschland, Italien, Polen, Frankreich, Spanien und Rußland vorgestellt. Alle diese sehr beachtlichen Perspektiven
kreisen um nationale Problembewältigungen, die gleichwohl europäischen Bezug haben. Diese Thematik wird dann im zweiten Teil unter der Fragestellung „Auf dem Weg zu einem europäischen Gedächtnis?“ im Hinblick auf die Konzeption des Hauses der Europäischen Geschichte diskutiert.

Beklagt wird, daß es „bisher kaum eine öffentliche Debatte über dieses erinnerungskulturelle Großprojekt der Europäischen Union gegeben“ hat (H.-J. Veen). Vom „Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit“ (W. Borodziej) würden die Kritiker enorm profitieren. Deswegen müsse das Projekt ein „Forum europäischer Öffentlichkeit und reflektierten Geschichtsbewusstseins“ (V. Knigge) bieten, um „die europäische Öffentlichkeit anzufeuern“. (L. Niethammer) Die
„Spannung zwischen der Erweckung der europäischen Öffentlichkeit und dem  Projekt einer europäischen Identität“ sei deswegen die „zentrale Botschaft“ des Ettersberger Symposiums (W. Borodziej).

Die nationalen Beiträge fördern je eigene Problemfelder zutage. In Österreich (H. Uhl) erfolgte erst 1991 die „offizielle Distanzierung von der Opferthese“ und mit der Einführung des Holocaust-Gedenktages 1996 die Übernahme europäischer Erinnerungskriterien. Die Stellungnahme Italiens (G. Heydemann) sieht in dem „Vermächtnis der Resistenza“ eine „autochthone Selbstbefreiung“ vom Faschismus und damit einen Beitrag zum europäischen Gedächtnis.

Polen (R. Traba) stellt als „Leitmotive der kollektiven Erinnerung“ die „ritualisierte Überlieferung der Erinnerungskultur“ – den tief verwurzelten „polnischen Romantismus“ – vor, der in letzter Zeit durch eine Politisierung der Diskurse und die Dominanz von Verschwörungstheorien“ begleitet war. Hier wird insbesondere die deutsch-polnische Auseinandersetzung um das Thema Flucht und Vertreibung
genannt. Einen europäischen Ausweg sieht der Autor auf einem „Weg zum
Wissen“, wie ihn das deutsch-französische Geschichtslehrbuch (2008) aufzeigt; ein
deutsch-polnisches Lehrbuch könnte Westeuropa „ein vergessenes Fragment der Geschichte Osteuropas nahebringen“.

Als Frankreichs (G. Merlio) Problemfelder werden der Vichy-Staat und die Résistance, die Shoah und die Kolonialvergangenheit dargestellt. Die zentrale europäische Dimension, „Europas Identität“, sieht der Autor in der Erinnerung an die Leiden, vor allem in der Shoah: „Das heutige Europa ist gleichsam aus der Asche der Krematorien aufgestiegen. […] Besondere Symbolkraft hat in dieser Hinsicht das Vernichtungslager Auschwitz, das nunmehr mit der europäischen Identität unlösbar verbunden ist.“

Zustimmend zitiert der Autor U. Pfeil: „‚Auschwitz‘ steht hierbei nicht mehr ausschließlich als Symbol für die deutschen Verbrechen, sondern wird zur Chiffre für eine Europäisierung der nationalen Geschichtsbilder und die schrecklichste Dimension menschlichen Handelns.“

Spaniens (W. L. Bernecker) Geschichte der letzten Jahrzehnte belegt, dass auch mehr als 35 Jahre nach Francos Tod kein Ende der erbitterten  Auseinandersetzungen um die Aufarbeitung der Vergangenheit, in der
sich vor allem Bürgerinitiativen engagieren, abzusehen ist.

Rußland (A. Vatlin) unterscheidet zwischen „Schlüsselmomenten der sowjetischen Geschichte in der russischen Erinnerung“ wie die Oktoberrevolution 1917, Stalin und der Stalinismus und der Krieg gegen Hitler- Deutschland – für die Russen bis heute der Große Vaterländische Krieg – und der Nationalisierung der Geschichte in den postsowjetischen Staaten, die alles Negative der russischen Expansion zuschreibe. Dennoch ist der Autor der Auffassung, daß „die Erinnerung
an den Stalin-Terror ebenso wie der Ruhm des gemeinsamen Sieges über Hitler-
Deutschland zum Integrationsfaktor für den postsowjetischen Raum werden“ könnte. Heute gebe es bereits in fast allen Staaten der ehemaligen Sowjetunion eigene „Museen zur Verfolgungsgeschichte, die die jeweilige nationale Tragödie ins Zentrum stellen“. In Rußland selbst gebe es ein großes Potential zu einem radikalen Umdenken, „weg von der ‚Großen Vergangenheit‘, weg von der ‚Großen Zukunft‘ und hin zu einer für das 21. Jahrhundert zeitgemäßen politischen
Kultur der freien Europäer“. Jetzt geht es „nicht nur um eine ‚Destalinisierung‘, sondern um eine ‚Desowjetisierung‘ unserer Vergangenheit, wobei das politische Regime, das in Russland nach 1917 etabliert wurde, als ‚Verbrecherstaat‘ angesehen wird“.

Deutschland (E. Conze) gehöre zu „zwei europäischen Geschichtszonen“. Die „europäische Erinnerungslandschaft“ sei „tief zerklüftet“, weil sie „von einem um den Holocaust und einem um den GULag zentrierten Geschichtsbewusstsein beherrscht“ sei. Damit seien die Deutschen in ganz besonderer Weise mit der „Ungleichzeitigkeit des Gedächtnisses“ konfrontiert. Kann es vor diesem Hintergrund eine gemeinsame deutsche und vielleicht sogar Ansätze zu einer
gemeinsamen europäischen Erinnerung geben? Der Autor sieht in dem „Totalitarismus- Konzept“ die „analytische Folie für den Vergleich
zwischen ‚Drittem Reich‘ und DDR, beschreibt aber für die Zeit nach 1990 im
Hinblick auf die Europäisierung nur die „Universalisierung der Geschichtsbilder
des Holocaust, der gleichsam in das Menschheitsgedächtnis einging“.

Umfassender erklärten 22 Regierungschefs am 27. Januar 2000 in Stockholm, „für alle Zeit gegen Genozid, Gewalt und Diskriminierung zu kämpfen“. Damit und durch die Errichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag 1998 wurden Konsequenzen aus den Diktaturerfahrungen des 20. Jahrhunderts gezogen.

Mit diesen Positionen ist das Feld abgesteckt. Die sich für das europäische Projekt
ergebenden Spannungsfelder werden mit den Gegensatzpaaren Nation – Europa, Diktatur – Demokratie, Nationalsozialismus/ Faschismus – Kommunismus, Holocaust/ Shoah – GULag umschrieben. Das aus dieser Konstellation sich europaweit ergebende „gespaltene Gedenken“ (U. Ackermann) auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen erscheint als die Quadratur des Kreises.
Deutschland hat hier durch seine Mittellage und seine europäische Geschichte eine besondere Erfahrung.

Je mehr spätestens in den 1970er Jahren die Deutsche Einheit in scheinbar unerreichbare Ferne rückte, desto mehr wurde Europa zum „Ersatzziel“ für die Trennung in zwei Staaten. In den 1980er Jahren drehte sich
die Perspektive um: mit der Eurosklerose erreichte die Europäische Union einen Tiefpunkt, Glasnost und Perestroika hingegen eröffneten neue Möglichkeiten, die schließlich zur Deutschen Einheit und zum Niedergang des Kommunismus führten – Vorgänge europäischer Dimension epochalen Ausmaßes. Die Deutsche Einheit bestätigte für Deutschland territorial, was seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Faktum war, und 6 KK1323 vom 25. August 2012 integrierte deutsche Siedlungsgebiete und ehemals jüdische Lebensräume in Staaten, die in ihrer Mehrheit seit 2004/2007 zur Europäischen Union gehören; sie sind damit
nicht mehr Teil deutschen, aber europäischen kulturellen und geschichtlichen Erbes, sollten also Teil des Hauses der Europäischen Geschichte werden.

Nun besteht das Wesen der europäischen Geschichte seit Jahrhunderten nicht nur darin, daß sie imperial, kolonial und national einseitig interpretiert und vermittelt wurde – der russische Präsident berief im Mai 2009 eine Kommission, die „Versuchen entgegenwirken soll, die Geschichte zum Nachteil Russlands zu verfälschen“ – , sondern auch darin, daß Täter-Opfer-Mythen und Geschichtsfälschungen wie z.B. Katyn, Shoah/ Holocaust-Leugnung, oder Geschichtseuphemismen, z.B. Aussiedlung statt Vertreibung, geschaffen und langfristig am Leben erhalten wurden.

Nur so können sich „in den neuen EU-Demokratien des früheren Ostblocks ehemalige Massenmörder wie János Kádár oder Nicolae Ceausescu wachsender Beliebtheit erfreuen“, und es kann vorkommen, „dass Historiker verklagt werden, die Akten öffnen und Täter benennen“. (Zs. Breier) „Europa hat kläglich versagt bei der Aufgabe, die Verbrechen des Kommunismus in ihrer ganzen totalitären Wesensart anzuprangern.“ (V. Vike-Freiberga) Die große Herausforderung heute besteht darin, die historisch überprüften Einzelperspektiven in ihrer Bezogenheit aufeinander und ihre Interdependenz voneinander zu erkennen und in einen hermeneutischen Dialog zu bringen, also eine „polyphone Erzählweise“ (Zs. Breier) zu garantieren, eine „Polyphonie der Erinnerungen“ (R. Traba). Schon 2005 sagte J. Semprún anläßlich des 60. Jahrestages der Befreiung aus dem KZ Buchenwald: „Eine der  wirksamsten Möglichkeiten, der Zukunft eines vereinten Europas, besser gesagt, des wiedervereinten Europas einen Weg zu bahnen, besteht darin, unsere Vergangenheit miteinander zu teilen, unser Gedächtnis, unsere bislang getrennten Erinnerungen zu einen.“

Im Anschluß an das Monumentalwerk über die „Erinnerungsorte“ der französischen
Gedächtniskultur (P. Nora, 1984 und 1992), den lieux de mémoire, fragt E. François nach Europa als Erinnerungsgemeinschaft. Er diskutiert zunächst europäische Gründungsmythen wie Jerusalem, Athen und Rom, wendet sich dann umstrittenen Kristallisationspunkten zu wie Napoleon als Person oder Versailles als Ort, befasst sich weiter mit Feindbildern aus unterschiedlicher Perspektive wie dem Islam für Europa oder Europa für die kolonisierten und beherrschten Teile der Welt (Globalisierungsaspekt), um schließlich – am Beispiel der lothringischen Stadt Nancy – „Europa auch in den lokalen und regionalen Gedächtniskulturen“ aufzuspüren: „Die Region wirkt wie ein Brennglas, in dem sich eine Vielfalt europäischer Bezüge vereinigt.“ Dieser Befund ist gerade auch für Deutschland besonders fruchtbar, zeigen sich doch hier in fast jeder Stadt europäische
Bezüge, auch im früheren deutschen Osten, um nur Breslau, Danzig und
Königsberg zu nennen.

In der Diskussion wurde, abgesehen von den konstruktiven kritischen Stimmen, das Projekt von einer Einzelstimme auch abgelehnt: „Mir leuchtet die Notwendigkeit des
Museums nicht ein“ (F. Augstein). Auch der wissenschaftliche Leiter des Projektes,
Wlodzimierz Borodziej, hält das Haus für unnötig, wenn Europa ausschließlich als
Wirtschaftsgroßraum auftritt. Werde Europa aber als „Global Player“ gesehen und
nehme diese Rolle auch wahr, dann ergebe das Haus der Europäischen Geschichte nicht nur Sinn – „dann wird es notwendig, denn Identität ohne Tradition gibt es nicht“. In diesem Sinne werde man weitermachen, auch wenn das Projekt auf Widerspruch stößt. Im Hinblick auf die kaum vorhandene Öffentlichkeit bemerkte W. Borodziej, „dass europäische Projekte zu den am schlechtesten vermarkteten überhaupt gehören“. Nach dem von W. Borodziej formulierten Ergebnis des Symposiums wird das Haus der Europäischen Geschichte in der Tat ein
Haus und kein Museum sein, eine chronologisch angelegte Dauerausstellung der Geschichte Europas, nicht der Europäischen Union, enthalten, ergänzt um Wanderausstellungen, und als Begegnungsstätte dienen. Eine Autonomie werde es nach deutschem Beispiel geben, und sie werde sich normativ auf wenige Punkte konzentrieren. Die Betrachtung Europas könne nicht nur aus einer nationalen oder regionalen „Binnenperspektive“ erfolgen, sondern müsse auch berücksichtigen, „wie Europa durch die Außenwelt wahrgenommen wird“. Man darf weiter gespannt sein.

Erstaunlich ist, daß während der ganzen Diskussion nur einmal ein nicht weiter beachteter Hinweis auf das Christentum und die von ihm geprägten Werte als konstituierende Merkmale eines europäischen Geschichtsbewußtseins auftauchten.

Klaus Weigelt (KK)

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