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Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1275.

Seelsorge fordert Seele und Leib – ganz

Bischof Heinrich-Maria Janssen war in seiner gesamten Amtszeit als Bischof von Hildesheim zugleich Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Seelsorge an den Heimatvertriebenen und Spätaussiedlern, Clemens Pickel bei seiner Weihe für die Seelsorge in Südrußland der jüngste Bischof der Weltkirche und wie schon als Kaplan in Duschanbe und Pfarrer in Marx nun auch in Saratow verantwortlich für die verbliebenen Wolgadeutschen.

Der Rezensent kennt beide, Janssen in seiner Verantwortung für den Katholischen Flüchtlingsrat in Deutschland und das „Vaterhaus der Vertriebenen" in Königstein, Pickel als einstigen DDR-Bürger, Rußlandfan von Jugend an und wie Janssen – ohne sich je zu schonen – Seelsorger mit Leib und Seele.

Thomas Scharf-Wrede, der Leiter des Hildesheimer Bistumsarchivs, dokumentiert ein Kolloquium, das zum 100. Geburtstag und genau 25 Jahre nach dem altersbedingten Amtsverzicht Jansens in Hildesheim stattgefunden hat. Elf Jahre wirkte Janssen bis zum Einzug der Roten Armee in der Freien Prälatur Schneidemühl, bekam Geld- und Haftstrafen wegen der von den Nazis verbotenen Seelsorge an den Polen und wurde 1949 bis zur Berufung nach Hildesheim Pfarrer und Dechant in Kevelaer. Unter den 21 Kapiteln bestreitet Rainer Bendel, Tübinger Privatdozent für Kirchengeschichte, jenes über „Bischof Heinrich Maria Janssen und die Vertriebenenseelsorge". Darüber hinaus aber durchzieht das ganze Buch Janssens Fürsorge für die allein in seinem Diasporabistum mehr als vierhunderttausend Flüchtlinge, für die er rund dreihundert Kirchen baute. Domkapitular Reinhold Friedrichs aus Münster bescheinigt ihm: „In der Sorge für die Flüchtlinge war er geradezu vorbildlich." Der bischöfliche Kaplan Wolfgang Osthaus: „Eine ganz besondere Beziehung pflegte er zeit seines Lebens zu den Schneidemühlern, also zu denen, die mit ihm gegen Ende des Zweiten Weltkrieges von dort vertrieben worden waren. Im Bischofshaus gab es eine eigene Adressenkartei der Schneidemühler, über ihr Leben wußte unser Bischof wohl fast alles."

Vom großzügigen Bischofshaus in Hildesheim in ein blaues Holzhäuschen unweit der Wolga. Wenn der Rezensent nicht selbst gesehen hätte, was Bischof Pickel an Not, Elend, Verzweiflung und Resignation in der russischen Provinz beschreibt, er würde es kaum glauben: Dörfer mit Rußlanddeutschen, die fünfzig Jahre lang keinen Priester mehr gesehen haben, oft ohne medizinische Betreuung, mit schlechten Straßen, unfähiger oder schikanöser Verwaltung in meterhohem Schnee oder brütender Hitze. Pickel hält Gedenkmessen für die Vertreibung der Wolgadeutschen im Jahre 1941 und erlebt zugleich Demonstrationen gegen die Rückkehr der Vertriebenen aus Kasachstan oder Usbekistan sowie die kurzzeitige Idee Bonns zur Wiedererrichtung der Wolgarepublik.

Immer wieder klingt an, daß die Rußlanddeutschen nach Deutschland ziehen, oft fühlt sich Pickel vom Westen vergessen. Was er jedoch überhaupt an humanitärer Hilfe leisten konnte und kann, verdankt er der Förderung aus Deutschland. Ohne Spenden könnte er weder seine Ordensschwestern noch Priester bezahlen, die überwiegend Ausländer sind. Der Leser bekommt mit, was Pickel – übrigens auch im Sinne der kaum erwähnten Ökumene – in Rußland leistet. Dem Rezensenten sagte eine evangelische Christin in Marx: „Ohne den Bischof wären wir verhungert."

Das Schlußkapitel dieses so an- wie aufregenden Buches ist Zarin Katharina und den Wolgadeutschen gewidmet. Wie wurden die Nachfahren der in Rußland einst so willkommenen Deutschen betrogen, belogen, vertrieben, verschleppt, versklavt und ermordet! Bischof Pickel hält nun russische Gottesdienste und ist – wie der Titel des dritten Kapitels besagt – Seelsorger der Russen.

Norbert Matern (KK)

Thomas Scharf-Wrede (Hrsg.): Heinrich Maria Janssen, Bischof von Hildesheim 1957 bis 1982. Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2008, 237 S., 24,90 Euro

Clemens Pickel: Ein Deutscher – Bischof in Rußland. St. Benno Verlag, Leipzig 2009, 243 S., 9,90 Euro

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