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Ausgaben: Ausgabe 1350.

Revolution als Hehlerware

Die Ereignisse vom Dezember 1989 in Rumänien harren noch ihrer  Aufklärung – Seminar am Heiligenhof in Bad Kissingen

Revolution„Der Diktator ist gestürzt! Das Volk hat gesiegt! Rumänien ist unser! Gott hat uns geholfen.“ Mit diesen Worten verkündete der Dichter Mircea Dinescu am Abend des 22. Dezember 1989 im „Freien Rumänischen Fernsehen“ den Sieg der Revolution. In Rumänien war und ist bis heute strittig, ob es im Dezember 1989 überhaupt eine Revolution gegeben hat oder einen Staatsstreich moskauorientierter Reformkommunisten als Gegenspieler des nationalkommunistischen Regimes unter Nicolae Ceausescu.

Wenn es eine Revolution war, so ist es sicher, dass diese Revolution sehr bald „dem Volk gestohlen“ worden ist. Die Ereignisse im Dezember 1989 und die mediale Berichterstattung darüber sind Musterbeispiele von Falsch- und Desinformationen in den damaligen Massenmedien, insbesondere der Bild- und Filmberichterstattung. Nach dem revolutionären Taumel folgte für viele rumänische Bürger ein verkatertes Erwachen.

Für rund die Hälfte der Landesbewohner, vor allem für die Landbevölkerung, hat sich die wirtschaftliche und soziale Lage verschlechtert. Sie sind nach dem Zusammenbruch der LPGs und Staatsbetriebe vielfach nur noch Selbstversorger. Bis zu drei Millionen Menschen sind mangels persönlicher und beruflicher Perspektiven seither aus Rumänien ausgewandert, darunter und unmittelbar nach den „Dezemberereignissen“ rund 150 000 Deutsche, so dass deren Zahl auf derzeit 36 000 gefallen ist.

Hingegen fanden sich die Eliten des alten Systems in der neuen Zeit bestens zurecht, nutzten ihr Wissen und ihre Netzwerke, gründeten Unternehmen mit Kapital aus unklaren Finanzquellen, beteiligten sich erfolgreich an der Privatisierung des Volksvermögens, erwarben billigst Grundstücke, Produktionsstätten und Rohstoffquellen. Manche wurden zu Millionären, gar Milliardären, schufen Medienimperien und gingen in die Politik. Jedoch sind die Revolutionsgewinner nur eine kleine Gruppe. Im November 2014 errang der Siebenbürger Sachse und langjährige Hermannstädter Bürgermeister Klaus Johannis das Präsidentenamt. Erdrückende Erwartungen lasten auf ihm, er soll das Land modernisieren, die Lebensverhältnisse verbessern, rechtsstaatliche Strukturen festigen, die Korruption beseitigen.

Ziel des Seminars ist es, die Ereignisse der Revolution durch politische Analysen, Dokumentar- und Spielfilme aufzuklären sowie den Blick auf die politischen Entwicklungen von 1989 bis heute zu richten. Peter Miroschnikoff, ehemaliger Südosteuropa-Korrespondent der ARD, wird mit gleich drei Filmreportagen vertreten sein: „Ich erschoss die Ceausescus“, 1990, „Bilder aus Hermannstadt“ und „Das Erbe des Diktators“; die Literatur- und Politikwissenschaftlerin Dr. Anneli Ute Gabanyi wird über „Revolutionsdiskurse“ sprechen. Schließlich wird Friederike Mönninghoff ihre „Ergebnisse einer empirischen Forschung aus biographischer Perspektive“ präsentieren. Es ist auch Gelegenheit für die Teilnehmenden aus dem Publikum, über ihre Revolutionserlebnisse zu berichten. Neben diesen Vorträgen werden einschlägige Spiel- und Dokumentarfilme gezeigt: „12.08 Uhr östlich von Bukarest“, eine Tragikomödie von Corneliu Porumboiu, und „Kapitalismus, unser geheimes Rezept“ von Alexandru Solomon sowie das Politdrama „Das Papier wird blau sein“ von Radu Muntean.

Die Teilnahme an der Veranstaltung vom 12. bis zum 14. Dezember 2014 in der Bildungs- und Begegnungsstätte Heiligenhof, Bad Kissingen, kostet 60 Euro (ermäßigt für Studenten, Auszubildende, Teilnehmer aus Ostmitteleuropa etc. 20) inklusive Unterkunft und Verpflegung, zuzüglich Kurtaxe (3,40 Euro), gegebenenfalls Einzelzimmerzuschlag (20 Euro) für den gesamten Zeitraum. Die Tagung wird von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. Weitere Informationen hat Gustav Binder. Anmeldungen sind ab sofort möglich beim Heiligenhof, Kennwort: Telerevolution, Alte Euerdorfer Straße 1, 97688 Bad Kissingen, Telefon: 0971-714 714, hoertler@heiligenhof.de.

(KK)

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