Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1291.

Sanftmütige Fremdheit

Es gibt auch in Zeiten, da wir oftmals nicht wissen, wo aus noch ein in unserer Bedrängnis, eine Wohltat, die leider nicht oft genug wahrgenommen wird: diskrete Kunst, zurückhaltende, verhaltene Literatur. Letztere, zwischen Buchdeckeln und auf hellem Papier diskret schon per se, hat es besonders schwer, an jene zu kommen, denen sie gilt, die sie meint. Es ist ein merk-würdiges Erlebnis, in einem Buch zu lesen, das nicht an einen herantritt, das nicht an einem zieht und zerrt, wie es die vielen Medien tun, mit denen wir in selbstverschuldeter Bedrängnis leben.

Ein Mann hat seinen Vater begraben, die Trauergemeinschaft sitzt in einem bayrischen Wirtshaus, draußen lebt und bebt der Biergarten: „Wie fröhlich die Menschen waren, wie warm die Sonnenstrahlen, wie sanft sich die Biergartenstimmung an seine Trauer schmiegte.“ Man muß nicht in den Gegensatz treten zur Welt, um sie anders wahrzunehmen, als sie sich gibt. Das ist die Erkenntnis des Peter Becher, und er hat einen kurzen Roman geschrieben, in dem jeder, der ihm folgen mag, in eine weltläufig weitläufige Freundlichkeit, ja Freundschaft einbezogen wird.

Der Kummer der Liebe ist ein Lebenselixier, das dieser Paul, der nicht Peter heißt, weidlich auskostet. Vor allem aber ist die Fremdheit, die Erkenntnis und Annahme der Fremdheit ein Ressort, in dem Nähe stattfinden kann: Gestalten tauchen auf und tauchen ab in diesem Buch, menschliche Möglichkeiten, die malerisch, ja exotisch daherkommen, aber nicht eigentlich „realisiert“ werden. Was aber ist real? Real ist der Sturm, den das Kind in den Alpen erlebt: „Unverrückbar steht dieser Augenblick in seinem Gedächtnis, eine der frühesten Erinnerungen überhaupt, Inbild der Bedrohung und der Geborgenheit, das Rauschen und Prasseln des Regens, das Kerzenlicht, die halbdunklen Gestalten der Erwachsenen, das Krachen der Donnerschläge und das Hereinleuchten der Blitze, die Stimmen der betenden Frauen, die Sorge um die Männer auf dem Jägersteig.“  Real ist der Mann, der bei den Pfadfindern am Isarufer auftaucht und ihnen das berauschende Tschai-Rezept verrät – genauso real sein Verschwinden.

Wiedergänger dieser geheimnisvollen Erscheinung gibt es in Paris wie in Schwabing oder am Ammersee, Menschen, die sich nicht offenbaren und doch episodische Offenbarungen sind: Ich ist immer auch ein anderer, und nimmt man ihn an, wird man sich selbst zum Rätsel: „Trotzdem gab es etwas, das sich immer wieder querstellte, eine Stimmung, die von ihm Besitz ergriff, eine Stimme, die von einem anderen Leben erzählte.“

Voll von solchen Erzählungen über Nähe und Fremdheit, über Vertrautheit und Befremden ist dieses Buch. Kindheit und Jugend werden ausgebreitet in Szenen und Reflexionen, die sich nie restlos erschließen. Die „Mauerspechte“ in Berlin, die unerfüllte Liebe in Paris und die Erfüllung in Dachau, all diese Erlebnisse reihen sich zu einer Frage, auf die es keine Antwort gibt, denn gäbe es sie, wäre der Sinn des Lebens entschlüsselt – und es bedürfte des Erzählens nicht mehr. Gerade darauf aber will Peter Becher nicht verzichten, und der Leser ist dankbar für solchen Eigensinn.

Die böhmische Geschichte der Familie, der generationsbedingte Wechsel in der Betrachtung der Vertreibung, die daraus entstehenden Konflikte und die Stille am Sterbebett des Vaters, in der die Auseinandersetzungen verblassen und in den Hintergrund treten – selbst diese vermeintlich versöhnliche Stimmung hält nicht vor. In Amerika erreicht Paul die Botschaft, daß er zugunsten seines Stiefbruders praktisch enterbt worden ist. Wütende Verwirrung greift nach ihm: „Paul wusste nur zu gut, wie viel Höhen und Tiefen vor ihm lagen, bis er diesen Schock verarbeitet haben würde. / Jetzt, dachte er, müsste man sich nackt ausziehen und in Drachenblut eintauchen können, in Dinosaurierblut, und für alle Zeiten unverwundbar sein.“

Das ist nicht möglich, doch da ist der Nachtflug von Chicago nach New York, die Gedanken an die Freunde dort und der Blick auf die nächtliche Stadt, „auf den glitzernden Umriss von Manhattan, die Lichterketten an den Ufern des Hudson, die der Stadt ihre einmalige Gestalt verleihen, ein großes magisches Zeichen, das sich in das Gedächtnis einbrennt, aufregend und geheimnisvoll. / Ein kleiner Schwenk der Tragflächen, und alles Glitzern und Glimmen verschwand vor Pauls Augen. Rumpelnd fuhr das Flugzeug sein Fahrgestell aus.“ Es gibt keine Apotheose und keine Begütigung, es gibt nur die rumpelnde Wirklichkeit, und just die ist des Erzählens wert.

Georg Aescht (KK)

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