Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1221.

Schlesischer Cicerone

Lange wurde dieses Handbuch vorbereitet. Das umfangreiche Werk sollte fortan zur Standardausstattung bei Reisen nach Schlesien gehören. Diese wichtige Feststellung soll durch die nachfolgenden Bemerkungen nicht relativiert werden.

Schlesiens Kunstdenkmäler wurden zwischen 1889 und 1893 durch den Denkmalkonservator Hans Lutsch in einem mehrbändigen Handbuch erfaßt. Dieses ist kaum noch greifbar. Nur der unverändert nachgedruckte Bildband (Hans von Golischek/Hans Lutsch: Bildwerke schlesischer Kunstdenkmale, 1903, zuletzt Neudruck 2001) gab einen Eindruck. Ansätze für neue flächendeckende Inventare gab es, aber abgeschlossen wurde keines der Großvorhaben.

Die Herausgabe lexikalischer Kunstführer in Nachfolge von Georg Dehio (1850–1932) ist eine große Tat. Im Jahr 1905 hatte dieser sein erstes kleinformatiges Kunstdenkmal-Handbuch vorgelegt und vor 100 Jahren im Nordost-Band auch erst- sowie letztmalig Schlesien behandelt. Deutsche und polnische Kunsthistoriker konnten zwar auch nicht nach Vollständigkeit, aber doch nach begründeter Auswahl auf der Basis genauer Sichtung streben. Der Dehio Schlesien folgt damit traditionellen Maßstäben.

Was das „Handbuch der historischen Stätten. Schlesien“ von Hugo Weczerka 1977 leistete, findet hier nun weit umfangreicher und in Details für kunsthistorische Stätten weiterführend eine Fortsetzung. Rund 1200 Orte mit 2500 Objekten in den heute vier schlesischen Woiwodschaften Polens behandelt der neue Dehio-Band. Durch viele Bearbeiter variiert die Darstellung.

Dieser Dehio ist ein Band zuvörderst der Kirchen und Klöster geworden. Sodann kommen Schlösser und Herrenhäuser‚ auch als Ruinen, sowie Rathäuser. In wesentlich geringerer Anzahl mit oft wenig befriedigender kurzer Beschreibung wird auf Bahn-, Post- und Schulgebäude, Bürgerhäuser, Villen und Siedlungen, Industrie- oder Militärbauten, Friedhöfe oder Parkanlagen eingegangen. Entsprechende Vorarbeiten bei Großstädten wurden genutzt. Riesengebirgsschlösser wie Buchwald oder Erdmannsdorf lassen sich natürlich leichter im funktionalen Kontext erklären als andere landschaftsprägende Schlösser und Herrenhäuser. Bei Profanbauten sind formale Baubeschreibungen mehr einem Kunstdenkmalführer verpflichtet, als daß auf Baugeschichte, Besitzgeschichte bzw. Besitzabfolge eingegangen würde.

Was sich der Leser alles wünscht, ist von solch einem Handbuch weder methodisch noch schlicht vom Umfang her zu leisten.

Vielen Stadt-Artikeln sind aussagekräftige Einführungen mit einem Kurzabriß der Geschichte und Siedlungsgenese vorangestellt. Die Texte sparen Kunstgutverluste nicht aus. Hinweise zu den an andere Stellen verbrachten Kunstgegenständen werden beim historischen Ort kursiv gesetzt.

Das jetzige Werk ist ein Zwischenschritt, der viel Aufmunterung und Ansporn für eigene Erkundungen bietet. Beim Überblick helfen 34 Kartenseiten, leider nicht zweisprachig. Die Textanordnung nach polnischen Ortsnamen ist gewöhnungsbedürftig und erschwert bei schwieriger Konsonantenfolge den schnellen Zugriff. Häufig muß die beigegebene Ortsnamenskonkordanz benutzt werden. Ein Gewinn sind die fundierten historischen und kunsthistorischen Einführungen. Neues bietet auch das 50seitige Künstlerverzeichnis, das viele Lebensdaten enthält.

Manch Unbekanntes im immer noch dichten Denkmalbestand der Kunstlandschaften Schlesiens wird nun erstmals breiteren Kreisen bekannt. Goethes Wort: „Man sieht nur, was man weiß“, und die Umkehrung vom Wert eigener Anschauung treffen hier zusammen.

Ernst Badstübner, Dietmar Popp, Andrzej Tomaszewski und Dethard von Winterfeld (Hg.): Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2005, 1297 S., 49,90 Euro

Stephan Kaiser (KK)

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