Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1250.

Schwarz-weißes Licht aus Prag

Die Grafik von Emil Orlik erlebt derzeit in der Kölner Galerie Glöckner eine angemessene Würdigung

Seit kurzem ist die osteuropäische Grenze nach Deutschland geöffnet, der Visumszwang aufgehoben. Die Grenzkontrollen fallen fort. Davon profitieren der Handel und der Tourismus. Die Begegnung vom Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten ist normaler geworden. Und die Kunst und die Kultur?

In Köln findet gegenwärtig eine große repräsentative Ausstellung eines bedeutenden Künstlers aus Prag statt. Claudia und Bruno Glöckner haben jahrelang Leben und Werk des Emil Orlik (1870–1932) studiert und eine umfassende Sammlung seiner Arbeiten angelegt. Daraus haben sie nun in ihrer Kölner Galerie eine Ausstellung mit 145 Exponaten veranstaltet: Zeichnungen, Exlibris, Radierungen, Holzschnitte, Lithographien aus den Jahren 1896 bis 1926, darunter einige Aquarelle der Frühzeit.

Emil Orlik wurde als Sohn eines Schneidermeisters in Prag geboren, absolvierte das Gymnasium in Neustadt und begab sich danach nach München, um an der dortigen Kunstakademie Malerei zu studieren. Doch man verweigerte ihm die Aufnahme wegen angeblich zu geringer handwerklich-technischer Kenntnisse, die er sich während des Studiums erst aneignen wollte. Also nahm er Privatunterricht bei einem Maler aus München. Doch bald merkte er, daß seine Begabung nicht auf dem Gebiet der Malerei und der Farbe lag, sondern auf dem der Zeichnung und der Grafik, und beschritt eigene Wege, setzte sich mit den druckgrafischen Techniken auseinander und brachte es zur Meisterschaft.

In seinem künstlerischen Werdegang spielten Reisen und Aufenthalte in England, Frankreich, den Niederlanden, der Schweiz, Italien und Dalmatien eine wichtige Rolle, ebenso wie ausgedehntere Fahrten nach Ägypten, China und Japan. Von dort kehrte er mit künstlerischen und thematischen Anregungen nach Prag heim, und es enstand sein umfangreiches grafisches Werk. Seine japanische Stilphase ist allerdings nicht seine originellste.

Orliks Werk ist reich an Themen und Motiven sowie an stilistischen Variationen. In manchen seiner Porträts tritt ein deutlicher Realismus zutage. Seinen figuralen Kompositionen mit meistens jugendlichen Modellen merkt man es an, daß der Künstler in den Jahren des Jugendstils tätig war. Seine Landschaften entstanden nach Studien unter freiem Himmel und vermitteln bisweilen eine stimmungsvolle Atmosphäre. In der Kölner Ausstellung begegnet man Dartellungen aus Prag, Danzig, Amsterdam, London, Edinburgh, afrikanischen oder Karpatenlandschaften. Doch gibt es auch etliche Arbeiten ohne Ortsnamen in den Titeln, z.B. „Am Meer“, „Ein Gewitter kommt“, „Sonnenflecken“, „Dämmerung“, „Feierabend“, „Ein Windstoß“ u.a.

Zahlreich ist auch die Reihe seiner Porträts bekannter Persönlichkeiten. Genannt seien Gerhart Hauptmann, Max Slevog, Hans Thoma, Hermann Bahr, Ferdinand Hodler, außerdem das Bildnis seiner Mutter und Selbstbildnisse. Meist handelt es sich auch hier um Radierungen im den verschiedensten Stilen vom Realismus bis zu Abstraktionen, ohne daß die Ähnlichkeit aufgegeben würde.

Die Ausstellung der Galerie Glöckner wurde zum 75. Todestag des Künstlers verananstaltet, was ausdrücklich im Ausstellungskatalog vermerkt ist („Emil Orlik – Zum 75. Todestag“. 120 Seiten. Mit Texten des Künstlers und zahlreichen Abbildungen, 10 Euro), und ist bis zum 16. Februar zu besichtigen. Daß das grafische Werk des Prager Künstlers in Köln so vorbildlich herausgestellt wird, ist zu begrüßen und vielleicht auch als Zeichen zu werten, daß sich Ost und West auch auf dem Gebiet der Kunst näher rücken.

Günther Ott (KK)

 

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