Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1280.

Schatzkammer voller Schönheit und Schroffheit

Rund 130 Seiten Anmerkungen, Literaturangaben, Register und Zeittafel belegen die Gründlichkeit, mit der sich Dittmar Dahlmann, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Bonn, mit der „wirtschaftlichen Schatzkammer" Sibirien, dem Land der Extreme, beschäftigt hat. Zwar geht es mehr um die Geschichte, vor allem die des Kommunismus, die Gegenwart kommt verhältnismäßig kurz zur Sprache. Der Autor liebt das Land der Gegensätze von Schönheit und Schroffheit. Das gilt besonders für die indigene Bevölkerung, die seit dem Eindringen der Kosaken Ende des 16. Jahrhunderts an den Rand gedrängt wurde. „Rücksichtslos", dies Wort benutzt der Autor des öfteren, wenn vom Umgang mit den Ureinwohnern bis heute die Rede ist.

Dahlmann hat in seinem Buch zusammengefaßt und erweitert, was er bereits seit 1991 in mehr als 20 Einzelbeiträgen in Sammelbänden, Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht hat. So ist ein beachtliches Werk entstanden, das, wie der Autor bescheiden schreibt, in der großen Tradition auch der deutschen Sibirienforschung steht.

Das riesige Land mit Öl, Steinkohle, Erdgas, Gold und Diamanten reizt zur schnellen Ausbeutung bis hin zu einer bedenklichen Umweltzerstörung, auf die der Autor nachdrücklich zu sprechen kommt. Auch nach Stalin planten die Regierungen – jetzt ändert es sich – zuerst die Industrieansiedlungen und dann die Infrastruktur für die Bevölkerung. Obwohl die Baikalregion seit 1996 zum Weltkulturerbe gehört, ging die Verschmutzung erst leicht zurück. Selbst EU und NATO mußten sich kümmern. Inzwischen ist die Bevölkerungszahl Sibiriens von 30 auf 25 Millionen gesunken.

Solschenizyn hoffte, daß diese Region ein Hort der geistigen Erneuerung Rußlands werden könnte. Da wundert es, daß Dahlmann Wissenschaft und Bildung kein eigenes Kapitel widmet. Der Leser vermißt auch detailliertere Informationen über die Leistung der Rußlanddeutschen – der Autor nennt sie „Sowjetdeutsche" – in der Trudarmee, auch bei den Fotos sind sie nicht berücksichtigt. Zehn Zeilen hat der Autor für das jüdische autonome Gebiet um Birobidschan übrig.

Aus dem einst „größten Gefängnis der Welt" wurde ein Exporteur von Öl und Gas. 60 Prozent aller russischen Ausfuhren stammen aus Sibirien. Von den erzielten Millionen und Abermillionen, so Dahlmann, fließt seit wenigen Jahren auch Geld in die Herkunftsgebiete zurück.

Norbert Matern (KK)

Dittmar Dahlmann: Sibirien vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Schöningh Verlag, Paderborn 2009. 438 S., 39,90 Euro

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