Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1236.

Ritterschaften und Petschaften

Das Herder-Institut in Marburg ist in Deutschland die wohl bedeutendste Forschungsstätte für Themen der baltischen Geschichte

Das 1950 in Marburg gegründete Herder-Institut ist eine Service-Einrichtung für die historische Ostmitteleuropa-Forschung mit seinen Sammlungen, seinen Publikationen und seinen Forumsaktivitäten. Die Sammlungen stehen dabei im Zentrum des Interesses der Forschung, bieten diese doch das sonst an keiner anderen Stelle verfügbare primäre Forschungsmaterial.

Während Bibliothek, Bildarchiv und Kartensammlung weitgehend gleichmäßig das ganze Arbeitsgebiet des Herder-Instituts von Estland bis Ungarn abdecken, ergab sich im Falle des klassischen Archivs im Herder-Institut, der Dokumentesammlung (DSHI), die Notwendigkeit einer regionalen Konzentration. Die im deutschen Archivwesen üblichen eindeutigen, meist regional definierten „Zuständigkeiten“ führten zur Profilbildung der DSHI in der baltischen Region, d.h. zu Anspruch und Wirklichkeit, das zentrale Archiv zur baltischen Geschichte in Deutschland zu sein. Die Dokumentesammlung ist mit ihrer zeitlichen Ausdehnung (vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert) wie ihrer thematischen Reichhaltigkeit die bedeutendste archivische Baltica-Sammlung in Deutschland und gehört zugleich zu den größten außerhalb der baltischen Länder.

Diese bewußte Profilbildung wurde von der Öffentlichkeit, insbesondere von der Forschung, angenommen. Das zeigen die Neuerwerbungen von Archivgut (von 1998 bis 2006 Zunahme über 100 Prozent) ebenso wie die ständig steigenden Zahlen der Benutzer und der schriftlichen Anfragen. Welch großen wissenschaftlichen Ertrag die Forschung den DSHI-Beständen verdankt, zeigt die jedes Jahr umfangreicher werdende Liste der mit diesen Materialien entstandenen Publikationen. Dieses alles bildet den Hintergrund für eine besondere „Erwerbung“ aus dem Jahr 2006, über die hier berichtet werden soll: Im Frühjahr 2006 wurden die Archive der Baltischen Ritterschaften aus dem Hessischen Staatsarchiv Marburg als Depositum in die DSHI übernommen. Diese Materialien (etwa 120 laufende Regalmeter) sind Eigentum des Verbandes der Baltischen Ritterschaften und bilden in der Dokumentesammlung eine eigene Bestandsgruppe (DSHI 190 Balt. Ritterschaften).

Die Ritterschaften können im Baltikum auf eine über siebenhundertjährige Geschichte zurückblicken; sie existieren bis heute als Zusammenschluß deutschbaltischer Adelsfamilien. Zu ihnen gehören die Ritterschaften von Estland, Livland, Kurland und Ösel, also jener historischen Provinzen, die seit 1918 die Territorien der Republiken Estland und Lettland bilden. Es handelt sich um Archivgut der genannten vier Ritterschaften sowie um Akten ihres Zentralverbandes seit 1945. Die Bestände stammen aus der Zeit von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Sie umfassen Urkunden (die älteste von 1347), Amtsbücher, Handschriften, Nachlässe, Familienarchive und anderes. Die Archive der Baltischen Ritterschaften sind nun integraler Bestandteil der DSHI-Bestände und fügen sich nahtlos in diese ein.

Zum Abschluß der Übernahme fand eine Feier im Herder-Institut statt, zu der u.a. die Repräsentanten der Baltischen Ritterschaften eingeladen waren, an deren Spitze der Präsident des Gesamtverbandes Ulf von Samson-Himmelstjerna sowie die Vertreter der einzelnen Ritterschaften. Des weiteren nahmen Repräsentanten der Baltikum-Forschung in Deutschland teil, so der Vorsitzende der Baltischen Historischen Kommission Gert von Pistohlkors und der emeritierte Mainzer Osteuropa-Historiker Erwin Oberländer, zu dessen Forschungsschwerpunkten in den beiden letzten Jahrzehnten die baltische Region, vor allem das Herzogtum Kurland, gehört. Ferner waren Archivare der Einladung gefolgt, so die Vorsitzende des Landesverbands Hessen des Vereins deutscher Archivarinnen und Archivare, Brigitte Streich, und der Direktor des Hessischen Staatsarchivs zu Marburg, Andreas Hedwig.

In den Grußworten und Referaten kam zum Ausdruck, welche großen Vorteile die Forschung zur Geschichte der baltischen Region dadurch hat, daß sich nun auch die Bestände der Baltischen Ritterschaften in dem ohnehin schon größten Archiv zur baltischen Geschichte befinden und welche Synergieeffekte sich ergeben, da die verschiedenen, sich wechselseitig ergänzenden, auf das Baltikum bezogenen Archivbestände nun unter einem Dach vereint sind, und welchen Nutzen es hat, daß eine Zersplitterung der inhaltlich zusammengehörenden Materialien verhindert werden konnte. Die bei der Feier gehaltenen Reden werden in Kürze in einer Broschüre veröffentlicht.

Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, daß mit dem Archivgut der Baltischen Ritterschaften auch ihre drei Bibliotheken ins Herder-Institut gelangten und einen Sonderbestand innerhalb der Bibliothek des Instituts bilden. Es handelt sich um eine Spezialbibliothek zu Kurland, ferner um die vor
allem Livland betreffende Bibliothek des Rechtshistorikers und Genealogen Astaf von Transehe-Roseneck (1865–1946) sowie um die gesamtbaltische, vor allem ortsgeschichtliche und genealogische Bibliothek von Georg von Krusenstjern (1899–1989). Die drei Bibliotheken umfassen zusammen etwa 70 laufende Regalmeter. Sie enthalten in großer Zahl Rara und Rarissima zur baltischen Geschichte und sind auch für die baltische Buchgeschichte von unschätzbarer Bedeutung.

Durch den Ausbau des auf das Baltikum bezogenen Materialbestandes in den einzelnen Sammlungen des Herder-Instituts erweiterten sich die Ressourcen zur Erforschung der Geschichte und Kultur des baltischen Raumes wesentlich. Es ergeben sich für die Zukunft zahlreiche neue Perspektiven baltischer Forschungsmöglichkeiten.

Das Herder-Institut ist in seinen Sammlungen (Bibliothek, Bildarchiv, Kartensammlung und Dokumentesammlung), mit seiner bibliographischen Arbeit in gedruckter Form und in Gestalt weltweit nutzbarer Datenbanken und anderen Internetangeboten sowie mit seiner gesamten räumlichen und technischen Infrastruktur die wohl bedeutendste Forschungsstätte in Deutschland für Themen der baltischen Geschichte.

Peter Wörster / Dorothee M. Goeze (KK)

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