Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1242.

Sehen, wie es gewesen ist, fragen, warum

Mehr dieser Fragen und manche Antwort bieten in Zwiesel Bilder und Texte über „Bayern–Böhmen. 1500 Jahre Nachbarschaft“

So  lautet  der Titel der Bayerischen Landesausstellung 2007 in Zwiesel im hohen Bayerischen Wald – in nächster Nähe der Grenze zu Tschechien. Sie hat am 24. Mai in einer umgebauten früheren Mädchenschule begonnen und dauert bis zum  14. Oktober. Ihr – außerordentlicher – Reichtum von ca. 400 Exponaten stammt zu mehr als der Hälfte aus tschechischen Beständen, an der Bearbeitung, auch am Katalog, der mehr als 460 Seiten umfaßt und höchsten Ansprüchen genügt, sind etwa zur Hälfte bayerische und zur anderen tschechische Autoren beteiligt. Zum erstenmal hat das Haus der Bayerischen Geschichte  dazu einen Katalog herausgebracht, in dem  die wichtigsten Aufsätze und Sequenzen in beiden Sprachen verfügbar sind, die Beschriftungen sind vollständig zweisprachig.

Ob die Nachbarschaft nun gerade seit 1500 Jahren besteht, kann natürlich auch die Ausstellung nicht belegen, es wird von ihr aber auch gar nicht erwartet. Wesentlich ist, daß über etwa 1000 Jahre eine konstruktive und konfliktarme Nachbarschaft praktiziert werden konnte, bei der Bayern oft der nehmende Teil war. So kannten die Länder der böhmischen Krone bereits eine Stadtstruktur, als Bayern mit Ausnahme von Regensburg noch keine Stadt hatte und die Herzöge im 13. Jahrhundert mit Reihen landstädtischer Gründungen erst begannen. Es hat dynastische Verbindungen gegeben, von denen vor allem Bayern profitiert hat, doch die größte Bedeutung hatten Wirtschaft, Warenaustausch und Technik. Aufgrund seiner geologischen Tiefenstruktur hat Böhmen keine Salzlager und wurde so der – zahlungssichere – Hauptabnehmer des bayerischen Salzes. Die heute noch als touristischer Begriff benutzte Bezeichnung der „Goldenen Steigen“ leitet sich davon ab. Die ausgreifende und auf die Errichtung städtischer Strukturen gerichtete Politik von Karl IV., da wieder besonders die Gründung der Universität Prag, haben in den bayerischen Raum gewirkt. Bayern war bis in die Zeit der Währungskatastrophen des Dreißigjährigen Krieges auch böhmisches Währungs- und Münzgebiet. Die böhmischen Kreuzer beherrschten den Geldverkehr, die böhmische Münze in Kuttenberg war faktisch auch die bayerische.

Böhmen hatte eigentlich zwei wittelsbachische Nachbarn: zum einen das altbayerische Territorium im Süden, zum anderen die Oberpfalz, die zur Kurpfalz und damit zu den Heidelberger Kurfürsten gehörte. Die Kurfürsten in Heidelberg, von Geldnöten gepeinigt, haben im 14. Jahrhundert größere Gebiete und Herrschaftsorte an Prag verpfändet, so daß unter Karl IV. für einige Jahrzehnte Neu-Böhmen entstand, das sich über zahlreiche Ämter mit Sulzbach als Hauptort bis kurz vor Nürnberg erstreckte und nicht nur böhmisches Herrschafts-, sondern auch Verwaltungs- und Zollgebiet war. Besonders auf diese geht es zurück, daß sich Böhmen, namentlich das nördliche und westliche und die benachbarte Oberpfalz, wirtschaftlich, handelspolitisch und technologisch als Einheit verstanden, auch wegen ihrer Einbindung in das gesamteuropäische Handelssystem.

Die Montanwirtschaft der Oberpfalz hatte ihre technologische Basis in Böhmen. Die Bergbau- und Schmelztechnik kam dabei aus Böhmen, der Vertrieb der veredelten Metalle erfolgte über Nürnberg und Augsburg. Wenn es um Stadtentwicklung und Technik ging, war Böhmen immer der gebende Teil, allerdings auch in einem ersten Tiefpunkt der bayerisch-böhmischen Beziehungen, nämlich in den Hussitenkriegen ab 1420. Das rechtgläubige Europa hat gegen die „böhmischen Ketzer“ fünf, auch so bezeichnete, Kreuzzüge geführt, die allesamt in verheerenden Niederlagen für die „Kreuzfahrer“ endeten. Die hussitischen Heere waren ihren Gegnern weit überlegen und galten als unbesiegbar, nicht zuletzt, weil sie eine Art der „Panzerwaffe“ erfunden hatten. Sie hatten als Kampfmittel Wagen entwickelt, die, mit standardisierter Besatzung und Technik ausgerüstet, in kürzester Zeit Wagenburgen bilden konnten, die bei offenen Kampfhandlungen ähnlich wirkten wie Jahrhunderte später die Panzer. Bayern hat es gründlich zu spüren bekommen, die katastrophalen Hussiteneinfälle 1420 und 1434 sind aus dem kollektiven Tiefengedächtnis bis heute nicht völlig verschwunden.

Europa hat sich allzusehr daran gewöhnt, den Beginn der ersten „Urkatastrophe“ der deutschen Geschichte, des Dreißigjährigen Krieges, im Konflikt der protestantischen Stände Böhmens mit Kaiser Ferdinand II. zu sehen. Die Länder der böhmischen Krone, also Böhmen, Mähren, Schlesien und die Ober- und Niederlausitz, waren weit mehr eine Konföderation autonomer Gebiete – am meisten der einzigartige schlesische Flickenteppich kleiner und kleinster Fürstentümer – als ein Gesamtstaat  mit einer Zentralgewalt. Böhmen hat mit Prag seine herausgehobene  Stellung vor allem durch seine zentrale Lage und durch seine kulturelle Suprematie behauptet. Das war auch die Sicht gerade der Zeitgenossen, die von einer „Confoederatio  Bohemica“ sprachen und einen – aus habsburgischer, aber auch bayerischer  Sicht revolutionären – ständischen Verfassungsstaat angestrebt  haben. Der Rest wurde von 1618 bis 1648 erlebt und erlitten. Der historische Mechanismus, der zum Dreißigjährigen Krieg führen konnte, war, daß sich der spätere bayerische Kurfürst Maximilian I. gegen die böhmischen Nachbarn und auf die kaiserliche Seite gestellt hatte, vor allem, um den Dauerkonflikt mit den Heidelberger Verwandten um die Kurwürde für sich zu entscheiden. Hier wird sichtbar gemacht, daß ohne die bayerische Politik der Lokalkonflikt des böhmischen Adelsaufstandes diese apokalyptischen Ausmaße nicht hätte annehmen können.

Bei der nächsten „Urkatastrophe“ muß dagegen von einer deutsch-tschechischen gesprochen werden. Es sind die Beziehungen, wie sie sich von 1938 bis 1989 gestaltet haben. So wie die Wurzeln der Konfessionskonflikte im Zusammenhang der deutschen Reformation in Böhmen zu suchen sind, so sind die zuerst kleineren, dann immer größeren und schließlich die Megakatastrophe in den Beziehungen auf die Französische Revolution zurückzuführen. Ihre Leitideen haben sich mit dem Panslawismus verbunden und letztlich alles, was tägliches Leben ist, die Sprache und deren Gebrauch eingeschlossen, zum nationalen Manifest gemacht. Keine andere slawische Bevölkerung Europas hat diese Leitideen  mit der gleichen Konsequenz umgesetzt wie die tschechische, die Deutschen die ihren allerdings nicht weniger. Das Ergebnis war eine Entfremdung, die sich etwa ab 1848 datieren läßt und von 1918 bis 1947 in Schüben virulent geworden ist.

Selbstverständlich erwartet der Besucher von der Ausstellung in Zwiesel vor allem die Auseinandersetzung mit diesen Abläufen, wobei die Vertreibung der Sudetendeutschen als Höhepunkt empfunden wird. Seine Erwartung wird erfüllt: Es wird dargestellt, was gewesen ist, im besten Rankeschen Sinne. Neu ist im Grunde nicht allzuviel, aber doch einiges von Gewicht. So wird herausgestellt, daß die Tschechoslowakei von 1918, geprägt von ihrem ersten Präsidenten Thomas Masaryk, ein Vielvölkerstaat war, der keiner sein wollte, und in ihm Völker lebten, die diese Tatsache verdrängt haben. Das gilt deutlich für die Tschechen Böhmens, weniger für jene Mährens, es gilt ebenso deutlich für die Deutschen und beträchtlich abgeschwächt für die Slowaken und Ungarn in der Slowakei, die eine erstaunliche Loyalität gezeigt haben. Der Vielvölkerstaat Tschechoslowakei wurde ebenso kaputtgeredet und kaputtgeschrieben wie vorher die Vielvölkermonarchie Österreich-Ungarn, hauptsächlich von den gleichen Gruppierungen.

Das weitere Schicksal der Beteiligten illustriert die Bemerkung von Churchill, den Völkern der Donaumonarchie habe der Erwerb ihrer Unabhängigkeit Qualen eingetragen, wie sie die alten Schriftgelehrten den Verdammten vorbehalten hätten. Dabei hatten sich auf allen Seiten, auch auf der deutschen, etwa zehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs durchaus Loyalitäten zu dem neuen Staat entwickelt. Die Ausstellung macht deutlich, daß die Benachteiligung der deutschen Bevölkerung weit weniger gewichtig und konsequent gewesen ist, als es die Propaganda dargestellt hat. Ein Hauptgrund dafür, daß Leben und Wirtschaften in der kaum geliebten, aber nicht mehr völlig abgelehnten Tschechoslowakei von den Deutschen als Benachteiligung und nur wenig zukunftsfähig erlebt wurde, findet sich in der Veraltung der Wirtschaftsstrukturen in den deutsch besiedelten Gebieten. Hier liefert die Ausstellung neue Einsichten, ebenso wie in die Zeit der Eingliederung der vertriebenen Sudetendeutschen in Bayern. Dies ist auch eine Geschichte der Mißerfolge und Enttäuschungen (Neugablonz war eine Ausnahme), insbesondere der Unternehmergruppen, die versucht haben, in Bayern an ihre Wirtschaftstraditionen anzuknüpfen. Nur ein Drittel von ihnen konnten sich behaupten, obwohl die sudetendeutsche Bevölkerung, anders als die damalige bayerische, längst keine Agrarbevölkerung war und mit einem guten Ausbildungsstand nach Bayern kam.

Um es zu wiederholen: Die Ausstellung macht sichtbar, was und wie es gewesen ist. Es wird nichts beschönigt. Das allein macht sie schon zu einem Ereignis, denn schließlich sind mehr als die Hälfte der Bearbeiter tschechische Wissenschaftler, ein großer Teil der Ausstellungsstücke, insbesondere der Bebilderungen aus der Vertreibungszeit, stammt aus tschechischen Beständen. Kein Zweifel, hinter der oft harten Wahrheit, die in der Ausstellung präsentiert wird, mit der notwendigen Härte auch gegen sich selbst, steht auch die tschechische Seite. Man konnte aus vielen Einzeleindrücken schließen, daß die tschechische Diplomatie den Weg über Wissenschaft und Kultur nutzt, um eine neue Bewertung der Beneš-Dekrete und aller Vorgänge zwischen 1938 und 1947 einzuleiten. Für diplomatische Paradigmenwechsel waren Kulturereignisse schon immer ein wirksames Mittel.

Man kann damit rechnen und darauf hoffen, daß nach der Ausstellung die Konturen neuer Positionen der Prager Politik in Europa erkennbar werden. Doch vor dem dritten Teil mit der Darstellung der alliierten Positionen zur „Umsiedlung“ entsteht  auch wieder das Gefühl verzweifelter Ratlosigkeit:  Wie war das möglich? Zahlreiche jüngere Historiker, die sich mit Zeitgeschichte beschäftigen, drücken es so aus: Je mehr man darüber weiß, desto weniger versteht man alles!

Dietmar Stutzer (KK)

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