Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1219.

Sag, wo ist denn nun das Paradies?

Ein Herr namens Janosch, Kinderbeglücker und Lebenskünstler

Der Interviewer ist erfunden. Erhielt den Namen Jan Skral. Soll in Lwow geboren sein, 1934. Und seit 1963 in Tanger leben. Nichts davon dürfte stimmen. Denn der aus Anlaß seines 75. Geburtstags zu Interviewende mag viele nicht. Am allerwenigsten Journalisten, die ihm mit lästigen Fragen zu Leibe rücken könnten.

Der Herr Skral – wer ist es dann, der im bildschönen Geburtstags-Autobiographie-Buch „Leben & Kunst“, einer brillanten Neuauflage von „Von dem Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben“ (Merlin Verlag), den zu Feiernden befragt? Er selber, Janosch. Wie ja auch dieser Name reine Erfindung ist. Aber von Horst Eckert, als der er 1931 in Hindenburg/ Zabrze zur Welt kam, als Kind armer Schlucker übrigens, will der Herr Janosch genausowenig wissen wie von Journalisten. Und, so wird kolportiert, von Kindern. Für die er ja ein Leben lang geschrieben hat. Das soll wahr sein?

Wahr – was ist schon wahr für Janosch, der Deutschland, wo er viel Geld mit seinen witzigen Kinderbüchern und noch mehr mit deren kluger Vermarktung verdient hat, 1980 den Rücken kehrte und sich auf eine spanische Insel zurückzog? Herrn Skral fällt gegen Ende von „Leben & Kunst“ auf, daß sein fiktiver Interviewpartner einmal das eine sagt und dann wieder das Gegenteil. Janosch findet daran nichts Merkwürdiges. „Alles ist doch sowohl so als auch anders“, sagt er lakonisch. „Heute sehe ich das von der einen Seite, morgen von der anderen, und wenn Sie mich morgen das gleiche fragen, kann ich morgen das Gegenteil darauf antworten. Und es wird für mich wieder richtig sein. Denn beides ist immer wahr…“

Und fährt fort, wie man es von Janosch erwartet und, zugegeben, auch gern vernimmt: „Der Mensch ist einmal eine Sau und dann wieder ein wunderbares Wesen.“ Solcherlei Lebensweisheiten finden sich jede Menge auf und zwischen den „Leben & Kunst“-Zeilen. Etwa diese: „Geschenktes Leben ist schön.“ Oder: „Man muß mit den geringsten Mitteln… das größte Ergebnis erreichen.“ Oder eben: „Der Mensch als Gattung ist eine Sau.“ Schlimme Erfahrungen gemacht mit den Zeitgenossen, Herr Janosch? Ja, würde der antworten und neben den Journalisten vor allem die Lektoren meinen. Gegen die hat zwar nicht nur er als Autor was, aber er rechnet ganz schön hart mit dieser „Gattung Mensch“ ab, besonders wenn sie jung sind, die Lektoren, „und nicht genug über das Leben und die Dinge wissen. Sie sind in der Germanistik steckengeblieben…“

Weiß der Kuckuck, wie Janosch dann zu der unglaublichen Zahl von 150 Büchern kommt, für Kinder, für Erwachsene. Oder für beide zusammen, wie er etwa mit „Oh, wie schön ist Panama“ (1979) bewies, jener tigerbärigen Geschichte mit den für ihren Erfinder  typischen  Kuscheltieren – zu Tiger und Bär kamen bald Ente und Krähe & Co. Darin wird bekanntlich die uralte Frage nach der Lage des Paradieses gestellt und beantwortet: da, wo man glücklich sein kann. Eine diesseitige Lösung. Die der 75jährige bisher nicht revidiert hat. Er hat ja sein Glück gefunden, auch ohne feste Bindung zu einer Frau, mit viel Haß im Leib gegen Verleger und Vermarkter seiner skurrilen bis schlichten Ideent.

Er hat seine „Lösung“ gefunden. Und die heißt: „ausweichen. Meine Lösung ist, mich darauf einstellen und, wenn ich ohnehin nichts ändern kann, ausweichen. Wenn ich nicht naß werden will, gehe ich eben nicht in den Regen. Ich muß kein Kämpfer sein in einem Kampf, der nie zu gewinnen ist. Entkommen ist auch ein Sieg. Besser lebend entkommen, als tot gewinnen.“ Pfeif auf das Paradies! Ein Mann, ein Wort. Wer nimmt’s ihm ab?

Hans Gärtner (KK)

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