Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1346.

„Sehr unbekannt“ ist eine sehr eigene Qualität

Auf den Spuren des Historikers Ferdinand Gregorovius, der von seiner Zunft weg auf den Leser zu geschrieben hat, in Rom und Erfurt

Sehr-unbekanntDas Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt hatte zu einer interdisziplinären Tagung zur Geschichtsschreibung von Ferdinand Gregorovius unter dem Titel „Transformationen des Historischen“ eingeladen. Wissenschaftler von fünf deutschen Universitäten trugen die Ergebnisse ihrer Forschungen über den gebürtigen Neidenburger und späteren „Civis Romanus“ (Ehrenbürger von Rom) vor. Allgemein wurde bedauert, dass die deutschen Historiker sich zu wenig mit diesem Historiker beschäftigt haben, obwohl seine Bücher zum antiken wie mittelalterlichen Rom und seinen Menschen bis in die Gegenwart Neuauflagen erleben.

Meine Anwesenheit war einem Zufall geschuldet. Ich kannte die Ziele, die meine Reisegruppe in Rom ansteuern würden, von früheren Reisen und wollte meinen Besuch der Ewigen Stadt etwas anders gestalten. Vor Jahren hatte ich ein Foto von der Gedenktafel am Haus gemacht, in dem der Neidenburger zum ersten Mal Quartier bezogen hat. Für sein umfangreiches Werk zur Geschichte der Stadt hat diese ihn zum Ehrenbürger gekürt. Nun hätte ich gerne erfahren, wie sie heute mit diesem Erbe umgeht. Vielleicht konnte das ein Beitrag für die „KK“ werden! In meiner Einfalt dachte ich: Fahr hin, geh aufs Rathaus, da wird sich schon jemand finden, der dir Auskunft geben kann. Aber alle äußeren Umstände hatten sich gegen mich verschworen. Die Pendelbusse vom Schiff zum Hafenausgang, der Weg zum Bahnhof, der Vorortzug, der lange Weg durch den Hauptbahnhof Roma-Termini – lauter Unsicherheitsfaktoren, die eine genaue Planung behinderten. Die Rückfahrt unter den gleichen unsicheren Bedingungen? Ich kapitulierte, einen zweiten Versuch unternahm ich erst gar nicht.

Die Idee aber ließ mich nicht ruhen. Wenn die Römer ihn irgendwie nutzen, dann müsste sich doch im Internet eine Spur finden lassen. Nun, römische Aktivitäten suchte ich vergebens. Aber ganz in meiner Nähe, in Erfurt, sollte gar ein Kolloquium stattfinden, jenem Werk gewidmet! Die Rednerliste war hochkarätig bestückt. (Daher gebe ich bei den Professoren nur den Namen an.)

Nach der Begrüßung der Gäste durch Kai Brodersen, den Präsidenten der Universität, der die „Geschichtsschreibung als eine Form der Gegenwartsbewältigung“ charakterisierte, setzte Hartmut Rosa, Direktor der gastgebenden Einrichtung, den inhaltlichen Rahmen: Der Autor sei „sehr unbekannt“. Daher möchte das Kolleg „Fernes zusammenbringen“. Und zugleich die Frage beantworten: „Wie wird Geschichte in der Gegenwart präsent gemacht?“ Um es gleich zu sagen: Fast alle Referenten beschäftigten sich mit dem Arbeitsstil des Protagonisten. Unterstrichen wurde seine intensive und kritische Auseinandersetzung mit den Quellen wie auch seine lebhafte und farbige Darstellungsweise. Das war in seiner damals nicht selbstverständlichen demokratischen Grundhaltung und dem daraus wachsenden Bemühen um Gemeinverständlichkeit begründet.

Der Philosoph Jens Halfwassen (Heidelberg), Experte in altgriechischer Philosophie, zeigte Gregorovius’ antike Wurzeln (Platon, Aristoteles, Plotin). Schon in seiner Königsberger Dissertation habe er sich damit beschäftigt. Das Kunstschöne, die „bildenden Kräfte“, die die Welt erschaffen, das Verhältnis der Phantasie zur konkreten Welt haben ihn immer wieder beschäftigt. Bei der Angabe der Herkunft ließ der Referent allerdings eine Ungenauigkeit zu: Gregorovius stamme „aus Ostdeutschland“. Nach gängigem Sprachgebrauch sind das die sogenannten „Neuen Bundesländer“, ein Attribut wie „ehemalig“, „einstig“ oder „historisch“ wären hier am Platz gewesen oder gleich der Name der Provinz.

Mit dem Donnerschlag „Gregorovius scheint der Guido Knopp des 19. Jahrhunderts zu sein“ leitete der Altphilologe Peter Kuhlmann (Göttingen) seinen Bericht über dessen Bücher zu Kaiser Hadrian ein. Er habe hier bewusst seinen Stil in Richtung Literatur entwickelt, ein „Bild von Zuständen“ gegeben. Man spüre seine antimonarchische und demokratische Grundhaltung. Allerdings: Während Knopp von ausgewählten Highlights lebe, behandele Gregorovius auch unbekanntere Themen, dabei habe er „Pionierarbeit geleistet“ und die „Antike aus der Antike erklärt“, ohne eine „zeitliche Aktualisierung“.

Im zweiten Block widmeten sich Wolfgang Struck und Stefanie Albert M. A. (beide Erfurt) sowie Markus Völkel (Rostock) Gregorovius’ Landesbeschreibungen, speziell der Darstellung von Korsika, seinen Wanderjahren in Italien und dem Getto der Juden von Rom. Diese Texte stellen eine Mischung aus vielfältigen literarischen Formen dar: Geographische und historische Fakten mischt er mit Volksliedern, Statistiken, Novellen, Anekdoten sowie psychologischen Überlegungen (etwa zur Blutrache); bei der Behandlung des Gettos fällt das Fehlen einer Reaktion auf Lebensschicksale auf. Struck verwies beim Thema Korsika besonders auf den Einspruch gegen die Romantisierung des Banditentums in der „Art [einer] Teufelsaustreibung“. Unausbleiblich habe er sich auch mit dem berühmtesten Sohn der Insel, Napoleon, beschäftigen müssen. Den habe er unter einem interessanten Blickwinkel betrachtet: als Rächer Korsikas an den Franzosen.

Dem Echo seines Werkes in der Belletristik widmeten sich zwei Referenten des dritten Abschnitts. Hierbei ragte besonders der Bericht zum Gregorovius-Hintergrund in Thomas Manns Gregorius-Roman „Der Erwählte“ hervor. Karsten Lorek (Erfurt) ist überzeugt, Mann habe Gregorovius gelesen. Er weist Parallelen nach. Das Schimpfgeschrei zweier Päpste sei fast wörtlich übernommen wie auch viele andere Einzelheiten. Dass die „Lukrezia“ gewissermaßen Abfallprodukt seiner Forschungen zu den bekannteren Gliedern der Borgia-Familie ist, stellte Julia Ilgner (Freiburg/Hamburg) fest. Er schreibe selbst, es bleibe „noch zu enträtseln“, warum er unbedingt über sie berichten wollte. Die literarische Rezeption bleibe im Erfassen einzelner Elemente stehen, so in Dramen von Gerhart Hauptmann und dem Wiener Arthur Schnitzler sowie Werken von Heinrich und Thomas Mann u. a.
Wolfgang Weber (Augsburg), Jörg Rüpke und Sabine Schmolinsky (beide Erfurt) leiteten sachlich und mit Eingehen auf die Diskutanten den Ablauf der einzelnen Themenblöcke. Als guter Geist der Veranstaltung wirkte Dr. Dominik Fugger, der sich seit seiner Studienzeit, nach einer zufälligen Begegnung in München mit jenem Autor beschäftigt hat. Er habe dort die „Geschichte der Stadt Rom“ gekauft und darüber seine Examensarbeit gemacht. Nun „hänge ich seitdem dran“.

Professionelle Historiker betrachteten den Neidenburger gewöhnlich als Außenseiter. Dieser erhebe den Anspruch auf „wissenschaftliche Geschichtsschreibung“. Fugger unterstrich, der Theologe sei Historiker geworden, indem er Geschichte schrieb. Sein geistiges Profil sei durch den Protestantismus in seiner Familie und an der Albertus-Universität von Königsberg geprägt worden. Unter dem Einfluss von David Friedrich Strauß habe er aber mit dem kirchlichem Dogma gebrochen, ohne sein Christentum zu verlieren. Er habe die demokratische Bewegung von 1848 in Königsberg unterstützt. (Fugger habe bei der Lektüre von Gregorovius’ früher Arbeit über Goethes „Wilhelm Meister“ gleichsam der „Königsberger Brodem“ angeweht.)

Nur ein Ostpreuße war anwesend, kein Römer. Die Zukunft wird zeigen, ob die Veranstaltung zu einer Renaissance dieses bedeutsamen Werkes führen wird. Man möchte das von Herzen wünschen!

Bernhard Fisch (KK)

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