Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1250.

Seine Hellsicht bewahrte ihn nicht vor den Finsternis

Man schreckt davor zurück, die Aufzeichnungen des Breslauer Juden Willy Cohn (1888–1941) aus den Jahren 1933/41 einen „Glücksfall“ für die Geschichtsforschung zu nennen; zu demütigend waren für den Verfasser die politischen Umstände, unter denen die tägliche Niederschrift erfolgte. Der letzte Eintrag ist auf den 17. November 1941 datiert, vier Tage später, am 21. November, wurden frühmorgens in Breslau tausend jüdische Bürger aus ihren Betten geholt und ins Sammellager Schießwerder, dem ungenutzten Konzertsaal eines Gesellschaftslokals in der Nähe des Odertorbahnhofs, verbracht. Von dort wurden sie am 25. November zum nahen Bahnhof getrieben, wo „ein Zug auf sie wartete, dessen Ziel niemand kannte“ (Norbert Conrads). Sie wurden, wie man durch Aussagen von Zeugen, die überlebt haben, heute weiß, nach Kaunas in Litauen deportiert, wo der Tod wartete, auch auf den Breslauer Studienrat Dr. Willy Cohn, seine Frau Gertrud und seine beiden Töchter Susanne und Tamara.

Willy Cohn, am 12. Dezember des Drei-Kaiser-Jahres 1888 in Breslau geboren, war in der Hauptstadt Schlesiens und in der preußischen Provinz Schlesien ein angesehener und geachteter Mann, als er nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wegen „politischer Unzuverlässigkeit“  als Lehrer für Geschichte, Deutsch und Erdkunde aus dem Johannes-Gymnasium entlassen wurde.

Die beiden Traditionsströme, deutsche, deutsch-jüdische, besonders schlesisch-jüdische Geschichte einerseits und orthodoxes Judentum andererseits, waren die Quellen, aus denen seine wissenschaftliche Arbeit und seine Religiosität gespeist wurden. Allein bis 1922, als er die Assessorenzeit beendet und den Lehrerberuf ergriffen hatte, lagen von ihm 132 Veröffentlichungen vor, 477 bis zu seiner Ermordung 1941. Im Ersten Weltkrieg hatte er an der Westfront als Soldat des Kaisers gekämpft und war dafür 1916 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden, wenngleich ihm die Offizierslaufbahn versagt blieb. Zugleich aber war er auch, bedingt durch die Kriegserfahrungen, überzeugter Zionist und überzeugter Sozialist geworden, er wurde Mitglied der  Sozialdemokratischen Partei und trat später, während seiner elf Breslauer Jahre als Gymnasiallehrer, der „Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Lehrer“ bei.

Daß Willy Cohn auch noch in der Weimarer Republik die Laufbahn eines Universitätshistorikers anstrebte, ist auch in seinen Aufzeichnungen erkennbar, die er 1940/41 zu Lebenserinnerungen ausarbeitete und am 19. September, ausgerechnet an dem Tag, von dem an das Tragen des „Judensterns“ für alle Juden von sechs Jahren an vorgeschrieben war, beenden konnte. Dieses Buch, „Verwehte Spuren“, erschien 54 Jahre nach dem Tod seines Verfassers im Kölner Böhlau-Verlag in der Reihe „Neue Forschungen zur schlesischen Geschichte“. Herausgeber des Buches war der 1938 in Breslau geborene Historiker Norbert Conrads.

Er beschreibt in der Einleitung des umfangreichen Erinnerungsbandes (776 Seiten) eingehend, wie er auf das Manuskript der Breslauer Tagebücher seines schlesischen Landsmannes und um ein halbes Jahrhundert älteren Kollegen aufmerksam geworden ist.

Als Willy Cohn 1940/41, als jüdischer Lehrer seit mehr als sieben Jahren von der Schule verbannt, in seiner Breslauer Wohnung aus den Aufzeichnungen der Jahre 1907/33 sein Erinnerungsbuch zusammenstellte, ahnte er noch nichts von der Berliner „Wannseekonferenz“  (21. Januar 1942), auf der die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen werden sollte. Seine Einsichten waren dennoch, schon vor der „Machtergreifung“ vom 30. Januar 1933, derart hellsichtig, daß man sich heute noch verzweifelt fragt, warum er nicht 1933/39, als es noch möglich gewesen wäre, seine Erkenntnisse in die Tat umgesetzt hat und emigriert ist, zumal nach seinem Besuch in Palästina 1937.

Wenn man alles bedenkt, was der Chronist Willy Cohn über das jüdische Schicksal ahnte und wußte, dann kann man über die tagtägliche Anstrengung, das Erfahrene zu verdrängen, nur staunen, denn sonst hätte das Tagebuch 1933/41 nicht geschrieben werden können. Er arbeitete scheinbar ruhig und zielbewußt weiter in der Dombibliothek, im Diözesanarchiv, im Archiv der Jüdischen Gemeinde, er bedauerte 1941, daß das Jahrbuch „Archiv für schlesische Kirchengeschichte“ sein Erscheinen einstellen mußte. Er nahm, ohne sich, so schien es wenigstens, durch die Politik beirren zu lassen, seinen Lehrauftrag am Jüdisch-Theologischen Seminar, an der Jüdischen Volkshochschule und beim Humboldt-Verein wahr. Er konnte sich wie ein Kind freuen  über jede Belegstelle, jedes Fundstück aus jüdischen Gemeinden in Deutschland, die er für die Beiträge benötigte, welche er für das unvollendet gebliebene Nachschlagwerk „Germania Judaica“ (1919–1934) zu schreiben hatte.

Ebenso erhellende wie finstere Einblicke in diesen Alltag: Am 30. Juli 1941 fuhr er mit seiner Tochter Susanne in den Stadtteil Scheitnig, um das Denkmal Friedrich Schillers zu bewundern. Zur gleichen Zeit aber erfuhr er von der „ersten Gruppe der Breslauer Juden“, die nach Tormersdorf in Polen abtransportiert worden waren, und nahm an, sie hätten dort „eine bessere Zukunft … als wir“. (1. August) Am 4. August hörte er, daß Benno Zadik, ein ehemaliger Schüler des Johannes-Gymnasiums, „wegen Rassenschande … zum Tode verurteilt worden“ sei. Am 24. August las er in der Zeitung, „daß mein Schüler Ulrich Ermold als Leutnant gefallen ist. Er war der besten einer, ein wirklich edler deutscher Typ!“

Seit dem 19. September 1941 mußte von allen Juden im deutschen Machtbereich der „Judenstern“ getragen werden, seit dem 10. Oktober mußten die Juden in den Straßenbahnen stehen. Am 1. November wurde Willy Cohn mitgeteilt, daß „einem Regierungsinspektor aus Liegnitz meine Wohnung zugewiesen sei“, am 15. November erhielt er einen Brief, daß die Wohnung bis zum 30. November geräumt werden müsse – „und werden voraussichtlich verschickt werden“. Das Wort „verschickt“ war eine Verharmlosung, das wird auch Willy Cohn bewußt gewesen sein. Zur Emigration war es seit Kriegsbeginn 1939 zu spät, das war nur noch der ältesten Tochter Ruth gelungen, die über Dänemark hatte entkommen können.

Der letzte Eintrag in Willy Cohns Tagebuch vom 21. November 1941 bricht mitten im Satz ab. Norbert Conrads vermutet, daß der Verfasser das Tagebuch in einem neuen Heft bis zum 25. November fortgeführt und dieses womöglich mitgenommen hat nach Kaunas. Die anderen Tagebuchhefte aber vom 11. Januar 1933 bis zum 21. November 1941 müssen auf irgendeinem nicht näher bekannten Wege nach Berlin zu Paul Zeitz gebracht und dort bis zum Kriegsende aufbewahrt worden sein.

Paul Zeitz nämlich lebte als Beamter der Deutschen Reichsbahn in der Reichshauptstadt Berlin und war in „Mischehe“ verheiratet mit Else Proskauer, einer Verwandten von Willy Cohns erster Ehefrau. Er hatte mit seiner Frau am 26. Oktober, vier Wochen vor der Deportation, Willy Cohn in Breslau besucht und dort vermutlich die Absprache über die Manuskripte getroffen. Der Sohn von Paul Zeitz war in Australien interniert worden und kämpfte später in der englischen Armee. Über ihn gelangten die Tagebücher, die dem Vergleich mit Victor Klemperers Dresdner Tagebüchern 1933/45, „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“, durchhaus standhalten, an die in Israel lebenden Kinder Willy Cohns.

Willy Cohn: Kein Recht, nirgends. Tagebuch vom Untergang des Breslauer Judentums. Hg. von Norbert Conrads. Böhlau-Verlag, Köln 2006. Zwei Bände, 528 und 1126 Seiten, 59,90 Euro

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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