Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1239.

Reden gegen das Gerede

Das Haus der Heimat Stuttgart gibt Zeitzeugen Gelegenheit, ihre Erfahrung von Flucht und Vertreibung Gymnasiasten zu vermitteln

Einige Wochen lang hatten sich die Schülerinnen und Schüler zweier Neigungskurse im Fach Geschichte am Gymnasium bei St. Michael in Schwäbisch Hall mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der Konferenz von Potsdam, mit Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten befaßt. Zum Abschluß dieser Unterrichtseinheit führten die Pennäler, die in wenigen Wochen ihre Abiturarbeiten schreiben sollten, Gespräche mit Zeitzeugen von Umsiedlung, Flucht und Vertreibung.

Vermittelt und inhaltlich begleitet wurden die Gespräche durch das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg, das Fachlehrern für Geschichte breite Unterstützung bei der Behandlung dieses Themas im schulischen Unterricht anbietet. Es ist im Bildungsplan für Gymnasien in Baden-Württemberg u.a. in der Oberstufe verbindlich vorgesehen. Am jüngsten Gespräch nahmen drei Zeitzeugen teil, die von ihrem Alter und von ihrer Herkunft her die Thematik sehr unterschiedlich beleuchten und spannend berichten konnten.

Helmut Michel (heute Backnang) aus dem nordböhmischen Niederland, Jahrgang 1921, erlebte nicht nur den „Anschluß des Sudetenlandes“ 1938 und überlebte den Kriegseinsatz an der Ostfront, er beobachtete auch die „wilden Vertreibungen“ in seiner Heimat, bis er Ostern 1946 selbst mit mehr als tausend anderen Sudetendeutschen aus seiner Heimatstadt in einen Güterzug gesteckt und nach Bayern vertrieben wurde.

Riga, der Geburtsort von Wilfried Braun (Jahrgang 1930, heute wohnhaft in Ludwigsburg), ist die Hauptstadt von Lettland. Wie überhaupt Deutsche ins Baltikum gekommen sind und wie sich das Zusammenleben mit Esten und Letten dort gestaltet hat, schließlich die Frage, warum die Deutschen des Baltikums vom nationalsozialistischen Deutschen Reich 1939 umgesiedelt und wie sie im sogenannten Warthegau, also im besetzten Polen, auf Höfen angesiedelt wurden, aus denen kurz zuvor die polnischen Besitzer deportiert worden waren, das alles zu beantworten reichte die Zeit nicht aus.

Die Eltern des dritten Zeitzeugen stammten wie die unseres Bundespräsidenten aus Bessarabien, auch er ist Jahrgang 1943 und wurde als Umsiedlerkind geboren. Dr. Manfred Mayle (heute Ludwigsburg) konnte mit seinen Schilderungen interessante Einblicke in die schwierige Schulzeit als „Vertriebenen-, Flüchtlings- und Umsiedlerkind“ in Schwäbisch Hall und damit in die Phase der Integration seiner Familie in den fünfziger und sechziger Jahren geben.

Ganz besonders interessiert zeigten sich die Schülerinnen und Schüler sowie die beiden Fachlehrer an den Schilderungen der Schulzeit der Zeitzeugen Braun und Mayle, die zwischen 1945 und 1949 bzw. 1954 und 1963 selbst Schüler am Gymnasium bei St. Michael in Schwäbisch Hall waren. Damals kamen rund die Hälfte der Schüler des Gymnasiums aus Flüchtlings- oder Vertriebenenfamilien aus dem Osten.

Das Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg hält für derartige Zeitzeugengespräche einen „Pool“ von Personen bereit, die als Betroffene von Umsiedlung, Flucht und Vertreibung ihre Heimat in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa während des und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren haben. Sie sind bereit, in Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern über das Vergangene zu erzählen und somit einen authentischen Eindruck von erlebter Geschichte zu vermitteln. Auf konkrete Anfrage des Fachlehrers oder der Schule kann das Haus der Heimat gezielt Zeitzeugen aus bestimmten Herkunftsregionen (z.B. Schlesien, Bessarabien u.a.) oder vor Ort ansässige Personen empfehlen.

Darüber hinaus werden zur Vorbereitung von Zeitzeugengesprächen Materialien zur Verfügung gestellt, die das Herkunftsgebiet der Zeitzeugen vorstellen.

(KK)

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