Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1363.

„… schwankt sein Charakterbild“?

Wallenstein ist nicht lediglich eine Gestalt Friedrich Schillers, er ist auch ein europäisches Omen

„Gibt es ein größeres (ein besseres?) Drama in der deutschen Literatur?“, fragt Norbert Oellers in einer Abhandlung zu Friedrich Schiller. Im Düsseldorfer Schauspielhaus gab es in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Erfurt und Dominique Horwitz in der Titelrolle eine imposante fünfstündige Premiere.

Der kaiserliche Oberbefehlshaber Albrecht Eusebius Wenzel von Waldstein, Herzog von Friedland und Mecklenburg, Fürst von Sagan, ist durch Schiller zu unvergänglichem Ruhm gekommen, wie er ihn durch seine militärischen Taten, seinen ungewöhnlichen politischen Aufstieg und sein gewaltsames Ende allein wohl nie erreicht hätte. Auch nach Schiller haben Historiker und Schriftsteller immer wieder seine Geschichte und sein Schicksal beschrieben, in unterschiedlicher Bewertung und mit verschiedenen Schwerpunkten. Darunter sind bekannte Namen wie die Historiker Leopold von Ranke, Josef Pekar, Hellmut Diwald und Golo Mann oder die Schriftsteller Ricarda Huch und Alfred Döblin. Ein Überblick oder gar eine Beurteilung dieser zum Teil voluminösen Werke – Josef Pekar 700, Golo Mann fast 1200 Seiten – ist kaum zu leisten, zumal sie sehr verschieden angelegt sind. Ricarda Huch etwa zitiert ausgiebig aus Wallensteins Briefwechsel mit seinem Schwiegervater Karl von Harrach, dessen Tochter Isabella er in zweiter Ehe geheiratet hatte, und anderen Briefen. Sie ergeht sich jedoch in Spekulationen über sein Verhältnis zu Frauen und hält es wegen seiner recht späten zweiten Heirat für möglich, dass sich „seine geschlechtliche Sinnlichkeit aufgelöst“ hatte. s15

Da die tschechische Herkunft der „Waldsteine“ und ihre enge Verbindung zu Mähren und Böhmen unbestritten ist, muss das gewichtige Werk „Wallenstein. 1630–1634. Tragödie einer Verschwörung“ des tschechischen Historikers Josef Pekar, 1895 in tschechischer Sprache und erst 1937 in deutscher Übersetzung in Berlin erschienen, besonderes Interesse wecken. Pekar hält die Wallensteinsche „Verschwörung“ für erwiesen und führt dafür die abgefangenen Briefe unter anderem des Grafen Schaffgotsch, der böhmischen Emigranten Kinsky, Thurn, A. Schlief, des Rašín von Riesenburg und Aussagen Wallensteins selbst an. Er wendet sich deutlich gegen deutsche Historiker wie Friedrich Förster oder Leopold von Ranke, die Wallensteins Friedensziele gewürdigt, dessen eigensüchtige Absichten, antihabsburgischen Bestrebungen sowie die Unterstützung der böhmischen Exulanten jedoch zu wenig berücksichtigt hätten. Er beruft sich dabei auch auf den sächsischen Feldmarschall von Arnim, mit dem Wallenstein vielfältige Verbindungen pflegte.

Pekars Darstellung ist schwere Kost, weil er über Seiten hinweg aus den originalen Korrespondenzen zitiert. An negativen Urteilen über Wallensteins Persönlichkeit herrscht bei ihm kein Mangel, und immer wieder kritisiert er Handeln oder auch Zögern des Generals mit starken Worten. Aber: Die Wallensteinsche Verschwörung „gehört zu den erregendsten Episoden der böhmischen Geschichte“.

Für die politischen Ziele des Feldherrn ist die von dem brandenburgischen Oberst von Burgsdorff 1633 festgehaltene Erklärung von Bedeutung: 1. Dass in dem ganzen Römischen Reich ein allgemeiner durchgehender Frieden solle geschlossen werden. 2. Dass alle Religionen „meniglichen freygelaßen und unturbieret“ werden sollen. 3. Dass „alle und jede, so von dem irigen verjagt und vertriben worden, genzlichen restituiert werden soll“. Da sich in den letzten Jahren die Feldzüge Wallensteins und seiner Generäle auch in Schlesien abspielten, sollte der Leser dieses Werkes gut über die schlesische Geographie unterrichtet sein, denn wer weiß heute schon auf Anhieb, wo Sagan, Steinau, Striegau oder Schweidnitz liegen?

Auf das vergnüglich zu lesende Buch Golo Manns über Wallenstein (1971), in dem er dessen Leben erzählt und das wohl kaum überboten werden kann, wird hier nicht weiter eingegangen. Stattdessen folgen wir den historischen Spuren in Böhmen und darüber hinaus

Die Adelsfamilie der Waldsteine wird schon im 12. Jahrhundert unter König Ottokar Przymisl genannt und in den folgenden Jahrhunderten immer wieder. Die Stammburg Waldstein befindet sich zwischen Turnau und Groß Skal im Bunzlauer Kreis, aber der Vater Wallensteins, aus einer zahlreichen Familie, erbte Schloss und Gut Hermanitz bei Königinhof an der Elbe. 1930 hatte dieses Dorf überwiegend deutsche Einwohner. Wallenstein verlor früh seine Eltern und hatte einen Onkel auf Schloss Koschumberg als Vormund, der ihn die Lateinschule im schlesischen Goldberg und die Universität Altdorf bei Nürnberg besuchen ließ. Nach einer Kavalierstour leistete er Militärdienst in der kaiserlichen Armee in Ungarn und stieg im Dienste des späteren Kaisers Matthias zum Kämmerer auf.s16

Obwohl ursprünglich protestantisch, trat er zum katholischen Glauben über und heiratete die sehr reiche Witwe Lukretia von Wickow, die aber schon 1614 verstarb. 1618 stand er auf der Seite Kaiser Ferdinands II., stellte auf eigene Kosten ein Heer auf und erwarb nach der Niederlage des Winterkönigs und der protestantischen Stände (1620 Schlacht am Weißen Berg) 58 Herrschaften von Friedland in Nordböhmen bis Weißwasser. Es folgte die Erhebung zum Grafen, Fürsten, Herzog von Friedland und Beförderung zum Generalissimus. Nach seinen militärischen Erfolgen im Kampf gegen Mansfeld und Dänemark wurde er auch noch Herzog von Mecklenburg und damit Reichsfürst. Dieser steile Aufstieg und seine Macht als Oberbefehlshaber des kaiserlichen Heeres hatte die Feindschaft des Kurfürsten Maximilian von Bayern und der Reichsstände zur Folge, sodass ihn der Kaiser absetzen musste. Dies sollte Wallenstein den Bayern nie verzeihen und später durch passives Verhalten beim schwedischen Vormarsch in Bayern vergelten.

Das schwedische Eingreifen und die schwedischen Siege über General Tilly nötigen den Kaiser zur Wiederberufung Wallensteins, dem er fast unumschränkte Vollmacht bei der Kriegsführung einräumen muss. Der blutigen und verlustreichen Schlacht bei Lützen (1632) folgen keine weiteren größeren Aktionen Wallensteins, wenn man von der Entsetzung der Festung Breisach und dem Sieg beim schlesischen Steinau absieht. Stattdessen sind zahlreiche politisch-diplomatische Aktivitäten des kriegsmüden und kranken Feldherrn zu verzeichnen, die das Misstrauen in Wien und München hervorrufen. Wallenstein rechtfertigt seine Untätigkeit mit militärischen Gründen, verfolgt aber letztlich eine eigene Politik, die über seinen militärischen Auftrag hinausgeht. Pilsen und Eger im westlichen Böhmen sind schließlich die Endstationen seiner Macht und seines Lebens, wodurch auch das Herzogtum Friedland eine Episode bleibt.

Als geächteter Hochverräter wird er über den Tod hinaus verfolgt und sein Besitz an die kaisertreuen Generäle vergeben, die sich wie zum Beispiel Gallas im sudetendeutschen Friedland festsetzen, Aldringer in Teplitz, Coloredo auf Opocno usw. Die protestantischen Emigranten bleiben aus den wieder fest unter kaiserlich-katholischer Herrschaft stehenden böhmischen Ländern ausgeschlossen. Wallensteins Leichnam wird erst 1785 in der St. Annenkapelle im Schlosspark von Münchengrätz beigesetzt, nachdem er über 150 Jahre in der Kartause von Walditz bei Jitschin, seiner ehemaligen Residenzstadt, geruht hatte.

Rüdiger Goldmann (KK)

«

»