Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1257.

Rundfunk als zündender Funke

Das Haus der Heimat Stuttgart präsentiert Fred von Hoerschelmann, einen der ersten deutschen Dramendichter des Radios

Für die einen war er ein imponierender Außenseiter, für andere ein unübertroffener Meister des dramatischen Hörspiels, ein Dramendichter des Radios. Seit den Anfängen des Rundfunks in Deutschland gehörte Fred von Hoerschelmann zu seinen Pionieren. Sein Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ (1953) war viele Jahre lang eines der berühmtesten deutschen Werke dieser Gattung. Jahrzehnte nach ihrer Entstehung stellen die Hörspiele des deutschbaltischen Autors heute ein interessantes Zeugnis ihrer Zeit dar.

Das Haus der Heimat in Stuttgart widmet dem 1976 in Tübingen verstorbenen Schriftsteller bis zum 20. Juni 2008 die Kabinettausstellung „Fred von Hoerschelmann (1901–1976) – Annäherungen an einen Hörspielautor. Ein Kapitel deutscher Rundfunkgeschichte“.

„Hoerschelmann skizzierte einfache Menschen, die sich plötzlich in Ausnahmesituationen wiederfinden und Entscheidungen treffen müssen – für sich selbst und für andere. Einige scheitern an dieser Aufgabe, andere wachsen über sich hinaus“, erläutert Carsten Eichenberger vom Haus der Heimat in Stuttgart. Hoerschelmanns Hörspiele machen Werte, Wünsche, Hoffnungen und Ängste aus der Gründerzeit der Bundesrepublik wieder vernehmbar.

Fred von Hoerschelmann, am 16. November 1901 als Sohn eines deutschbaltischen Arztes in Hapsal in Estland geboren, studierte Literaturgeschichte und Philosophie in München und Berlin. Die Einführung des Rundfunks in Deutschland regte ihn an, für dieses neue Medium zu schreiben. 1928 entstand sein erstes Hörspiel, „Flucht vor der Freiheit“, das 1931 in Königsberg/Pr. urgesendet wurde. Eine weitere, allerdings gegen den Willen des Autors umgearbeitete Aufführung unter dem Titel „Der Weg in die Freiheit“ wurde in der Berliner Funkstunde am 7. März 1933 mit Heinrich George in einer Hauptrolle live gesendet und auf Schallplatte mitgeschnitten.

Hoerschelmanns frühe Hörspiele – neben dem genannten noch sieben weitere – wiesen den jungen Autor bereits als einen ungewöhnlichen Erfinder überzeugender Gestalten und hintergründiger Handlungen aus. Anfang der 30er Jahre war Hoerschelmann ein Pionier in einer vielversprechenden neuen Kunstform, die das Radio hervorgebracht hat: das Hörstück oder Hörspiel, als dramatische Inszenierung mit verteilten Sprecherrollen, Hintergrundgeräuschen und Musik live gesendet.

1936 kehrte Hoerschelmann, der sich nicht von den braunen Machthabern vereinnahmen ließ, nach Estland zurück. Doch nur wenige Jahre später, im Oktober 1939, wurde er wie die meisten seiner deutschbaltischen Landsleute in das sogenannte Wartheland, nach Hohensalza (poln. Inowroclaw), umgesiedelt und 1942 zur Wehrmacht einberufen. Nach dem Ende des Krieges hielt sich Hoerschelmann in Tübingen mit schriftstellerischen Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht als recht über Wasser. Er durchlebte Hungerjahre im doppelten Sinn: Während der Umsiedlung hatte er über 850 Bände seiner Bibliothek in Hapsal zurücklassen müssen.

Mutlosigkeit und Resignation befielen den 45jährigen Schriftsteller: „Ich glaube mitunter, ich habe keine besondere Begabung, irgendetwas Beachtliches zu schreiben … Was kann aus mir eigentlich noch werden? Es ist beinahe so, als ob ich für alle, die ich kenne, längst ganz überflüssig geworden bin, und für mich wahrscheinlich auch. Wenn ich mich nun noch eine Weile hinziehe, so geschieht das dem Gesetz der Trägheit zufolge.“ (Journal, 10. Mai 1946)

Dabei lag die langjährige erfolgreiche Schaffensperiode Fred von Hoerschelmanns noch vor ihm. Seit 1948 „funkarbeitete“ er wieder und profitierte davon, daß die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit wichtigen Neuproduktionen hervortraten und bis zu zwei Hörspiele pro Woche sendeten. 1952 und 1953 erhielt Hoerschelmann so viele Aufträge für Hörspielausarbeitungen, daß er die Arbeit an seinem ersten Roman, einer in Estland angesiedelten Wintergeschichte, abbrechen mußte.

1953 entstand sein novellistisch zugespitztes Flüchtlingsdrama „Das Schiff Esperanza“, das mit Übersetzungen in 20 Sprachen international Anerkennung fand und den Typus des dramatischen Hörspiels der 50er Jahre schlechthin verkörpert. Neben Günter Eichs „Mädchen aus Viterbo“ (1952) und Walter Jens’ „Ahasver“ (1956) setzte Fred von Hoerschelmann aber auch mit dem Hörspiel „Die verschlossene Tür“ (1952) einen wichtigen Akzent in der Aufarbeitung der Jahre des Krieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Der Nachlaß Fred von Hoerschelmanns ist seit wenigen Jahren im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar erschlossen zugänglich. Funkproduktionen seiner Hörspiele befinden sich vor allem in den Archiven des Südwestfunks und des Norddeutschen Rundfunks. Fred von Hoerschelmann schrieb rund 30 Hörspiele nach eigenen Stoffen, etwa 50 weitere Bearbeitungen nach Vorlagen der Weltliteratur (Werfel, Tolstoi, Balzac, Simenon, Dostojewski u.a.), daneben auch Gedichte, Erzählungen, Märchen und Kurzgeschichten. Nach Günter Eich (1907–1972), dem wichtigsten deutschen Hörspielautor, war Fred von Hoerschelmann in den Gründerjahren der Bundesrepublik ein Wegbereiter für die Blütezeit des literarischen Hörspiels.

Besucher der vom Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg konzipierten Kabinettausstellung in Stuttgart werden auf zehn Tafeln in Leben und Werk Hoerschelmanns eingeführt. In Vitrinen werden Originalmanuskripte des Autors, die vom Deutschen Literaturarchiv Marbach zur Verfügung gestellt worden sind, gezeigt. Der Norddeutsche Rundfunk und der Südwestrundfunk steuern Aufnahmen von Hörspielen Fred von Hoerschelmanns bei, die in der Ausstellung auch gehört werden können. Zahlreiche Führungen und Aufführungen, auch für Schulklassen, erweitern das Angebot. Zeitgleich führt das Stuttgarter Theater am Olgaeck das Drama „Die verschlossene Tür“ von Fred von Hoerschelmann auf. Premiere war am 15. Mai 2008.

(KK)

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