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Ausgaben: Ausgabe 1348.

Schillernde Journalistenikone

Eine jetzt erschienene Biographie bricht den „Jahrhundertreporter“ Ryszard Kapuscinski auf allzumenschliches Maß herunter

Schillernde-JorunalistenikoRyszard Kapuscinski gilt als polnischer Jahrhundertreporter. Weltberühmt wurde er durch seine Reportagen – vor allem aus Afrika und Lateinamerika. Seine Bücher wurden in über 20 Sprachen übersetzt. Was die Leserschaft angeht, musste er nur vor dem Science-Fiction-Autor Stanisław Lem kapitulieren.

Mit dem Buch „Ryszard Kapuscinski. Leben und Wahrheit eines Jahrhundertreporters“, das gerade in Deutschland erschienen ist, weist der Autor Artur Domosławski nach, dass vieles in Kapuscinskis Bio-Bibliographie erfunden ist. Wichtiger als die Fakten war für die Journalistenikone der brillante Stil und die Legendenbildung.

Gleich in dem Vorwort zum Buch steht: „Eine Freundin, die einst in Kapuscinski verliebt war, sagt: »Ich hoffe, Sie schreiben keine Hagiographie. Rysiek war ein toller, ein interessanter Kerl: Reporter, Reisender, Schriftsteller, Mann. Vater.

Geliebter. Ein komplizierter Mensch, der in chaotischen Zeiten lebte, in mehreren Epochen, in verschiedenen Welten«.“ Artur Domosławski hat es sich mit seinem Buch nicht leicht gemacht. Kapuscinski ist eine Ikone, ein Symbol. Und Symbole sind in Polen unantastbar.

Als vor vier Jahren sein Buch in dem Warschauer Verlag Swiat Ksiazki Premiere hatte, sorgte es für Aufregung und Proteste. Die Witwe des Reporters wollte das Erscheinen der Biographie mit allen Mitteln verhindern. Sie erhielt Unterstützung von vielen Prominenten und Intellektuellen, darunter Władysław Bartoszewski, dem Ex-Außenminister Polens. Das von vielen Seiten angegriffene Buch führte auch zu juristischen Auseinandersetzungen, der Verlag musste sich für dessen Veröffentlichung entschuldigen.

„Ich kann es nicht nachvollziehen. Denn ich habe das Buch aus Hochachtung für Kapuscinski geschrieben. Ich wollte ihn verstehen, besser kennenlernen, um ihn der Leserschaft besser vorstellen zu können“, meint Artur Domosławski, langjähriger Schüler und Vertrauter Kapuscinskis. „Ich habe einen Kapuscinski erzählt, der bis jetzt noch nicht erzählt worden ist. Bei dieser Gelegenheit sind Dinge ans Licht gekommen, von denen weder ich noch die breite Öffentlichkeit etwas wusste oder von denen man eine falsche Vorstellung hatte. Es gibt weder ein Geheimnis noch einen Doppelsinn. Kapuscinski war und ist großartig – mit all seinen komplizierten Geschichten. Vielleicht manchmal nur auf eine andere Weise“.
In dem Buch enthüllt Domosławski das komplizierte Verhältnis Kapuscinskis zu seiner Tochter, auch von seinem Liebesleben ist die Rede, das sich nicht auf seine Frau Alicja beschränkte.

Vierzig Jahre lang war Kapuscinski unterwegs auf allen Kontinenten, um „Revolutionen, das Drama der Macht und das Leben der Armen“ zu beschreiben. Größte gestalterische Freiheit nahm er sich bei der Schilderung der Geschehnisse heraus und verwendete für die Reportagen stets eine bildhafte Sprache. Seine Meister seien Balzac, Thomas Mann und Dostojewski. Oft erwähnte er auch Norman Mailer, Truman Capote und Tom Wolfe, die den „neuen Journalismus“ erfunden und sich bei ihrer Berichterstattung sowohl der Fakten als auch literarischer Techniken bedient hätten, um die Darstellung zu bereichern.

„Wenn jemand eine hervorragende, frische und innovative Vorstellungskraft hat, schreibt er Romane. Ich habe sie nicht und kompensiere das mit Authentizität“, sagte Ryszard Kapuscinski bei einem Treffen mit Journalisten Mitte der 90er Jahre. „Ich kann nicht sagen, warum ich etwas so und nicht anders geschrieben habe. Ich habe es so empfunden. Ich kann es nur damit verteidigen, dass ich all das, was ich geschrieben habe, gesehen und erlebt habe“.

Domosławski kritisiert vor allem die politische Haltung seines verstorbenen Mentors. Dieser sei in seiner Jugend ein überzeugter Kommunist gewesen. Seine frühen Gedichte priesen den Sozialismus. Vom polnischen Geheimdienst habe er sich später als Informant anwerben lassen. In den Jahren der Wende stilisierte er sich dagegen zu einem Oppositionellen und versuchte seine Biographie umzuschreiben. Der Diplomat Jerzy Nowak erinnert sich so an seinen langjährigen Freund Ryszard Kapuscinski: „Es war typisch für ihn – einfach die Realitäten zu akzeptieren. Ich glaube, er ist ein viel pragmatischerer Mensch gewesen, als wir alle uns vorstellen können. In allem, was er tat, war er nie irrational.“ So war der Jahrhundertreporter auch: ein Mann voller Widersprüche, mit all seinen Stärken und Schwächen.

Es gibt keine einzige Wahrheit. Der Biograf bemüht sich, ein möglichst umfassendes Bild zu entwerfen. Domosławski versucht Fakten von Mythen zu trennen, er ist Kapuscinskis Spuren weltweit nachgereist, hat Freunde und Bekannte aufgesucht und zahlreiche Berichte um seinen Protagonisten gesammelt.
Der kulturelle, politische und historische Kontext wird geschildert, und Kapuscinski erscheint als jemand, der in die Wirren seiner Zeit verwickelt war. Genau das hält die Übersetzerin Antje Ritter-Jasinska für wichtig: „Dieses Buch ist – abgesehen von einer Biografie – auch noch ein Abriss der Geschichte Mitteleuropas der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dem Autor ist es einfach dermaßen gut gelungen, die Realität darzustellen, in der Kapuscinski mit sich gehadert hat, weil er in schwierigen Zeiten gelebt hat, dass es für mich als Leser aus Deutschland sehr spannend ist. Und warum sollen die deutschen Leser das nicht haben? Artur Domosławski versucht wirklich jeden Stein umzudrehen und alles zu interpretieren und so ehrlich wie möglich zu sein mit Kapuscinski, mit dieser trotz allem bedeutenden Gestalt. Das zeichnet dieses Buch aus.“

Die Resonanz des Buches in Deutschland ist noch schwer einzuschätzen. Bei der Leserschaft in Polen kam die Biografie gut an. Eine Frau wollte nach dieser Lektüre endlich Bücher von Kapuscinski lesen. Früher sei sie verunsichert gewesen, weil er allgemein angebetet wurde. Domosławski habe aus Kapuscinski wieder einen normalen Menschen gemacht. Ein Mann sah es ähnlich: „Das Buch beschreibt keine Ikone, keinen Mythos. Es zeigt einen Mann aus Fleisch und Blut.“

Inzwischen scheint sich die Debatte um den umstrittenen polnischen Reporter abgeschwächt zu haben. Kapuscinskis Zitat zur „Mission“ des Korrespondenten, für den dieser Beruf „Lebenseinstellung und Charakter“ ist, eröffnet zwar die knapp 2000 Seiten starke „Anthologie der polnischen Reportage des 20. Jahrhunderts“, die bereits in Polen erschienen ist, der Reporter selbst wird jedoch nicht favorisiert. Dazu der Herausgeber Mariusz Szczygieł: „Man dachte, Kapuscinski werde mit mindestens drei Texten vertreten sein. Aber nein – doch keine Texte wie »König der Könige«, »Imperium«, oder »Meine Reisen mit Herodot«. Wir haben eher auf wenig bekannte oder vergessene Reporter und ihre Texte gesetzt. Ein paar (Wieder-)Entdeckungen sind der Schwerpunkt.“

Über Kapuscinski ist schon viel geschrieben worden, nie aber wurde er bis dato dermaßen eingehend und kritisch betrachtet. Domosławski hat seinen Meister wieder lebendig gemacht. Auch wenn in der Biographie viele Schwächen, viel Zerrissenheit und die volle Komplexität Kapuscinskis enthüllt werden, bleibt seine Größe doch unbeschädigt. Am Ende gewinnt er sogar an Autorität als Reporter, als Mensch.

Arkadiusz Luba (KK)

Literatur:
Artur Domosławski: Ryszard Kapuscinski. Leben und Wahrheit eines Jahrhundertreporters, Rotbuch Verlag, Berlin 2014, 29,95 Euro
100/XX. Antologia polskiego reportazu XX wieku, t. 1–2, red. Mariusz Szczygieł, Wydawnictwo Czarne, Wołowiec 2014, 159 PLN

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