Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1363.

„Schatz von nationaler und europäischer Bedeutung“

Ihm widmet sich der Ostdeutsche Kulturrat – OKR – seit 65 Jahren

Seit einiger Zeit erobert der australische, in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark die deutschen Buchhandlungen und das Fernsehen. Sein in kürzester Zeit zum Klassiker gewordenes Werk „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ (2012) machte ihn berühmt. Aber schon vorher war er durch seine Bücher „Wilhelm II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers“ (2000) und „Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947“ (2006) als brillanter Erzähler aufgefallen. Mit einem roten VW-Cabrio fuhr Clark 2015 durch Deutschland und erzählte den Deutschen charmant und humorvoll ihre Geschichte mit einem sympathischen Augenzwinkern bei speziellen Entdeckungen wie der des Schrebergartens: „ein sorgsam umzäuntes Stück Freiheit“.

Jetzt ist ein Brite dazugekommen, Neil MacGregor, langjähriger Direktor des Britischen Museums und ab Januar 2016 Gründungsintendant des Humboldt-Forums in Berlin. Auch seine Bücher sind inzwischen Bestseller in Deutschland. Die „Geschichte der Welt in 100 Objekten“ (2010) ist ein „unmögliches Unterfangen“, wie er selbst sagt, wobei es ihm gelingt, über seine sorgfältig ausgewählten Objekte Geschichtszusammenhänge faszinierend zu entschlüsseln, vor allem aber spannend zu erzählen. Sein Buch „Deutschland. Erinnerungen einer Nation“ (2014), das voluminöse und reich illustrierte Begleitbuch einer genialen Ausstellung, die im Britischen Museum zu sehen war, ist ebenfalls eine Fundgrube meisterhaft erzählter Geschichte.

Als historisch interessierter Zeitgenosse fragt man sich, wo auf diesem „Markt“, der ganz offensichtlich nach gut erzählter Geschichte lechzt, die deutschen Historiker zu finden sind. Natürlich gibt es die in Fachkreisen bekannten und durch ihre Werke herausragenden Herfried Münkler und Heinrich August Winkler oder auch Thomas Nipperdey (1927–1992), Hans-Ulrich Wehler (1931–2014), Hans Mommsen (1930–2015) und Rudolf von Thadden (1932–2015). Ohne diese bedeutenden Persönlichkeiten kritisieren zu wollen, seien zwei Beobachtungen gestattet:

Zum einen verharren sie eher im Akademischen, also typisch deutsch Gründlichen, und ihnen gelingt nicht die Leichtigkeit des Erzählens, wie sie z. B. Clark eignet. Auch Hermann Schäfer, der 2015 in Anlehnung an MacGregor eine „Deutsche Geschichte in 100 Objekten“ vorgelegt hat, bleibt bei zu langen Einzelabhandlungen, die nur noch wenig mit dem Titelobjekt zu tun haben, und einer enzyklopädisch-reichhaltigen, fleißig zusammengearbeiteten Stofffülle, die zu bewältigen eher ermüdend denn beflügelnd ist.s3

Zum anderen fällt aus der Sicht der ostdeutschen Kultur auf, dass MacGregor die ganze deutsche Kultur im Blick hat und nicht, wie Schäfer, eine fast ausschließlich westorientierte Objektauswahl zugrunde legt. In seinem Deutschland-Buch zeigt er nicht nur eingangs ein reichhaltiges, das gesamte mitteleuropäische Deutschland betreffendes Kartenmaterial von 1500 bis heute, sondern widmet gleich drei Kapitel ostdeutschen Themen. In „Verlorene Kapitale“ lesen wir eine wunderbare kurze Geschichte Königsbergs, in „Die leidende Zeugin“ eine Würdigung der Künstlerin Käthe Kollwitz und in „Vertriebene Deutsche“ eine Geschichte des Schicksals der Ostdeutschen bei Flucht und Vertreibung. Wäre eine solche Ausstellung heute in Deutschland möglich? Es ist erfreulich zu sehen, dass nach Gotthold Rhode (1916–1990) und Hartmut Boockmann (1934–1998) wieder ein Historiker von Rang seinen Blick auf die ostdeutsche Geschichte und Kultur richtet.

Der Ostdeutsche Kulturrat (OKR), seit 1975 Stiftung privaten Rechts und seit 2008 Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR, ist seit 1950 auf allen Gebieten der ostdeutschen Kultur tätig gewesen. Der OKR war schon drei Jahre aktiv, als der Deutsche Bundestag das Bundes-Vertriebenen- und -Flüchtlings-Gesetz (BVFG) verabschiedete, in dessen Paragraph 96 die dauerhafte Verpflichtung des Bundes und der Länder verankert ist, „das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewusstsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten, zu sichern, zu ergänzen und auszuwerten, sowie die Weiterentwicklung der Kulturleistungen der Vertriebenen und Flüchtlinge zu fördern“.

Das Gesetz versteht also die ostdeutsche Kultur als Teil der gesamten deutschen Kultur, mit der sie eine Einheit bildet, was auch dem Ausland gegenüber zu vertreten ist. Mit dem § 96 BVFG hat der Gesetzgeber 1953 eine weitsichtige Grundlage für die Einheit der deutschen Kultur in Europa geschaffen, über alle weiteren politischen Entwicklungen hinaus, die damals noch nicht absehbar waren.

Jahrzehntelang konnte auf dieser Grundlage gearbeitet werden. Seit 1968 wurde die „Kulturpolitische Korrespondenz“ herausgegeben, seit 1975 die Vierteljahresschrift „Der gemeinsame Weg“, seit 1969 gab es literarische Wettbewerbe als Hörspiel- und Erzählerwettbewerbe, 1989 kam der Kompositionswettbewerb, 1986 der Wissenschafts- und 1987 der Medienpreis hinzu. Dazu wurden seit 1954 Jahrbücher, seit 1970 Wettbewerbsanthologien und seit dem gleichen Jahr die Reihe „Nachbarn in Ostmitteleuropa“ herausgegeben, ergänzt um die Reihe „Ostdeutsche Städtebilder“ seit 1978, Dokumentationen, Broschüren und allgemeine Publikationen, darunter herausragend die 12-bändige Studienbuchreihe „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“. Sogar Schallplatten über die Orgellandschaften Schlesien, Ostpreußen und Danzig–Westpreußen wurden herausgegeben und eine Ausstellung über „Große Deutsche aus dem Osten“ (später „Im Dienste der Menschheit“) erarbeitet. Insgesamt also ein großer und vielseitiger Reichtum ostdeutscher Kultur, wie sie in vollem Umfang der Grundsatzkonzeption des BMI aus dem Jahre 1982 entsprach: „Kulturelles Erbe und geistige Substanz der deutschen Kulturlandschaften des Ostens sind Teil der gesamten deutschen Kultur. Geprägt von den ostdeutschen Landschaften, ihren Menschen, ihrer Geschichte und den Kontakten zu den östlichen Nachbarn, stellt dieser Bereich unserer Kultur einen unverzichtbaren Bestandteil des geistig-kulturellen Vermögens unseres Volkes dar.“

Entsprechend schrieb Bundespräsident Professor Dr. Karl Carstens am 15. Juni 1983 in der „Kulturpolitischen Korrespondenz“: „Wir müssen alles tun, damit die Begriffe Deutschland, deutsches Volk, deutsche Nation lebendig bleiben und damit deutlich wird, dass damit nicht nur die Bundesrepublik Deutschland gemeint ist, sondern ganz Deutschland. Ich bin auch dafür, dass wir die ostdeutschen Städtenamen mit ihren deutschen Bezeichnungen verwenden, und sehe darin überhaupt kein Zeichen von Revanchismus, der uns manchmal unterstellt wird, sondern nur den Ausdruck unseres Geschichts- und Kulturbewusstseins.“ Das waren prophetische Worte des damaligen Bundespräsidenten, der in Königsberg studiert hatte. Heute gebrauchen längst unsere osteuropäischen Nachbarn eher die deutschen Städtenamen als manche Deutsche.s5

Dieser nationale Konsens im Hinblick auf das Selbstverständnis und die Förderung der ostdeutschen Kultur wurde Ende der 1990er Jahre politisch aufgekündigt. Zum 40. Geburtstag des OKR im Jahre 1990 konnte der damalige Präsident Dr. Herbert Hupka noch sagen: „Reiner Kunze, der aus der Unfreiheit der DDR in die Freiheit der Bundesrepublik Deutschland geflohen war, prägte aufgrund seiner Erfahrungen den Satz: ‚Will man ein Volk vernichten, nimmt man ihm zuerst das Gedächtnis.‘ Zu diesem Gedächtnis des deutschen Volkes gehört das Ostdeutsche, nicht territorial eng, sondern kulturell umfassend verstanden.“ Das hatte man wenige Jahre später schon vergessen, als das Gedächtnis des deutschen Volkes von Regierungsseite zur Disposition gestellt wurde.

Zur Vorbereitung des Haushaltsvoranschlags für das Jahr 2000 erreichte am 18. März 1999, rechtzeitig vor dem 50. Jubiläum des OKR, die Stiftung ein Schreiben des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien. Dieser teilte mit, davon abzusehen, den beantragten Wirtschaftsplan „in der jetzigen Form und dem beantragten Umfange in das Aufstellungsverfahren für den Bundeshaushalt 2000 einzubringen“. Hinter dieser Formel verbarg sich die Aufforderung, die auch zahlreiche andere Einrichtungen aus dem Bereich der ostdeutschen Kultur erhielten, ihr Personal zu entlassen und ihre Räumlichkeiten zu kündigen. Der großen Mehrheit dieser Einrichtungen wurde damit buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen, dem „Gedächtnis des deutschen Volkes“ ein fast tödlicher Schlaganfall verordnet.s6

Seitdem hat der OKR nur dank seines Vermögens und einiger Projektförderung durch den Bund überlebt. Das Vermögen hat die Stiftung über das Westvermögen-Abwicklungsgesetz im Jahre 1975 erhalten. Es ist in den letzten 15 Jahren nach der „Maßnahme“ des Jahres 2000 durch die notwendigen Entnahmen für die jährlichen Aktivitäten des OKR und im Zuge der allgemeinen Finanzkrise seit 2008 empfindlich gemindert worden. Eine Wiederaufnahme in die institutionelle Förderung wird vom Bund ausgeschlossen.

Dem Bericht der Bundesregierung über die Maßnahmen zur Förderung der Kulturarbeit gemäß § 96 BVFG in den Jahren 2013 und 2014 vom 15. Juli 2015 wird ein Abschnitt vorangestellt, der den Titel trägt: „60 Jahre Förderung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa“. Dort heißt es: „Dieses reiche kulturelle Erbe wurde von Anfang an als Schatz von nationaler und von europäischer Bedeutung begriffen. Insbesondere sind Archive, Museen und Bibliotheken zu sichern, zu ergänzen und auszuwerten sowie Wissenschaft und Forschung zu fördern. Der auf Dauer angelegte ‚96er‘ erwies sich als durchdacht und wandlungsfähig, da der Gesetzgeber in den 1950er Jahren so weitblickend war, den Kulturparagraphen des BVFG mit umfassendem Anspruch zu formulieren. Der Akzent liegt auf der Kultur der Region, bezieht also ehemalige wie nachfolgende Bewohner mit ein. Ebenso vorausschauend war der ausdrückliche Auftrag, das deutsche Kulturerbe im Bewusstsein auch des Auslandes zu erhalten.“

Das ist richtig und treffend formuliert. In eigentümlichem Widerspruch zu diesem Text stehen jedoch die für diesen „Schatz von nationaler und von europäischer Bedeutung“ in den beiden Haushaltsjahren zur Verfügung gestellten Mittel, z. B. 2,6 Mio. Euro für alle sechs Landesmuseen. Dem Vernehmen nach soll sich das nun ändern. In der Koalitionsvereinbarung von 2013 steht die Aufgabe, die „Konzeption von 2000“ (endlich) zu überarbeiten. Das geschieht derzeit und soll mit einer Aufstockung der Mittel verbunden sein, wie man hört. Ob damit die prekäre Situation, in der sich die ostdeutsche Kultur seit Jahren befindet, beendet wird, bleibt zu hoffen.

In der Zwischenzeit erfreut Neil MacGregors großartiges Deutschland-Buch viele Leser in der Hoffnung, dass er ab Januar 2016 beim Aufbau des Humboldt-Forums seinen „schweren Gang“ („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) mit Erfolg gehen kann.

Klaus Weigelt (KK)

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