Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1317.

Schlesiens preußische Wende

Die Provinz als Experimentierfeld Friedrichs des Großen

Anläßlich des 300. Geburtstages von Friedrich II. finden bundesweit verschiedene Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen statt. Auch im nordrhein-westfälischen Ratingen-Hösel ist seit Ende Januar unter dem Titel „300 x Friedrich. Preußens großer König und Schlesien“ eine großangelegte Sonderausstellung zu besichtigen. Am Eröffnungstag wohnten rund 500 Besucher, darunter zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, dem musikalisch umrahmten Programm im Oberschlesischen Landesmuseum (OSLM) bei.

Bei einem Rundgang durch die über 500 Quadratmeter große Jubiläumsausstellung können die Betrachter Höhepunkte aus dem Leben und Wirken des preußischen Königs Friedrich II. (1712–1786) anhand von etwa 500 auserwählten Exponaten kennenlernen. Die Persönlichkeit des deutschen  Monarchen, der mit dem Beinamen „der Große“ in die Geschichte einging, ist bis heute vielfach umstritten. Die publikumswirksame Präsentation greift Aspekte wie Kunst und Kultur beziehungsweise Militär und Kriege auf, die nach wie vor das  Andenken an den „Alten Fritz“ weitgehend prägen.

Das OSLM nimmt Friedrichs 300. Geburtstag zum Anlaß für eine neue Betrachtung und legt den Schwerpunkt auf das Experimentierfeld Schlesien. So ist die Schau insbesondere auf die Herausstellung der ostdeutschen Bezüge sowie auf die Rolle Schlesiens fokussiert. Erörtert werden Fragen wie etwa: „Was machte das Herzogtum Schlesien für Preußen so interessant?“, „Wie funktionierte Friedrichs merkantilistische Wirtschaftspolitik?“ oder „Auf welche Weise konnten die Schlesier für den neuen Staat gewonnen werden?“

Ausgestellt sind neben Exponaten aus hauseigenen Beständen auch zahlreiche Leihgaben von deutschen und polnischen Institutionen. Das Geheime Staatsarchiv und die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz Berlin, das Herder-Institut Marburg, die Stiftung Preußen-Museum Wesel, die Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek Herne, das Schloßmuseum Pleß, das Museum des Glatzer Landes, das Oberschlesische Museum Beuthen und die Universitätsbibliothek Breslau sind einige der namhaften Leihgeber.

Text- und Bildtafeln, aber auch zahlreiche seltene Dokumente, Bücher, Malereien, Landkarten, Waffen, Münzen, Skulpturen und Porzellanobjekte dokumentieren sowohl die Zeit, als das Herzogtum Schlesien südlich der Mark Brandenburg unter habsburgischer Oberhoheit stand, wie auch die Kriege und die darauffolgende Neuorientierung Schlesiens in preußischem Sinne. Seine Erbansprüche machte  der junge preußische König bereits im Jahre seiner Thronbesteigung 1740 militärisch geltend und führte insgesamt drei Schlesische Kriege. Durch den Frieden von Hubertusburg 1763 wurde der größte Teil Schlesiens vertraglich Preußen zugesprochen, so daß Friedrich II. bis zu seinem Tode im Jahr 1786 nahezu ein Vierteljahrhundert für den Neuaufbau und die Neuausrichtung der Provinz Zeit hatte. Darüber hinaus wird die authentische Persönlichkeit des  preußischen Königs und sein Wirken unter zwei Gesichtspunkten herausgestellt: zum einen durch Zeitzeugnisse, zum anderen durch seine spätere Inszenierung. Miniaturen, Plaketten und kleine Güsse von Denkmälern des Königs sind ebenso zu sehen wie eine umfangreiche Auswahl von Friedrich-Publikationen. Einige der vielen Mythen rund um Friedrich II. finden auch Erwähnung, selbst wenn viele davon eigentlich weit entfernt sind von der historischen Figur.

Zu den herausragenden Exponaten in der Ratinger Ausstellung gehört die österreichische Ratifikationsurkunde des Friedens von Hubertusburg 1763 mit einem gebundenen Konvolut von zeitgenössischen Kleinschriften aus Breslau. Sie zeigen die Feste und Dankesbekundungen in der schlesischen Metropole, die durch den Frieden unmittelbar profitiert hat. Zu sehen ist auch eine Illustration zur Verkündung des Friedens an die Bürgerschaft durch den Dichter Gotthold Ephraim Lessing, in Form einer späteren Darstellung aus dem 19. Jahrhunderts. Lessing war damals als Sekretär des Breslauer Kommandanten Tauentzien tätig.

Die historische Figur des Monarchen wird durch zahlreiche Porträts, Büsten und Statuetten aus verschiedenen Epochen beleuchtet. Die meisten der heute bekannten Gemälde sind keine zeitgenössischen Darstellungen. Der Preußenkönig soll während seiner Regierungszeit nachweislich nur einmal dem Künstler Johann Georg Ziesenis Modell gestanden haben. In Ratingen sind die Malereien als  Original bzw. als Reproduktion ausgestellt. Dem in Schlesien geborenen Maler Adolph Menzel, der vor allem durch seine historisierenden Darstellungen aus dem Leben Friedrichs des Großen bekannt geworden ist, wird eine eigene Abteilung
gewidmet.

OSLM-Direktor und Ausstellungskurator Dr. Stephan Kaiser betonte: „300 x Friedrich bietet viele neue Gestaltungsräume und Möglichkeiten der Annäherung an Friedrich den Großen, vom Generationenkonflikt bis hin zu Preußens Lage in Ost und West.  Viele Fragen verbinden sich mit der Person Friedrichs II. So mag die Ausstellung  dazu anregen, selbst zu werten, inwieweit seine Taten und publizierte Propaganda  Programm einer großen Selbstinszenierung gewesen sind.“ Dr. Kaiser zeigte auch Verbindungen zwischen dem Rheinland und Friedrich II. auf und erwähnte u.a., daß die erste Begegnung des Preußenkönigs und des französischen Philosophen Voltaire auf Schloß Moyland stattgefunden hat.

Die „300 x Friedrich“-Ausstellung ist im Oberschlesischen Landesmuseum von Ratingen-Hösel bis zu 16. September geöffnet.

Dieter Göllner (KK)

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