Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1248.

Richtig Heimat ist nur eine

Der sudetendeutsche Diakon Horst Kaller ist aus Bayern ins böhmische Jägerndorf zurückgekehrt

Eine Rückkehr von aus ihrer Heimat vertriebenen Sudetendeutschen an ihren Ursprungsort – das war zumindest bis zur Wende 1989/90 und vielfach noch lange Zeit danach undenkbar. Und doch gibt es Beispiele. Eines ist Horst Kaller, Diakon der Rummelsberger Brüderschaft im Ruhestand. Er wohnt seit knapp zwei Jahren wieder in Jägerndorf (Krnov), rund sechs Jahrzehnte nachdem er von dort vertrieben worden war.

Stolz bemerkt er, daß er als erster sudetendeutscher Jägerndorfer wieder hierher zurückgesiedelt ist. Bereits kurz nach der Wende bzw. der „Samtenen Revolution“ fuhr er zum ersten Mal in seinen Geburts- und Heimatort und blieb zwei Wochen dort. „Ich war damals viel zu Fuß unterwegs. Meine ersten Begegnungen mit Tschechen hatte ich in der Kirche, in der ich getauft worden bin“, erinnert sich der Diakon. Schnell ergaben sich Kontakte zur Gemeinschaft der Böhmischen Brüder, so daß es in der Folge zu weiteren Besuchen in Jägerndorf kam.

Im Alter von 18 Jahren trat der im Jahre 1940 geborene Horst Kaller in die Rummelsberger Brüderschaft ein, die er gerne als „Sendungsgemeinschaft“ bezeichnet. Im Laufe seines Berufslebens war er an mehreren Orten in Bayern (Bad Steben, Bad Windsheim, Weiden/Oberpfalz, München-Schwabing und Garmisch-Partenkirchen) eingesetzt. „Nirgends war ich bodenständig. Ich war zwar überall sehr gerne, hatte aber keine richtige Heimat“, blickt er zurück.

Die Frage nach der wahren Heimat, nach dem Zuhause stellte sich für ihn nach seinem ersten Besuch in Jägerndorf immer drängender. Und als bei den weiteren Visiten in seinem immer stärker als Heimat empfundenen Jägerndorf die Bekanntschaften und Freundschaften sich stetig mehrten, „wurde dieser Magnet immer anziehender“, so daß Kaller erstmals über die Option der Übersiedlung im Ruhestand nachdachte. „Ich probiere es, ob ich hier nicht wirklich zu Hause bin“, dachte er sich damals.
Klar war ihm selbstverständlich, daß er als evangelischer Christ aus dem Sudetenland zu einer besonderen Minderheit gehörte. „Ich hatte das Gefühl, einer ganz kleinen Minderheit anzugehören: einziger Rückkehrer und Angehöriger der kleinen tschechischen evangelischen Gemeinde der böhmischen Brüder“, beschreibt er die damalige Situation.

In der Realität entwickelte sich die Lage aber ganz anders: Kaller knüpfte Kontakte zu vielen Tschechen, die meist die deutsche Sprache beherrschen, bisweilen sogar deutsche Lieder singen. Eingeladen wurde er schon mehrmals im Rahmen des Deutschunterrichtes im Gymnasium, mit den Schülerinnen und Schülern deutsche Volkslieder zu singen. Als Mitglied im tschechischen Touristenverein ist er regelmäßig auf Wanderschaft im und um das Altvatergebirge mit Wanderfreunden und -freundinnen unterwegs.
Das Minderheitscharakteristikum löste sich schneller als erwartet auf. Der evangelische Diakon erlebt in seiner alten/neuen Heimat viele gute Begegnungen – auch eine gute Ökumene – und arbeitete aktiv bei der Vorbereitung der deutsch-tschechischen Woche in Jägerndorf mit, die vom Jägerndorfer Heimatkreis und der dortigen tschechischen Stadtverwaltung mitorganisiert wurde.

Gezielt geht Kaller auf die Tschechen zu und will damit auch zu Begegnung und zur Versöhnung beitragen. „Ich kann nur ein ganz kleines Etwas für die Verständigung tun“, relativiert Kaller seine Bemühungen. Doch sein Schritt, den Lebensabschnitt des Ruhestandes in seiner wahren Heimat zu verbringen, das war und ist ein ganz großes „Etwas“.

Markus Bauer (KK)

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