Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1306.

Schicksale von Schicksallosen

Die Tragödie jüdischer Kultur im östlichen Europa in Veröffentlichungen der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas

Im Zentrum Berlins, etwa zweihundert Meter südlich des Brandenburger Tores, erstreckt sich ein weites Stelenfeld, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Seit seiner Einweihung im Mai 2005 haben dieses aus 2711 unterschiedlich hohen stahlgrauen Betonquadern errichtete Feld, das Tag und Nacht begehbar ist, jährlich etwa eine halbe Million Menschen besucht. Das Denkmal und ein dazu gehörendes Informationszentrum gehen auf eine Entscheidung des Deutschen Bundestages aus dem Jahre 1999 zurück, sie werden aus Bundesmitteln finanziert und von einer Stiftung getragen (www.stiftung-denkmal.de). Die hier vorgestellten Publikationen gehören zu den ersten von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas herausgegebenen Büchern.

Sabina van der Linden-Wolanski war 2005 Gast der Bundesregierung und hielt am 10. Mai in Anwesenheit des Bundespräsidenten als Holocaustopfer eine Rede bei der Einweihung des Denkmals in Berlin. Sie stammt aus Boryslaw, wo sie 1927 geboren wurde. Der Ort war das polnische „Texas“ am Rande der Karpaten in Ostpolen, geprägt von hölzernen Ölfördertürmen; dort hatte Berthold Beitz ab 1942 eine leitende Aufgabe, die es ihm erlaubte, zahlreiche Juden vor den NS-Schergen zu retten. Er wurde von Israel am 3. Oktober 1973 als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Sabinas Mutter wurde am 6. August 1942 im ostpolnischen Vernichtungslager Belzec zusammen mit 5000 Juden eines Transportes ermordet. Diese Verbrechen waren Teil der „Aktion Reinhardt“, der im Jahre 1942 in Belzec, Treblinka und Sobibor 1,75 Millionen Juden zum Opfer fielen.

Sabinas Vater, ihr Bruder und ihr Freund wurden am 19. Juli 1944 im Lager Boryslaw auf Befehl des Lagerkommandanten Friedrich Hildebrand erschossen. Im Jahre 1967 erhielt Sabina eine Einladung des Landgerichts Bremen, reiste von Australien aus an und sagte im Prozeß gegen den Mörder von Boryslaw aus. Hildebrand wurde wegen Mordes zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. „16 Augenzeugen bestätigten, dass er derjenige gewesen war, der den Befehl zur Erschießung meines Bruders, meines Vaters und Mendzios erteilt hatte, die daraufhin vor den Augen der Lagerhäftlinge während des Zählappells von drei Wachen hingerichtet wurden.“

Die Geschichte der jungen Sabina ist zugleich die Geschichte vom Niedergang ihrer einst wohlhabenden Familie, vom Untergang der reichen jüdischen Kultur und von der Vernichtung des Judentums in Ostgalizien, wo es vor dem Zweiten Weltkrieg mit über einer halben Million „die dichteste jüdische Bevölkerungskonzentration in Europa“ gab. Während der Kriegsjahre ist Sabina nur noch auf der Flucht, von einem Unterschlupf zum anderen, bis die Angst der aufnehmenden jüdischen und nichtjüdischen Familien überhand nimmt und sie mit anderen in einem Waldversteck Zuflucht findet, das ihr Bruder mit Freunden angelegt hat, das aber auch bald verraten wird. Ihr Überleben ist ein Wunder, aber ihr Glaube an Gott ist zerstört.

Nach dem Krieg befindet sie sich auf der falschen Seite der polnischen Grenze, verpaßt den Transport in den Westen und gelangt erst auf abenteuerlichen Umwegen nach Schlesien, wo sie wieder Anschluß findet an Gruppen von Überlebenden. Ihre Versuche, in Nachkriegspolen Fuß zu fassen, scheitern, ebenso ein Aufenthalt in Paris, das sie nach zwei Jahren verläßt, um in Australien eine neue Heimat zu finden. Die totale Entwurzelung durch ihr seit früher Jugend extrem belastetes Schicksal kann Sabina auch lange Jahre nach den Schrecken nicht überwinden. Erst nach Jahrzehnten und mehreren gescheiterten Ehen findet sie mit ihren zwei Kindern in einer harmonischen Partnerschaft Ruhe und Geborgenheit. Den inneren Heilungsprozeß bis dahin schildert sie in eindrücklicher Plastizität.

Auch das Schicksal des 1929 geborenen Klaus Aufrichtig beginnt in der Geborgenheit einer wohlsituierten Breslauer Bürgerfamilie, die in Generationen gewachsen ist, voller Stolz auf die bis in die Befreiungskriege zurückreichenden Taten der in preußischen Diensten stehenden Vorväter. Der Ururgroßvater Leiser Schimmelburg diente 1813 in der preußischen Armee, der Urgroßvater Jacob Schimmelburg 1870/71 in der preußischen Kavallerie, der Vater während des Ersten Weltkriegs im deutschen Heer. All dies zählt ab 1933 nicht mehr. Mit dem Autor erlebt der Leser die sukzessive und systematische Eingrenzung der jüdischen Lebenswelt, bis buchstäblich selbst die Luft zum Atmen nicht mehr vorhanden ist.

Die Umstände, unter denen die Familie Aufrichtig überlebt – die Mutter des Autors ist eine zum Judentum konvertierte Protestantin, die sich gegenüber der Gestapo weigert, ihre Familie zu verlassen –, während um sie herum der Terror der Vernichtung wütet und sie selbst dauernd in Todesgefahr leben und zudem täglich mit den Suiziden ihrer Freunde konfrontiert werden, sind unbeschreiblich; und doch gelingt es Klaus Aufrichtig, der in seiner neuen Heimat Australien den Namen Kenneth James Arkwright angenommen hat, das Unbeschreibliche nüchtern und deswegen so in Worte zu fassen, daß der Leser dem Ungeheuerlichen nachzuspüren vermag.

Mehr als anderswo konnten die Nationalsozialisten im östlichen Europa, vor allem in Polen, ihre Verbrechen weitgehend abgeschirmt von einer ohnehin desinteressierten Öffentlichkeit systematisch organisieren und durchführen. Der Todesmarsch der 5000 Juden im Januar 1945 aus Königsberg nach Palmnicken, dem die 1918 geborene, einer wohlhabenden Krakauer Kaufmannsfamilie entstammende Maria Blitz entfloh, vollzog sich zur Nachtzeit. Nur wenige Anwohner hörten die Angst- und Schmerzensschreie der Gepeinigten, Jahrzehnte blieb der Massenmord vergessen (vgl. E. Neumann-von Meding: Endzeit in Ostpreußen. In: Königsberger Bürgerbrief 75, 2010, S. 86–88). Das Vernichtungslager Belzec in Ostpolen, der heutigen Ukraine, wurde nach der Ermordung von einer halben Million Juden und deren Einäscherung 1942 dem Erdboden gleichgemacht und das Gelände aufgeforstet. Heute gibt es dort eine Gedenkstätte, die das Lager und seine Opfer jahrelangem Vergessen entreißt.

Vieles jedoch geschah vor aller Augen. Klaus Aufrichtig berichtet mit einer Sachlichkeit, die einem den Atem nimmt, wie seiner Familie nach 1933 mit jeder Verordnung, jedem Gesetz – insgesamt waren es schließlich vom Boykott jüdischer Geschäfte ab 1. April 1933 über die Rassengesetze 1935, die Verpflichtung der Namenszusätze Sara für Frauen und Israel für Männer ab 1. Januar 1939 und die Kennzeichnungspflicht mit dem Davidstern ab 19. September 1941 um die 2000! – eine weitere Lebensader abgeschnitten, die kulturellen und wirtschaftlichen Lebensmöglichkeiten eingeengt und schließlich auch das nackte Überleben schier unmöglich gemacht wurden, während ringsum die Freunde und Bekannten verschwanden, die jüdische Gemeinde von Mal zu Mal schrumpfte und die nichtjüdischen Mitbürger sich vor den Ausgegrenzten immer mehr zurückzogen. Das alles geschah in Breslau, der Stadt mit der zweitgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland. 1933 nach dem ersten Boykott, 1935 nach den Rassengesetzen und 1938/39 nach der Reichspogromnacht – in Breslau wurde eine der größten Synagogen Europas (aus dem Jahre 1872) zerstört – gab es Auswanderungswellen, in denen etwa der Hälfte des deutschen Judentums die Flucht vor dem nationalsozialistischen Terror gelang. 1939 schlossen sich die Tore. Die Kirchen schwiegen oder redeten sich mit Floskeln heraus.

Besonders anerkennenswert ist die Objektivität der von der Stiftung herausgegebenen Bücher, die jeweils informative Einleitungen bzw. Nachworte, gut zusammengestelltes Bild- und Dokumentationsmaterial, ein Literaturverzeichnis und übersichtliches Kartenmaterial enthalten. Bemerkenswert ist, daß auch der polnische Antisemitismus, dem Sabina Wolanski und die Familie von Klaus Aufrichtig nach ihrem Überleben begegnen, nicht verschwiegen wird. Nun sind sie – die eine als Ostpolin in den jetzt polnisch besetzten deutschen Ostgebieten, die anderen als Deutsche im nicht mehr deutschen Breslau – unerwünschte Juden, die ihre Konsequenzen ziehen. Beide finden schließlich ihr neues Leben in Australien.

Die zahlreichen Hinweise auf den bis heute nicht aufgearbeiteten polnischen Antisemitismus dienen der historischen Wahrheit und in keiner Weise der Relativierung der systematischen Judenvernichtung gigantischen Ausmaßes durch die Nazis (vgl. auch Karol Sauerland: Goldrausch bei Treblinka. In: F.A.Z. vom 15. Februar 2011, S. 31). Was der Leser vor allem mitnimmt aus diesen Büchern, ist die Erkenntnis, wie eng deutsche und jüdische Kultur im östlichen Europa miteinander verbunden waren, eine wunderbare Symbiose, die von der sinnlosen Barbarei des Nationalsozialismus zerstört wurde. Eine Annäherung an diese untergegangene Welt hat der Ostdeutsche Kulturrat mit seinem Sonderheft 61 der „Kulturpolitischen Korrespondenz“ unter dem Titel „Zur Geschichte der deutschen Juden. Ostdeutschland – Böhmen – Bukowina“ unternommen, das am 30. September 1993 erschienen ist (68 Seiten mit einer Auswahlbibliographie).

Die Tragödie dieser in Jahrhunderten bewährten Symbiose fassen die Herausgeber in folgende Worte: „Die Enteignung, Verschleppung und schließlich Vernichtung der Breslauer Juden zwischen 1933 und 1945 ‚vor aller Augen‘ und durch die eigenen Landsleute kann im Rückblick wie ein Vorspiel der Vertreibung der übrigen Einwohnerschaft nach Kriegsende wirken. Wie in den zwölf Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft alles Jüdische aus der Stadtlandschaft ausgelöscht worden war, so umfassend erfolgte nun die Tilgung alles Deutschen … Im Zuge dieser ausnahmslosen ‚Entdeutschung‘ wurden auch die spärlichen Reste des jüdischen Breslau beseitigt. Tatsächlich handelt es sich um miteinander verbundene und dennoch gänzlich unterschiedliche Prozesse. Im Leben Klaus Aufrichtigs treffen sie aufeinander, da er 1944 als ‚Jude‘ und 1945 als ‚Deutscher‘ vertrieben wurde.“

Daraus folgt das unabweisbare Anliegen, mit der deutschen auch die jüdische Kultur im östlichen Europa immer im Blick zu behalten. Wenn diese fruchtbare Symbiose auch nicht so wiedererstehen kann, wie sie diesen Teil Europas geprägt hat, so kann doch – gemeinsam mit den östlichen Nachbarn – dabei mitgewirkt werden, Bausteine zusammenzutragen, wie sie die Stiftung Denkmal anbietet.

Klaus Weigelt (KK)

Sabina van der Linden-Wolanski mit Diana Bagnall: Drang nach Leben. Erinnerungen. Hrsg. von Ulrich Baumann und Uwe Neumärker. Berlin 2010, 279 Seiten, Abbildungen, vier Karten

Kenneth James Arkwright: Jenseits des Überlebens. Von Breslau nach Australien. Hrsg. von Katharina Friedla und Uwe Neumärker. Berlin 2010, 181 Seiten, Abbildungen, eine Karte

Maria Blitz: Endzeit in Ostpreußen. Ein beschwiegenes Kapitel des Holocaust. Hrsg. von Uwe Neumärker. Berlin 2010, 99 Seiten, Abbildungen, zwei Karten

Gegen Schutzgebühr zu bestellen bei der Stiftung

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