Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1340.

Selbst Kultur geht durch den Magen

Haus Schlesien macht Lebkuchen zum Erlebnis

Selbst-KulturAusgehend vom Pfefferkuchen, entwirft die Sonderausstellung im Haus Schlesien von Königswinter-Heisterbacherrott unter dem Motto „Eine Reise der Sinne, vom Ursprung bis zum Genuss …“ vom Mittelalter bis zur Gegenwart ein umfangreiches Bild mitteleuropäischer Ess- und Genusskultur. Die natürlichen Lebensmittel und Rohstoffe, die für die Herstellung des leckeren Gebäcks benötigt werden, stehen im Vordergrund. Die Produkte dürfen von den Besuchern mit allen Sinnen wahrgenommen werden. Geschichten über den Ursprung, die Tradition und die Rituale rund um die jahrhundertealte Tradition sollen Neugierde, Spaß und nicht zuletzt Interesse am Backen wecken.

Dr. Gerhard Schiller, Initiator und wissenschaftlicher Begleiter der Schau, hat sich intensiv mit der 900jährigen Geschichte der Pfeffer- und Lebkuchen in Europa beschäftigt. In einem Vortrag stellt der gebürtige Westerwälder mit Wahlheimat in Oppeln, Schlesien, Höhepunkte seiner umfangreichen Recherchearbeit zu den Traditionen der Pfefferkuchen-Herstellung und deren Ursprüngen in der Region Schlesien vor. Auch in der Ausstellung sind anhand von zahlreichen Objekten, Dokumenten sowie deutsch-polnischen Text- und Bildtafeln einige Meilensteine der Geschichte rund um das köstliche Gebäck zu finden.

„Gerade Schlesien und der ehemalige deutsche Sprachraum im östlichen Mitteleuropa hat uralte Traditionen der Pfefferkuchenherstellung, die bis ins Mittelalter zurückreichen“, sagt Gerhard Schiller. Er fügt hinzu, dass jede Stadt in Nieder- oder Oberschlesien ihre ganz besondere Spezialität hat: „Die Vielfalt an schlesischen Pfefferkuchenspezialitäten war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts beinahe einzigartig. Man denke nur an Neisser Konfekt, Liegnitzer Bomben, Floastersteene, Fischkuchen, Mehlweißen, Nonneferzel, Pimpernissel, Bauerbissen, Pfeffermändel, Pfeffernüsse oder Schweidnitzer Bolkobissen.“ Bekannt ist, dass die bereits im Mittelalter beliebte Süßigkeit nicht nur zur Weihnachtszeit, sondern zu allen festlichen Anlässen verschenkt und verspeist wurde.

Selbst-Kultur2Bei seinen Recherchen hat Gerhard Schiller festgestellt, dass es über die Bedeutung des Wortes Lebkuchen viele Spekulationen gibt. Am wahrscheinlichsten ist die Erklärung der Brüder Grimm. Sie leiten die erste Silbe des Wortes von dem lateinischen Ausdruck libum ab (für Kuchen, Fladen oder Opferkuchen). Das lateinische libum weist dieselbe Sprachwurzel auf wie das deutsche Wort Laib und das polnische Wort chleb (Brot). Schließlich gemahnte auch der frühere Pfefferkuchen häufig an ein würziges Brot. Angeblich sollen Pfefferkuchen sogar als Proviant auf Kriegszügen mitgenommen worden sein. Das „gepfefferte“ Dauergebäck erfreute sich auch bei den mittelalterlichen Pilgern und Handelsreisenden großer Beliebtheit.

Interessant ist auch, dass die „Lebküchler“ in mittelalterlichen städtischen Gewerbequellen des deutschen Sprachraums innerhalb ein und derselben Region nicht gleichzeitig neben den „Pfefferküchlern“ genannt wurden. Gerhard Schiller geht davon aus, dass Pfefferküchler, Lebküchner oder Lebzelter demnach landschaftlich bedingte Synonyme für ein und dasselbe Handwerk waren.

Die Tradition des Honiggebäcks wurde vor allem in den Kloster- und Burgküchen gepflegt. Diese verfügten über die nötigen Vorräte an Honig und zahlreichen verschiedenen Gewürzen, welche man unter dem Begriff „Pfeffer“ zusammenfasste. Einen kräftigen Impuls erhielt das Gebäck im 19. Jahrhundert durch die Knusperhausmode. Nachdem Engelbert Humperdinck im Jahre 1894 die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ herausbrachte, begann bald ganz Europa mit dem Bau von Pfefferkuchenhäusern. Diese Tradition habe wie das Backen der Pfefferkuchen-Weihnachtsmänner bis heute nicht an Aktualität verloren.

Die vielfältigen Exponate, die in der Ausstellung im Haus Schlesien verschiedene Aspekte der Thematik beleuchten, stammen zum einen aus der hauseigenen Sammlung, zum anderen von namhaften Leihgebern – darunter das Ethnographische Museum Breslau, das Stadt- und Pfefferkuchen-Museum Pulsnitz und die Alte Pfefferküchlerei in Weißenberg. Eines der herausragenden Exponate ist die große Zunftlade der Breslauer Pfefferküchler aus dem Jahre 1818, die vom Nationalmuseum aus Breslau als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde. Zu sehen sind verschiedene Werkzeuge und Holzmodeln, mit denen ehemals die Pfefferküchler den Gebildlebkuchen formten.

Die als Wanderausstellung konzipierte Schau ist mit Unterstützung des Innenministeriums des Freistaates Sachsen, der Stiftung der Gesellschaft der Freunde der Technischen Hochschule Breslau zur Sammlung und Erhaltung der Kulturwerte Schlesiens sowie des Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit in Oppeln zustande gekommen.

Dieter Göllner (KK)

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