Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1367.

Segensreiches Erdenbeben

Tagung zum „Luthereffekt“ im östlichen Europa

Folgende Momentaufnahmen skizzieren die internationale Fachtagung „Der Luthereffekt im östlichen Europa. Geschichte, Kultur, Erinnerung“ in Berlin, die im März vom Deutschen Historischen Museum und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (Oldenburg) in Kooperation mit der Universität Wrocław/Breslau, der Universität Stuttgart und der Technischen Universität Berlin veranstaltet wurde.

Martin Luthers reformatorischer Geist schlug im östlichen Europa wie ein Blitz ein. Dem „Luthereffekt“ in Polen, Böhmen oder Ungarn vom 16. Jahrhundert bis heute nachzugehen ist demnach ersprießlich: Wissenschaftler bewegen sich auf einem Terrain, das – bei guter Pflege – noch immer satte Früchte hervorzubringen vermag. Auf dieser Fachtagung wurden einige der Früchte präsentiert.

Im Themenjahr 2016 des Reformationsjubiläums richteten prominente Wissenschaftler Seite8_KK1367und Experten das Augenmerk auf Folgen und Auswirkungen der lutherischen Lehre im östlichen Europa. Dabei stand nicht nur der große historische Rahmen zur Diskussion, auch die kleinteilige Erinnerungsarbeit und die künstlerischen wie architektonischen Ausformungen des Protestantismus, einer religiösen und politischen Strömung, wurden berücksichtigt. Der Konferenz gelang es, überzeugend aufzuzeigen, wie weit über ihr Epizentrum Wittenberg hinaus die Reformation zu spüren war.

Wie wichtig der Blick auf den Osten Europas ist, betonte Professor Dr. Matthias Weber (Oldenburg) bereits in seinem Grußwort: Noch immer sei hierzulande der „Blick gen Westen“ dominant. Ein Paradebeispiel für die West- bzw. Fernorientierung hierzulande war die Präsentation von Anne-Katrin Ziesak (Berlin), Leiterin des Ausstellungsprojekts „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“, das vom 12. April bis zum 5. November 2017 im Martin-Gropius-Bau realisiert werden soll. Die geplante Ausstellung wird Schweden, Tansania, Korea, Nordamerika ins Blickfeld rücken. Die Veranstalter haben Großes vor: Sie wollen den „Luthereffekt“ in der Welt aufspüren, ohne auf Martin Luther zu rekurrieren. Wie lässt sich der Luthereffekt ohne Luther inszenieren, diesen politisch in vielerlei Hinsicht unkorrekten Reformator, der mit seiner Sprachgewalt so manch ein Dogma hinwegfegte? Man darf gespannt sein.

Dass der Luthereffekt im Rahmen der Berliner Tagung nicht marketingtechnisch eingesetzt wurde, ist mit großem Dank zu quittieren. Die Tagung rückte weder die ambivalente Persönlichkeit Luthers noch den schwer zugänglichen Osten in die Ferne, sondern stellte sich der Herausforderung – und zwar gleich mit dem Eröffnungsvortrag von Professor Dr. Winfried Eberhard (Leipzig), der die Rezeption der lutherischen Reformation in Ostmitteleuropa „holzschnittartig“ präsentierte. Eberhard zeigte, wie viele Faktoren zusammenspielen mussten, um die reformatorische Lawine in den Königreichen Polen, Ungarn, Böhmen auszulösen. In der dualistischen Ständemonarchie des 16. Jahrhunderts befand sich der Hochadel in einer privilegierten Situation – er hatte die höchsten Landesämter inne und war unabhängig. Der König konnte nicht eingreifen, wenn ihm die Richtung des einen oder anderen Amtsinhabers nicht passte. Wir sehen daher den „Souverän“ auf Friedenskurs eingestellt, immer wieder bemüht, diplomatisch zu agieren.

Dass der Osten dennoch keine diffuse oder schwer zu fassende Region ist, zeigte Professor Dr. Matthias Weber in seinem Vortrag „Koexistenz und Religionsfrieden in Ostmitteleuropa“. Er hob hervor, dass es Alternativen zum Augsburger Religionsfrieden 1555 gab.

Im Vergleich zum Kuttenberger Religionsfrieden in Prag 1485, dem Religionsedikt von Thorenburg 1568, der Warschauer Konföderation 1573 sowie dem Böhmischen Majestätsbrief von Kaiser Rudolph II. 1609 schneidet der Augsburger Religionsfriede sogar schlechter ab: Er berücksichtigte lediglich zwei Konfessionen, während die ostmitteleuropäische Beschlüsse bis zu fünf Konfessionen betrafen. Zudem hielt er mit dem Prinzip „cuius regio, eius religio“ (wessen Gebiet, dessen Religion) den Druck auf die Untertanen aufrecht, während im Großteil der östlichen Regionen die Untertanen ihre Konfession frei wählen durften. Aufgrund des „ius reformandi“ war das im Reich nur den Landesherren erlaubt.

Selbst wenn sich der Augsburger Religionsfriede weniger liberal erweist als seine östlichen Pendants, hat er eins mit Letzteren gemein: Er war eine Strategie, mit der Gewaltanwendung durch eine einzige Konfession für einige Zeit vermieden wurde. Langfristig ist die friedliche Koexistenz allerdings nur in einigen Teilen des östlichen Europas gelungen.

An Luther arbeiteten sich auch die siebenbürgischen Antitrinitarier im 16. und 17. Jahrhundert ab, das zeigte der Vortrag von Dr. Edit Szegedi (Cluj/Klausenburg, Rumänien). Luther war in Klausenburg, der Hochburg der Antitrinitarier (später: Unitarier), für Persönlichkeiten wie den Bischof Dávid Ferenc „die Bezugsgröße“. Bedauert wurde der Reformator dennoch: Er sei im „Vorzimmer des Gelobten Landes“ hängen geblieben.

Dass sich das Paradies für Martin Luther nicht auftun würde, davon waren auch jene seiner Zeitgenossen überzeugt, die sich vehement „wider Luthers Satanismus“ wandten und seinen Kurs nicht nur korrigieren, sondern rückgängig machen wollten, allen voran Stanislaus Hosius, den Dr. Kolja Lichy (Gießen) und Dr. Maciej Ptaszynski (Warschau) in ihren Vorträgen behandelten. Der katholische Theologe bezichtigte in seiner Schrift „Opus elegantissimum varias temporis nostri temporis sectas & Haereses ab origine recenses“ (Paris 1560) den Reformator, er habe Zwietracht in die Welt der Gläubigen gebracht. Dass Luther des Satans sei, verbreiteten auch viele weitere Autoren wie Jakub Wujek, Tomáš Bavarovsky, Johann Hasenberg.

Luther wurde in ganz Ostmitteleuropa zur „Chiffre der Häresie“. So verurteilte Pawel Piasecki die „deutsche Häresie“ in der „Chronica gestorum“ (Krakau 1645) und beförderte damit die katholisch-xenophobe Publizistik, so Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg (Gießen). In seinem Vortrag ging er der brisanten Frage nach, inwieweit das Luthertum an die deutsche Sprache gebunden war und zum Zustandekommen der deutschen Minderheit im östlichen Europa beigetragen hat. Anhand des Thorner Tumults („Thorner Blutgericht“) von 1724 lässt sich diese konfessionsnationale Perspektive exemplarisch aufdecken: Vor der lutherischen Elite hatte man in Polen wegen der Zuspitzung der nationalen Konflikte und dem Erstarken Preußens Angst, deshalb sah man sich „gezwungen“, ihr ein gewaltsames Ende zu bereiten.

Obwohl die Gegenreformation auf Erfolgskurs war, fand man Wege, Luthers Schriften Seite10_KK1367zu verbreiten. Einen entscheidenden Beitrag leistete dabei die Hanse, die Dr. Anja Rasche (Speyer/Lübeck) behandelte. In vielen Hansestädten wurden Luthers Schriften und Gesangbücher gedruckt und als „Schmuggelware“ nach Ostmitteleuropa gebracht. Der politische Einfluss und die Mobilität von Kaufleuten war ausschlaggebend – aber auch ihr Einfallsreichtum: Umschlagseiten wurden so gestaltet, dass sie den „ketzerischen“ Inhalt nicht verrieten, so Professor Dr. Joachim Bahlcke (Stuttgart). Der „Bücherschmuggel“ wurde über die verschiedensten Handelswege vor allem ab Mitte des 17. bis ins 18. Jahrhundert hinein betrieben. Die „Bücher-Inquisition“, bei der ketzerische Schriften konfisziert und öffentlichkeitswirksam verbrannt wurden, ließ Ende des 18. Jahrhunderts nach: Politische Schriften wurden durch die Einführung der weltlichen Zensur in der Habsburger Monarchie interessanter.

Trotz „Bücherhinrichtungen“ und strenger Verfolgung lutherischer Sympathisanten in Polen lohnt es sich Dr. Anna Manko-Matysiak (Wrocław/Breslau) und Małgorzata Balcer (Torun/Thorn) zufolge, einen Blick auf die polnische Erinnerungskultur zu werfen und das „Lutherbild in Polen“ bis in die Gegenwart zu rekonstruieren. Der Gedanke, der Glaube sei ein Geschenk zur Befreiung des Einzelnen, führte von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis heute zu einer Aufwertung des Luthertums und zur Tradition des „Luther est redivivus“ durch aufgeklärte polnische Intellektuelle. So finden wir in Bielsko-Biała/Bielitz-Biala auf dem Luther-Platz ein Luther-Denkmal; in der Friedenskirche in Swidnica/Schweidnitz gaben sich anlässlich eines ökumenischen Gottesdienstes Angela Merkel und Eva Kopacz die Hand – bezeichnenderweise unter einem Luther-Gemälde mit der Inschrift „Ein feste Burg ist unser Gott“. Und die Friedenskirche in Jawor/Jauer entwickelt sich neuerdings zu einem lebendigen deutsch-polnischen Erinnerungsort. In Polen scheint Martin Luther mehr als ein Marketingtrick zu sein. Der Blick gen Osten ist manchmal doch recht ergiebig, wenn’s um deutsche Identitätsfindung geht.

Ingeborg Szöllösi (KK)

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