Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1402.

Sachwalter der Erinnerung, ihrerseits vergessen

Heimat bewahren – Kultur vermitteln – Zukunft gestalten: vom „kommunikativen“ zum „kollektiven“ Gedächtnis

Vertrauen und Zuversicht von einst – sie tun not wie eh und je: Broschüre zum 25-jährigen Jubiläum des Ostdeutschen Kulturrates
Bilder: OKR

Seit Ende der 1980er Jahre gibt es in den „Kultur- und Kommunikationswissenschaften“ eine Diskussion über das kommunikative und das kollektive Gedächtnis und die damit verbundenen Erinnerungskulturen in der Gesellschaft. Inwieweit diese vorwiegend in der soziologischen Wissenschaftssprache geführten Diskussionen für die praktische Arbeit der zumeist ehrenamtlich arbeitenden deutschen Heimatvertriebenen Relevanz haben, die sich ihre Geschichten erzählen (Karl Schlögel), also das kommunizieren, was sie in ihrem Gedächtnis haben, um sich in ihrem Schicksal zu verstehen, steht auf einem anderen Blatt.

Ob über dieses Geschichtenerzählen (auf Neudeutsch: „oral history“) sich Elemente eines gemeinsamen, also kollektiven Gedächtnisses entwickeln, ist vor allem im europäischen Rahmen, also im grenzüberschreitenden Dialog und Gespräch über die deutsche und jüdische Kultur im östlichen Europa eher fraglich, wie zähe und langwierige deutsch-polnische Schulbuchverhandlungen oder Gespräche über unterschiedliche Leidenserfahrungen unter dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus im Ost-West-Gespräch nach der europäischen Einigung 2004 und 2007 dokumentieren.

Für die Diskussion in Deutschland ist es wichtig, einen Blick auf die Ausgangslage in den Anfangsjahren der Bundesrepublik nach 1949 zu werfen. Das Bundesvertriebenen- und -Flüchtlingsgesetz (BVFG) war erst 1953 geschaffen worden. Der Paragraph 96 dieses Gesetzes war eine Notlösung, weil die Vertriebenen im Grundgesetz von 1949 „vergessen“ worden waren. In seiner Präambel wird das „gesamte Deutsche Volk“ angesprochen, das sich 1949 nach Flucht und Vertreibung auf dem Boden der DDR und der Bundesrepublik befand.
Die Gründung des Ostdeutschen Kulturrates (OKR) 1950 hatte erkennbar gemacht, dass es neben der „territorialen Amputation“ Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg auch eine „kulturelle Amputation“ gegeben hatte. § 96 BVFG setzte nun Bund und Länder als Treuhänder für die ostdeutsche Kultur ein, wies aber den Vertriebenen die Hauptverantwortung für diese Aufgabe zu. Damit wurde die ostdeutsche Kultur dauerhaft – bis heute – zu einem Thema der Vertriebenen, mit allen damit verbundenen Nachteilen.

Mit dieser Notlösung geriet die ostdeutsche Kultur zudem in den Wirrwarr von Bund- und Länderkompetenzen und in ein dauerhaftes Gerangel um Zuständigkeiten. Je nach politischer Situation in den Ländern oder im Bund hatten die Vertriebenen und der § 96 BVFG meist schlechte, manchmal bessere Karten. Auch wenn es nicht gern gehört wird, muss darauf hingewiesen werden, dass der Bund im Jahre 2000 eine „Politik mit dem Schlachtermesser“ machte und zahlreiche bewährte Einrichtungen aus der institutionellen Förderung entfernte. Diese Aktion des neu geschaffenen Amtes eines Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) ignorierte die fast einstimmige Entschließung des Deutschen Bundestages von 1997, in der den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen der Status von Botschaftern im Rahmen der Verständigung mit den östlichen Nachbarn zugesprochen wurde. Zahlreiche Verbindungen in das östliche Europa wurden unterbrochen und müssen jetzt – Jahre später – mühsam wieder aufgebaut werden, ein schlechter Dienst für ein so wichtiges gemeinsames Gedächtnis in Europa!

Eine beispiellose Studienbuchreihe zum zwölffachen Gedächtnis der deutschen Kulturlandschaften im Osten – und nunmehr auch zu dem des Ostdeutschen Kulturrats

Im Zuge der Erweiterung des Ostpreußischen Landesmuseums durch die 2016 zugeführten Königsberger und Kant-Sammlungen wurden vom Bund 5,6 Millionen Euro für den notwendigen Erweiterungsbau bereitgestellt. Das Land Niedersachsen blockierte volle zwei Jahre, bis zum Frühjahr 2018, die Bereitstellung der Landesmittel. Der Gesetzgeber von 1953 hatte sich die Kooperation zwischen Bund und Ländern sicher anders vorgestellt.

Wer den Bereich der ostdeutschen Kultur überblickt, darüber konnten sich die Teilnehmer einer Konferenz der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen im Februar 2019 in Königswinter ein facettenreiches Bild machen, der wird anerkennen, dass in den 65 Jahren der Geltung des § 96 BVFG sehr viel geleistet wurde, obgleich die Finanzausstattung immer prekär blieb. Wie anlässlich der Tagung mitgeteilt wurde, beträgt der finanzielle Anteil dieser Arbeit gerade 0,8 Prozent des Haushaltes der BKM, dessen Höhe sich auf 1,9 Milliarden Euro beläuft.

Der Gesetzesauftrag des § 96 BVFG spielt also immer noch eine Rolle, ist aber bis heute nicht in seiner ganzen Zielsetzung erfüllt. Das „Bewusstsein“ des deutschen Volkes und des Auslandes, also Europas, wurde nie wirklich erreicht. Schwerer noch wiegt: Es wurden kaum je valide Anstrengungen in diese Richtung unternommen, ja oft eher das Gegenteil bewirkt. Ein Gedenktag für die Vertreibung wurde erst 2015 geschaffen und auf den 20. Juni, zeitgleich mit dem Weltflüchtlingstag, festgelegt. An diesem Tag oder auch bei den jährlichen Tagen der Heimat äußern sich „Staatsorgane“, aber der Widerhall in den Medien und in der veröffentlichten Meinung ist gering und dringt nicht ins „Bewusstsein“ des deutschen Volkes vor.

Deutschland hat also nicht einmal ein „kommunikatives Gedächtnis“ der Vertreibungstragödie oder für die ostdeutsche Kultur geschaffen. Weder gibt es an den Universitäten eine ausreichend große Anzahl von Lehrstühlen noch hinreichende, von der Kultusministerkonferenz unterstützte Lehrpläne für die Schulen zu diesem Thema. In öffentlichen und kommunalen Institutionen ist die ostdeutsche Kultur bisher nennenswert kaum zum Thema geworden, vielmehr fällt sie sukzessiver Eliminierung zum Opfer. Dabei gibt es Städtepartnerschaften zwischen der Russischen Föderation, Polen, Tschechien und anderen mittelosteuropäischen Staaten und Deutschland, die auch für das Gedächtnis des gemeinsamen deutschen und jüdischen kulturellen Erbes auf europäischer Ebene genutzt werden könnten.

Die deutsch-polnische Arbeitsgemeinschaft Kommunale Partnerschaft führt in jährlichen Konferenzen Vertreter der Städtetage, der Landkreistage und kommunalen Spitzenverbände beider Länder zusammen und diskutiert gemeinsam interessierende Fragen in aller Offenheit und im Geist der friedlichen Nachbarschaft. Die zahlreichen Städtepartnerschaften werden für diesen deutsch-polnischen Dialog genutzt – in Ostpreußen, Ostbrandenburg, Pommern, Schlesien.

Der Titel der letzten Anthologie mit Erzählungen, die zum letzten OKR-Erzählerwettbewerb eingereicht worden waren, hatte damals noch nicht den metaphorischen Unterton, der heute darin hallt

Bis zu der Konferenz in Königswinter waren und einstweilen sind es im Wesentlichen die deutschen Vertriebenen mit ihrer Kulturstiftung, das Kulturwerk Schlesien, die Künstlergilde Esslingen, die Stiftung Königsberg, die Stiftung deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR und andere ehrenamtlich tätige Einrichtungen, die sich dem Erbe der ostdeutschen Kultur mit dürftiger Finanzausstattung widmen und für ein „kommunikatives Gedächtnis“ dieses Erbes sorgen. Diese Einrichtungen spielen trotz ihres überwältigenden Engagements aus dem Blickwinkel der BKM keine Rolle in den Zwei-Jahres-Berichten der Behörde. Die sogenannte „Projektförderung“ für diese ehrenamtlich und auf Spendenbasis arbeitenden Einrichtungen ist ein „Danaer-Geschenk“, nicht nur wegen der äußerst schwierigen und abschreckenden Antragswege, sondern auch, weil die notwendige Eigenbeteiligung vielfach die Kräfte der Antragsteller übersteigt.

Die Hauptverantwortlichen für die ostdeutsche Kulturarbeit sind die von der BKM institutionell, aber auch nicht gerade lukrativ geförderten Institutionen, vor allem die ostdeutschen Landesmuseen und die drei großen Bundesinstitute – Kunstforum Ostdeutsche Galerie (Regensburg), Deutsches Kulturforum östliches Europa (Potsdam) und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (Oldenburg).

Diese Einrichtungen versuchen mit ihren Mitteln, auf nationaler und europäischer Ebene ein „kommunikatives Gedächtnis“ zu schaffen. Dabei sind besonders die Potsdamer Wanderausstellungen und Publikationen, die Regensburger grenzüberschreitenden Präsentationen, die Arbeit des Oberschlesischen Museums in Ratingen, des Ostpreußischen Landesmuseums und des Ostpreußischen Kulturzentrums in Ellingen sowie der Museen in Görlitz, Greifswald und Ulm als vorbildlich hervorzuheben.

Der Beauftragte des Bundes für Aussiedler und Minderheiten hat seinen Blick überwiegend in Mittelost- und Südosteuropa, wo er eine von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete, aber bedeutende, wenn auch finanziell schwach ausgestattete Arbeit leistet, die im Wesentlichen vor Ort der Verbesserung des „kommunikativen Gedächtnisses“ gewidmet ist. Davon konnte ich mich persönlich bei inzwischen sechs Konferenzen vor Ort überzeugen. Die siebente Konferenz findet 2019 im serbischen Sombor statt. Dem Beauftragten Hartmut Koschyk ist es in seiner Amtszeit einmal gelungen, die osteuropäischen deutschen Minderheitenvertreter nach Berlin einzuladen und dort auf höchster politischer Ebene Gespräche zu führen. Die Medien nahmen von dieser bahnbrechenden Aktion keine Notiz. Das ist hierzulande Teil der Pressefreiheit.

Auf internationaler Ebene unternehmen die Institutionen der Europäischen Union – Europäisches Parlament, Europäischer Rat, Kommission, Ausschuss der Regionen – und das Haus der europäischen Geschichte in Brüssel keinerlei erkennbare Anstrengungen im Blick auf ein „kommunikatives Gedächtnis“ in Sinne des in Königswinter diskutierten Tagungsthemas. Als bei den Europawahlen 2014 der seit 1994 im Europäischen Parlament wirkende Abgeordnete Bernd Posselt nicht wiedergewählt wurde, ging die letzte Stimme für das Anliegen der ostdeutschen Kultur verloren. Jetzt weiß im Europäischen Parlament niemand mehr, worum es sich überhaupt handelt. Und mit den Europaabgeordneten der mittelosteuropäischen Beitrittsländer sucht niemand den Dialog in diesen Fragen.

Wenn es also nach 65 Jahren § 96 BVFG nur ansatzweise ein „kommunikatives Gedächtnis“ des deutschen Kulturerbes im Osten gibt, vor allem bei den Vertriebenen und in den ihnen verbundenen Institutionen, welche Voraussetzungen bestehen dann überhaupt, zu einem „kollektiven Gedächtnis“ vorzustoßen, also zu dem, was der Gesetzgeber 1953 im „Bewusstsein des deutschen Volkes und des Auslandes“ erhalten und bewahren wollte?

Um ein solches Ziel sinnvoll anzustreben, müsste erst einmal die ostdeutsche Kultur in die deutsche Kultur integriert werden: Im Deutschen Kulturrat (seit 1981) ist dieses Thema unbekannt; in den Universitäten, Schulen und Kommunen müsste es wiederbelebt werden. Zudem müsste die ostdeutsche Kultur in den Rahmen der Europäischen Union integriert werden, ins Europäische Parlament (Kulturausschuss), in die Auswärtige Kulturpolitik, in das Haus der europäischen Geschichte. Schließlich müsste die selbstverständliche Integration der ostdeutschen Kultur auch die durch die Verbrechen des Nationalsozialismus vernichtete jüdische Kultur im östlichen Europa einschließen. Das sieht auch die Konzeption 2016 der Bundesregierung zum § 96 BVFG vor.

Diese Integrationsaufgabe zur Schaffung eines gemeinsamen Bewusstseins oder, wie es das Thema in Königswinter formuliert, eines „kollektiven Gedächtnisses“, ist keine allein den Vertriebenen aufzulastende Aufgabe, sondern sollte endlich ein föderales und gesamtstaatliches Anliegen werden. Die in der Diskussion vielfach angesprochene „Öffnung“ kann nicht nur den Vertriebenen abverlangt werden: Bund, Länder und Kommunen, vor allem aber die Medien haben die gleiche Aufgabe.

Klaus Weigelt (KK)

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