Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1367.

„Repatriierung“ in die Fremde

Ein selten aufgeschlagenes Kapitel in der Geschichte der Russlanddeutschen, düster wie ihr ganzes

20. Jahrhundert

Mit dem Vorrücken der Roten Armee auf das Gebiet Polens und der Tschechoslowakei gewann die Frage der Behandlung von Kriegsgefangenen, Ostarbeitern, Zivilinternierten und der volksdeutschen Vertrags- und Administrativumsiedler zunehmend an Bedeutung. Bereits am 31. August 1944 wurde das NKWD der Ukrainischen SSR verpflichtet, in den Grenzgebieten Lwow (Lemberg), Drogobyc (Drohobytz) und Wolhynien die ersten sechs Filtrationslager bzw. Filtrationspunkte für deren Rückführung einzurichten.

Unverdächtige Männer im wehrfähigen Alter, gleich ob kriegsgefangene Rotarmisten oder Ostarbeiter, sollten den Militärbehörden für eine anschließende weitere Verwendung überstellt werden. Verdächtige Kriegsgefangene und Zivilisten sollten in Sonderlager des NKWD übergeben werden. Wehrdienstuntaugliche und nicht wehrpflichtige Männer, Frauen und Kinder wollte man nach der Überprüfung in Filtrationslagern in ihre früheren Wohnorte schicken. Am 22. Mai 1945 wurde in Halle der von Generalleutnant Golubew für die sowjetische Seite und von Generalmajor Barker für die Alliierten ausgehandelte „Plan der Übergabe über die Frontlinie der ehemaligen Kriegsgefangenen und Zivilpersonen, die durch die Rote Armee und die Truppen der Alliierten befreit wurden“, unterzeichnet. Darin war der Beginn der Übergabe in 24 Stunden nach Unterzeichnung des Planes festgelegt. Im Plan waren Übergabepunkte vorgesehen.

In Ausführung des Abkommens von Halle wurden am 23. Mai 1945 entlang der Demarkationslinie zwischen der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland und der britischen und der amerikanischen Zone insgesamt sieben Übergabestellen (Wismar, Kriwitz, Parchim, Magdeburg, Dessau, Torgau, Riesa) eingerichtet. Weitere zwei Übergabestellen sollten in Österreich installiert werden. Hinter dieser Linie wurden in der sowjetischen Besatzungszone Sonderlager des NKWD, teils in ehemals deutschen Gefangenenlagern, in Betrieb genommen. Im Juli wurden weitere 27 Filtrationslager eingerichtet, so dass insgesamt 127 Filtrationslager und 57 Filtrationspunkte mit einer Kapazität für 1,5 Millionen Personen zur Verfügung standen.

Der Abtransport der Repatrianten – es handelte sich um mehrere Millionen Menschen Seite4_KK1367– war sicher eine gewaltige logistische Herausforderung, die allen Beteiligten ein hohes Maß an Kraftanstrengung abverlangte. Alle körperlich gesunden Männer und Frauen sollten den Weg bis zur Grenze der Sowjetunion auf fünf Routen zurücklegen.

Diese Routen verliefen von Parchim nach Grodno (900 km), von Rathenow über Posen und Warschau nach Brest (850 km), von Magdeburg über Frankfurt/Oder nach Ljuboml (900 km), von Wittenberg über Cottbus nach Wladimir-Wolynskij (880 km) und von Großenhain über Breslau und Oppeln nach Lwow (Lemberg) (850 km). Auf diesen Strecken sollten im Abstand von jeweils 60–70 Kilometern Verpflegungspunkte eingerichtet werden, wobei täglich 20–25 km zurückzulegen waren. Im Juli sollten auf jeder Route jeweils 15 Kolonnen zu 5000 Personen und im August jeweils sieben bis acht Kolonnen in Bewegung gesetzt werden. Alte, Kranke und Kinder unter 15 Jahren sollten per Bahn bis zur Grenze gebracht werden. Das Gepäck der in Kolonnen zusammengefassten Repatrianten sollte auf LKWs bis zur Grenze transportiert werden. Das Drama war programmiert.

In das Blickfeld des Bevollmächtigten Golubew und seiner Kommandos gerieten neben den aus Kriegsgefangenenlagern befreiten Rotarmisten und Ostarbeitern, neben Kollaborateuren und Bürgerkriegsflüchtlingen auch jene „Volksdeutschen“, die 1944 in den Warthegau und in andere Regionen Europas zur Ansiedlung gebracht worden waren. In den letzten Kriegsmonaten wurden viele dieser „Volksdeutschen“ auf das Gebiet des Deutschen Reiches weitergeleitet bzw. waren schon nach Kriegsende dorthin geflohen. Die sowjetischen Militärmissionen bekamen die Aufgabe, auch diese ehemaligen Sowjetbürger zuerst in Filtrationslager des NKWD, danach auf sowjetisches Gebiet zu bringen.

Zeitzeugen berichten, dass die Repatriierungskommandos über die Bürgermeisterämter Aufrufe zur Rückkehr an die Bevölkerung richteten. Es wurde der Tag bekanntgegeben, an dem sich die zu Repatriierenden am festgelegten Ort für den Abtransport einzufinden hatten. Nicht selten wurden die Russlanddeutschen von den Bürgermeistern und den Nachbarn zur Rückreise in die Sowjetunion gedrängt. Es gab aber auch Fälle, in denen davor gewarnt wurde, in denen geholfen wurde, ein sicheres Versteck zu finden oder die Identität zu vertuschen.

Alle aufgefundenen Sowjetbürger, ob in den sowjetischen Besatzungszonen in Deutschland und in Österreich oder aus den Besatzungszonen der Westmächte an die Rote Armee Überstellte, wurden in Sammellagern von den Sicherheitsorganen überprüft und für die weitere Verwendung selektiert. Transportlisten, die in Aktenbeständen des NKWD in Archiven in Moskau und in Izewsk eingesehen werden konnten, lassen den Schluss zu, dass schon während der Erfassung in den Sammellagern Russlanddeutsche ausgesondert und als besonderes Kontingent behandelt wurden.

Bis zum 20. November 1945 sollen insgesamt 140 000 Russlanddeutsche in die UdSSR repatriiert worden sein. Die Vollversammlung der UNO hat am 12. Februar 1946 eine Erklärung verabschiedet, in der es u. a. heißt: „Kein Flüchtling darf gezwungen werden, in die Heimat zurückzukehren, wenn die dortigen politischen Verhältnisse ihm kein freies Leben gestatten.“ Das hinderte die sowjetische Administration nicht daran, die Deportationen in ihrem Machtbereich fortzusetzen. Der Transport von repatriierten Russlanddeutschen von der Grenze in die ihnen zugedachten Sondersiedlungen dauerte noch mehrere Jahre.

Die Direktive des NKWD der UdSSR Nr. 181 vom 11. Oktober 1945 verfügte, alle repatriierten Deutschen der Überwachung des NKWD als Sondersiedler zu unterstellen. Alle deutschen Urkunden sollten ihnen abgenommen und neue, wie anderen Sondersiedlern, ausgegeben werden. Für jeden Repatriierten ab zehn Jahren sollte ein Erfassungsbogen ausgefüllt und zusammen mit den in den Filtrationslagern und Filtrations-Durchgangspunkten angelegten Akten zwecks „operativer tschekistischer Betreuung“ herangezogen werden. Damit war, wie die Punkte 8 und 9 dieser Direktive verdeutlichen, die erneute Filtration angeordnet. Von einer Rückkehr in die Heimatorte der Vorkriegszeit, wie dies für Repatrianten vorgesehen war, konnte nur in den seltensten Fällen in der Ukraine die Rede sein.

Die Einstellung der Behörden und von Teilen der Bevölkerung den Repatriierten gegenüber war von Anfang an ablehnend bis feindselig. Am 21. Juli 1945 wurde der Befehl des NKWD der UdSSR Nr. 00865 „Über die Erfassung und Registrierung der repatriierten Sowjetbürger“ erlassen. Sie wurden formal den anderen Sondersiedlern gleichgestellt und unterlagen den Bestimmungen des Statuts über die Rechtsstellung der Sondersiedler vom 8. Januar 1945.

In den Augen der Beamten des NKWD und seines Nachfolgers, des MVD der UdSSR, galten die Repatriierten im November 1951 als besonders gefährliche Personengruppe, die bis auf weiteres in Sondersiedlungen zu halten sei.

Die Begründung lautete: „In Anbetracht der Tatsache, dass ein gewisser Teil der Seite5_KK1367repatriierten Deutschen Helfershelfer der Deutschen waren, während des Rückzugs der deutschen Armee freiwillig nach Deutschland ausreisten, in der amerikanischen und der britischen Besatzungszone wohnten, und in Anbetracht der Interessen der Staatssicherheit, ist es zweckmäßig, alle repatriierten Deutschen für ewige Zeiten in den Ansiedlungsorten zu belassen.“ Ebenso eine besondere Gruppe bildeten jene „Volksdeutschen“, die sich 1943 der „Administrativumsiedlung“ („Heim ins Reich!“) entzogen und nach Zurückweichen der deutschen Truppen in der Ukraine hatten verbleiben können.

Insgesamt wurden Schätzungen zufolge rund 245 000 oder gar 250 000 Russlanddeutsche, die sich nach Kriegsende in von der Roten Armee kontrollierten Gebieten befanden, sowie ca. 45 000 bis 50 000 Russlanddeutsche aus den westlichen Besatzungszonen in die UdSSR „repatriiert“. Die Todesrate während des Transports wird von einigen Autoren auf 30 bis 40 Prozent geschätzt. In Kenntnis der Personenverzeichnisse mehrerer Bahntransporte erscheint diese Zahl zu hoch gegriffen. Ende 1949 sollen sich 210 600 „Repatriierte“ in Sondersiedlungen des NKWD befunden haben. Da die Geburtenrate in dieser Zeitspanne niedrig war, die Sterberate infolge von Hunger und Epidemien aber beträchtlich über der Geburtenrate gelegen haben dürfte, kann indes eine weit über 210 000 Personen liegende Gesamtzahl angenommen werden. Eine noch unbekannte Anzahl von „Repatriierten“ durfte in ihre Vorkriegswohnorte zurückkehren.

Alfred Eisfeld (KK)

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