Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1281.

Schönes und Schwieriges vor dem schweren Verlust

Als die deutschen Gebiete im Osten Europas nach 1945 verlorengingen, betrauerten Millionen deutscher Flüchtlinge den Verlust ihrer Heimat. Für sie war eine heile Welt zusammengebrochen, in der Menschen verschiedener Völker friedlich zusammengelebt hatten.

Aber wie heil war diese Welt wirklich? Schließlich hat es zwischen den dort lebenden Deutschen und ihren Nachbarn nicht unbeträchtliche Spannungen gegeben – in Westpreußen etwa waren die Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg zur Minderheit geworden, in Schlesien war es umgekehrt. Hier wurden polnische Schulen geschlossen, und viele Polen sahen sich gezwungen, deutsche Namen anzunehmen.

Wie erging es denen, die sich weigerten, ihre Identität aufzugeben? Und welche Folgen hatte die brutale Germanisierungspolitik der Nazis für sie? Fragen, die bis heute in Deutschland kaum gestellt werden. Anhand zahlreicher Fotos, persönlicher Zeugnisse und unveröffentlichter Quellen widmet sich dieses Buch dem hochemotionalen Thema. Drei Regionen – Pommern, Schlesien, Westpreußen – stehen dabei exemplarisch für das Schicksal von Deutschen und Polen, die im ehemals deutschen Osten zusammengelebt haben. Ein ungewöhnlicher Blick auf die Vorgeschichte von Flucht und Vertreibung und zugleich ein fesselndes historisches Panorama.

Ein Team von deutschen Filmautoren um Ulla Lachauer, Uta Bönnen und Hans-Dieter Rutsch hat gemeinsam mit dem Warschauer Historiker Wlodzimierz Borodziej parallel zu einer dreiteiligen Fernsehserie dieses Buch verfaßt, das viel bisher unveröffentlichtes Material enthält. Von ihnen stammt auch das viel gelobte Vorgängerbuch „Als die Deutschen weg waren" (2005).

Die Dokumentationsreihe „Als der Osten noch Heimat war" will einen weißen Fleck mit Farbe füllen, mit konkreten Geschichten aus dem Alltag zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Beginn von Flucht und Vertreibung. Wie sah das Leben jenseits von Oder und Neiße wirklich aus? Was nahm man von den politischen Entwicklungen wahr, wie wirkte sich der Nationalsozialismus aus, wie der Kriegsbeginn? Jenseits von Folklore und idyllischen Landschaftsbildern erzählt die Dokumentationsreihe und dieses dazugehörige Buch ein unbekanntes und verdrängtes Kapitel deutscher und europäischer Geschichte. Schade, daß dabei nur drei Regionen exemplarisch für das Schicksal von Deutschen und Polen vorgestellt werden, eine Fortsetzung wäre wünschenswert.

Michael Ferber (KK)

 

Als der Osten noch Heimat war. Was vor der Vertreibung geschah: Pommern, Schlesien, Westpreußen. Rowohlt Berlin, Berlin 2009. 320 S., 19,90 Euro

 

«

»