Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1371.

Respekt im Geviert

In Breslau hört man sich zu – und horcht, horcht auf

Breslau, heute Wrocław, ist von komplettem Bevölkerungsaustausch gekennzeichnet. Einst eine böhmische und später eine habsburgische Stadt, ein Ort, den Hitler Ende August 1944 zur Festung erklärt hat, und der nach dem Kriegsende polnisch geworden ist. Viele Kulturen haben hier ihre Spuren hinterlassen. Heute wird Wrocław von der Stadtverwaltung gerne als „Stadt der Begegnung“, eine – auch für Flüchtlinge – offene Stadt, bezeichnet.

In diesen Tagen, in denen die Welt von Hass erfüllt zu beben scheint, treffe ich in dem Breslauer Viertel der vier Konfessionen, auch Viertel des gegenseitigen Respekts genannt, auf Passanten im Hof der jüdischen Gemeinde, dem zentralen Platz des Viertels. „Ich nehme an jeder Veranstaltung in dem Viertel teil. Ich interessiere mich für meine Nachbarn, so werden sie weniger fremd für mich“, sagt die junge Studentin Anna. „Die heutigen Weltprobleme gründen auf der Angst vor dem Fremden“, fügt sie hinzu.

In dem Kultrestaurant „Mleczarnia“ ruht sich ein älteres Ehepaar bei einer Tasse Kaffee seite_6_KK1371aus. „Breslau war schon immer multikulturell. Man sollte also den gegenseitigen Respekt erhalten. Ich bin stolz, zu diesem Frieden beizutragen“, sagt der Mann. Seine Frau ergänzt: „Alle vier Konfessionen hier wollten dies. Es ist einzigartig in ganz Europa. Und ein positives Beispiel für alle.“

Das Viertel der vier Konfessionen umfasst etwa zehn Hektar im Westen der Altstadt. In einer Entfernung von 300 Metern Luftlinie voneinander stehen Gotteshäuser der römisch-katholischen, russisch-orthodoxen, evangelisch-augsburgischen und jüdischen Gemeinden. Lange bevor hier 2005 eine gleichnamige Stiftung entstand, initiierten Vertreter der Gemeinden zusammen zahlreiche Projekte. Heute sind es über 500 Veranstaltungen jedes Jahr – zum Beispiel Lesungen, Konzerte oder Ausstellungen. Ihr Ziel hat sich nicht geändert: Sie setzen auf interreligiösen und interkulturellen Austausch und Nächstenliebe. Stanisław Rybarczyk, Vorstand der Stiftung des gegenseitigen Respekts, erinnert sich: „Wir wollten nach Gemeinsamkeiten suchen. Eines unserer wichtigsten Projekte war und ist das Treffen von Kindern verschiedener Religionen. Die Kinder lernen sich dabei kennen. Sie werden sich ihres gemeinsamen Ursprungs bewusst. Sie treffen sich im Namen des einen Gottes und teilen das Gute und den Frieden miteinander.“

Um 1900 profitierte der Handelsplatz Breslau von der Lage an der Oder, wo sich einst die altertümliche Bernsteinstraße und die Via Regia des Heiligen Römischen Reiches kreuzten. Hier kamen Kaufleute verschiedener Kulturen und Religionen durch, die von Stettin bis nach Rom und von Santiago de Compostela bis nach Kiew reisten. Bis zu der dritten Teilung im Jahr 1795 war die Union Polen–Litauen ein Vielvölkerstaat mit unterschiedlichsten Glaubensbekenntnissen. Die hier herrschende Religionsfreiheit war in ganz Europa bekannt und sogar politisch geschützt. So auch in Vratislavia, wie die Stadt auf Lateinisch hieß. Bis 1939 lebte die konfessionell vielfältige Gesellschaft hier in Frieden. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag alles in Schutt und Asche.

Aus Breslau wurde Wrocław – weltweit die einzige Stadt, die durch Flüchtlinge, Vertriebene, Kriegsheimkehrer, Repatriierte aus Ostgalizien und den ehemaligen östlichen Grenzgebieten Polens einen vollständigen Bevölkerungsaustausch erlebt hat. So ist jeder hier ein Migrationskind.

Und noch immer sucht die Stadt sich selbst, meint Bente Kahan. Die norwegische Jüdin ist Künstlerin und hat eine Stiftung gegründet, die sich für den gegenseitigen Respekt und das kulturelle Erbe der Stadt einsetzt: „Dadurch haben wir alle hier etwas repariert. Durch all die Veranstaltungen bringen wir uns die Geschichte etwas näher. Es ist wichtig, besonders wenn man in einer Stadt lebt, deren Vergangenheit einen traurig macht.“ Ihr sei es wichtig, dass man in historischer Wahrheit lebe, besonders heute, da Europa wieder in Richtung Nationalismus geht.

Für eine bürgerliche Gesellschaft ist die Zusammenarbeit unverzichtbar, meint der evangelische Pastor Marcin Orawski. Er ist offen für alle: „Wenn wir etwas Gemeinsames aufbauen wollen, müssen wir lernen, in den Unterschieden eine Bereicherung zu sehen. Wir treten auch mit den Breslauer Muslimen in Dialog. Manchmal streiten wir, aber das sind konstruktive Begegnungen. Heterogene Gesellschaften waren immer die tolerantesten. Auch die evangelische Kirche ist per se schon vielfältig.“ Aleksander Gleichgewicht, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Breslau, ergänzt: „Ich bin mit dem Imam befreundet. Nichts behindert unseren Dialog. Wir veranstalten koschere Kochkurse, singen und beten gemeinsam und organisieren Sozialhilfe. Wir engagieren uns auch für Nichtjuden.“

Mit dem Viertel der vier Religionen ist Breslau das europäische Gegenmodell zu der national-konservativen Regierung in Warschau. Es ist aber leider auch ein Ort, an dem rechtsextreme Töne erklingen können. Während einer Demo gegen Flüchtlinge im vergangenen November wurden vor dem Rathaus eine EU-Fahne und eine Puppe vorgeblich jüdischen Aussehens verbrannt. Solche Akte erfahren jedoch keine öffentliche Zustimmung, unterstrich danach Stadtpräsident Rafał Dutkiewicz: „Ich hoffe, die Staatsanwaltschaft greift durch. Solche Schandtaten haben in der freien Stadt Wrocław nichts zu suchen!“ Manuela Plizga-Jonarska, Koordinatorin für den interkulturellen Dialog der Stadt Wrocław, ergänzt: „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind in Polen strafbar. Wir wirken ihnen entgegen. Wir schulen alle, die für Bildung und Sicherheit verantwortlich sind. Wir wollen alle für den Dialog und den gegenseitigen Respekt sensibilisieren.“

„Wir werden uns selbst nicht erkennen, wenn wir voneinander entfremdet bleiben, in den Mauern unserer Ängste eingesperrt“, schrieb einmal der katholische Philosoph Józef Tischner. Breslau versucht das Gegenteil zu leben.

Arkadiusz Łuba (KK)

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