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Ausgaben: Ausgabe 1217.

Schlesien – tausend Namen und manches mehr

„Was bringt mir das Internet an Namen von bedeutenden und berühmten Schlesiern auf den Schreibtisch?“ Diese Frage hat sich Michael Ferber gestellt, wie er selbst sein Beginnen beschreibt. Er kennt das Wort von Detlev von Liliencron: „Schlesien, das Land der 666 Dichter“, von ihm fälschlicherweise als „Land der Dichter und Denker“ zitiert. (Übrigens ist das Original nicht auffindbar.)
Für das Zitat stehen schlagkräftige Belege zur Verfügung, aber das Suchen und Beschaffen von Namen konnte die moderne Technik nicht leisten, der Suchende mußte mit eigenem Finderglück an die mühselige und langwierige Arbeit gehen. Jetzt liegt ein dickleibiges Buch im Lexikon-Format vor. Der Hauptteil ist mit 330 Seiten das „Personenlexikon – Kurzbiographien“. In der Vorankündigung hatte es geheißen, es seien „über 2000 Kurzbiographien“. Sie sind im Querformat zu lesen, sie reichen, um zwei lebende Schlesier zu nennen, von Hans-Ludwig Abmeier, dem Historiker und Publizisten, bis zu Reiner Zimnik, dem Maler und Graphiker. Von der Fülle der Namen ist man angetan, jeweils siebenfach abgefragt: Name, Vorname, Namenszusatz mit Titel, Geburtsdatum, Geburtsort, Sterbedatum, Sterbeort. Man erfährt dabei sehr vieles, das man erst mühsam suchen müßte, und die Daten sind jeweils durch eine entscheidende achte Rubrik kundig unter dem Titel „Beschreibung“ ergänzt.

Das Auswahlprinzip lautet: „Kurzbiographien von Personen, die in Schlesien geboren wurden, gewirkt und gelebt haben, gestorben sind oder die sich durch ihr Wirken für Schlesien verdient gemacht haben“. Trotz der Vielzahl, über die berichtet wird, fehlt mancher Name, gerade auch aus der Zeitgeschichte. Aber daß man nachschlagen kann und fast durchweg fündig wird, ist großartig.

Überraschend finden sich auch Konrad Adenauer, Alfons Goppel, Franz Josef Strauß, Reiner Kunze, um nur diese:Namen herauszugreifen. Hier diente als Findungsprinzip die Auszeichnung mit Preisen wie mit dem Schlesierschild der Landsmannschaft Schlesien oder mit dem Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen. Staunen erregt allerdings, wenn 19 Zeilen für Eberhard Fechner (1920–1992), „Regisseur, Autor, Schauspieler“, zur Verfügung stehen, für den Nachrichtensprecher der ARD-Tagesschau, Joachim Brauner, 1937 in Breslau geboren, sogar 28 Zeilen, letzteres wohl deswegen, weil der Verfasser des Bandes schon einmal einen längeren Artikel über ihn geschrieben hat. Im Vergleich dazu sei auf Wolfgang Jaenicke (1881–1968) verwiesen, einen bedeutenden Repräsentanten Schlesiens bis in die jüngste Vergangenheit, der mit mageren zwei Zeilen abgehandelt wird.

Anerkennend sei registriert, daß auch Schlesier, die durch die Nationalsozialisten zur Emigration gezwungen worden sind, genannt werden, so Isidor Aschheimer, Ernst Cohn, Franz Landsberger, Werner Milch, Ernst Scheyer. Der Chronistenpflicht genügend, erwähnt der Autor auch prominente Nationalsozialisten, für Schlesien Karl Hanke und für Oberschlesien Josef Adamczyk. Dann gibt es Persönlichkeiten, bei denen weder der Geburtsort noch das Geburtsdatum aufgeführt werden, obwohl sie mitten unter uns leben, und es folgt eine Zeile. Es sei hier Gottfried Milde genannt, der mit dem Schlesierschild ausgezeichnet worden ist. Auch Daten, die unschwer zu beschaffen gewesen wären, fehlen. In den Fällen, wo das nicht möglich war, hätte man in einem derartigen Lexikon der Persönlichkeiten auf die Nennung ganz verzichten müssen. Als Zeichen der Selbstkritik darf notiert werden, daß der Autor ausdrücklich um Ergänzungen, Nachmeldungen, Korrekturen bittet, die „in die nächste verbesserte Auflage aufgenommen werden“. Vorausgesetzt, daß es überhaupt zu einer zweiten Auflage kommen wird können, die man dann unbedingt erwerben müßte. Die kritische Bemerkung wird vor allem deswegen gemacht, weil Michael Ferber bei allem eifrigen Suchen und erfolgreichen Finden mit diesem Lexikon der Persönlichkeiten wohl doch zu früh an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Sehr gründlich erarbeitet sind die sich anschließenden vielen Aufstellungen der schlesischen Landesfürsten, der Ober- und Regierungspräsidenten, der Oberbürgermeister und Landräte, der hochrangigen Kirchenmänner und der Nobelpreisträger. Auch über die Patenstädte der schlesischen Heimatkreise und die Vorstände der Landsmannschaften und schlesischen Organisationen wird berichtet. Sogar berühmte schlesische Fußballer sind nicht vergessen worden, was auch für Briefmarken mit schlesischen Motiven und für Entfernungsangaben von Breslau, Oppeln und Gleiwitz aus gilt.

Soweit das Lexikon, das Handbuch, aber das Buch will auch ein Hausbuch für die allgemeine Beschäftigung mit Schlesien sein, wohl gezielt auf die Arbeit der Landsmannschaften vor Ort. Darum wird über Eichendorff, Hauptmann, zuvor schon über Angelus Silesius berichtet. Wir lesen Seiten über die Heiligen Hedwig und Barbara, über den Mundartdichter Ernst Schenke, über die Abstimmung in Oberschlesien.

Michael Ferber, 1957 in Bad Godesberg geboren, aus einer schlesischen Familie stammend, mit einer Breslauerin bewußt in Breslau getraut, ist ein Repräsentant der Bekenntnisgeneration, die der Erlebnisgeneration nachwächst. Schon als eifriger Mitarbeiter in der örtlichen Landsmannschaft Schlesien hat er sich einen guten Namen erworben, und wiederholt ist Schlesien mit Breslau sein Reiseziel. Auch für das jetzt veröffentlichte Buch hat er sich der Breslauer Universitätsbibliothek bedient, was am Schluß dankend erwähnt wird. Mit seiner „Schlesischen Biographie“ hat sich Michael Ferber viel vorgenommen. Wenn auch nicht alles so gelungen ist, wie es wünschenswert wäre, diesem großen Wurf, zugleich ein großes Wagnis, kann man nur viele aufmerksame Leser und Benutzer und eine korrigierende Neuauflage wünschen.

Michael Ferber: Schlesische Biographie. Personenlexikon. Helmut Preußler Verlag, Nürnberg 2005. 715 S., 32 Euro

Herbert Hupka (KK)

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