Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1337.

Reisen zur Perspektive der Anderen

Was eine Kulturreferentin in Westpreußen erlebt, wenn sie nicht referiert

Reisen-zurLangsam rollt unser Bus auf den wie immer vollen Parkplatz nahe der Marienburg. Meine Gruppe und ich steigen aus, und nach wenigen Schritten erblicken wir die Festung in ihrer beeindruckenden Backsteinpracht.

Obwohl ich selbst schon viele Male hier zu Besuch war, erfüllt mich die nach dem Krieg wiederaufgebaute Marienburg jedesmal wieder mit Ehrfurcht. Sie war ein weithin sichtbares Zeichen der Macht des Deutschen Ordens in Westpreußen, dieser über Jahrhunderte durch ihre ganz besondere deutsch-polnische Geschichte geprägten Provinz am Unterlauf der Weichsel. Auch meiner Gruppe geht es nicht anders, das kann ich beobachten. Meine Gruppe, das sind diesmal vor allem ältere Menschen, die einmal hier ihre Heimat hatten, die als Jugendliche oder Kinder vor der heranrückenden Front aus Westpreußen flüchteten oder kurz danach von hier vertrieben wurden. Die meisten von ihnen sind in ihrer Landsmannschaft organisiert, manche waren schon oft in ihrer alten Heimat, für einige ist es die erste Wiederkehr nach Jahrzehnten.

Ich vermute, dass einige von ihnen schon als Kinder Schulausflüge zur Marienburg unternommen haben. Die polnischen Schulkinder, die in geordneten Reihen auf ihre Führung warten, mögen sie daran erinnern. Dabei ernten die Kinder anerkennende Blicke: keine Kappen, kein Geschrei, kein wildes Durcheinander, so ist das auch heute noch in Polen. Damals werden die Lehrer jedoch anderes über die Burg und die Ordensritter berichtet haben. Sie dürften über die segensreiche deutsche Kolonisation mit Bibel und Schwert erzählt haben, über die überlegene Kultur der frommen Krieger, die im deutschen Namen das Reich nach Osten erweiterten. Heute wissen wir, dass dieses Bild zu relativieren ist. Meine polnischen Kollegen, die uns führen, erwähnen diese neuen Forschungsergebnisse, die nicht zuletzt auf einen lebendigen deutsch-polnischen Wissenschaftsdialog zurückgehen. Meine Leute hören interessiert zu, nicken, schauen sich an – so haben sie es offensichtlich noch nicht gehört.

Weitere Stationen der Reise sind Danzig, Marienwerder, Graudenz und Thorn. Überall werden wir von jungen polnischen Wissenschaftlern empfangen und betreut, die im Laufe der Jahre erst meine Ansprechpartner und heute vielfach meine Freunde geworden sind. Voller Enthusiasmus präsentieren sie ihre Museen, ihre jeweiligen Arbeitsgebiete und die Sehenswürdigkeiten ihrer Städte. Rasch wandeln sich bei den Frauen und Männern meiner Gruppe anfängliches Zögern und bei dem einen oder anderen auch offene Vorbehalte in begeisterte Teilnahme. Deutsche und Polen beginnen, sich wechselseitig ihr jeweiliges Danzig oder Graudenz zu zeigen. Interessante Aufschlüsse für beide ergeben sich, und schnell wird allen Beteiligten klar, dass die gemeinsame Erinnerung mehr ist als die Summe der jeweils national begrenzten Blickwinkel auf die Dinge.

Zeitweise nehmen auch Angehörige der deutschen Minderheit aus Graudenz und Marienwerder an unserer Reise teil. Es kommt zu intensiven Gesprächen, denn trotz der freundschaftlichen Atmosphäre kann nicht unerwähnt bleiben, dass beide Seiten, vertriebene Deutsche und die heute in Westpreußen lebenden Polen, auf eine tragische gemeinsame Geschichte zurückblicken. So kommt das Gespräch am Abend auf den sogenannten Bromberger Blutsonntag vom September 1939, der Polen und Deutsche unrühmlich verbindet. Damals kam es in den ersten Tagen des deutschen Angriffs auf Polen zu einem Pogrom gegen deutsche Einwohner von Bromberg, dem Hunderte von Menschen zum Opfer fielen. Bis heute wird das Ereignis vorwurfsvoll gerade von Deutschen zur Sprache gebracht.

Ich antworte darauf, dass damals auch Deutsche von ihren polnischen Nachbarn und Freunden vor dem wütenden Mob gerettet wurden. Viele von diesen Polen, Lehrer, Unternehmer, Ladenbesitzer, Akademiker jeder Richtung, wurden kurz darauf Opfer der staatlich organisierten deutschen Rache oder büßten ihr Leben bei der gezielten Vernichtung der polnischen Führungsschicht durch die deutsche Besatzung ein. Diesen Teil der Geschichte kannten meine Leute nicht oder hatten ihn zumindest ausgeblendet. Aber auch meine polnischen Kollegen blieben durch die Zeitzeugenberichte von Flucht und Vertreibung nicht unbeeindruckt. Die Greueltaten von Soldaten der Roten Armee, aber auch die Brutalität der polnischen Milizen und die unterschiedslose Willkür gegen alle Deutschen gewinnen aus dem Mund von Menschen, die das hautnah erleben mussten, eine ganz andere Qualität und Authentizität.

Auch mein Großvater war während der Besatzungszeit in deutscher Haft und wurde schwer gefoltert, doch darüber spreche ich nicht. Es erscheint mir privat und würde die notwendige Distanz zu meiner Arbeit als Kulturvermittlerin gefährden. Aber auch so kann ich zum Ende unserer Fahrt Wirkungen feststellen. Als mein junger Kollege und Freund Slawomir Majoch, Kustos am Universitätsmuseum der UNESCO-Weltkulturerbestadt Thorn, meiner Reisegruppe die Kunstwerke des preußischen Hauptmanns Oskar Kausch nahebringt, spüre ich eine grenzüberschreitende Begeisterung bei allen. Denn es geht nicht mehr um deutsch oder polnisch, sondern um Kunst und Heimat, um Nähe, um ein gemeinsames Verständnis und ein menschliches Miteinander.

Ich bin überzeugt, dass bei unserer kleinen Reise das Verständnis dafür gewachsen ist, dass die eigene Perspektive unvollkommen bleibt, solange nicht auch die Perspektive der Anderen mitbedacht wird. So kann grenz- und generationenübergreifende Arbeit dazu beitragen, aus einer national fragmentierten eine europäische und gemeinsame Erinnerung wachsen zu lassen. Wenn ich dazu als Kulturvermittlerin mit meinen Projekten beitragen kann, dann macht mich das – ich gebe es zu – ein bisschen stolz.

Magdalena Oxfort (KK)

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