Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1391.

Selbstbewusste Selbstermächtigung

Mit einem „Manifest“ fanden die Esten vor 100 Jahren den Ausgang aus politischer und nationaler Unmündigkeit

Auf dem Meer wie in der Geschichte ein bewegtes Bild zu Wasser und in der Luft, einzig die Silhouette Revals verspricht eine filigran-fragile Stabilität:
Gemälde von Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski
Bild: Wikimedia Commons

Als Gründungstag der Republik Estland gilt der 24. Februar 1918, der auch der Nationalfeiertag ist. Zentrales historisches Dokument ist das „Manifest an alle Völker Estlands“, in dem es heißt: „Estland wird in seinen historischen und ethnographischen Grenzen von heute an zu einer unabhängigen demokratischen Republik erklärt.“

Das „Manifest“ wurde in den Tagen um den 24. Juni an verschiedenen Orten des Landes verkündet, die Verlesung vom Balkon des Endla-Theaters in Pernau/Pärnu am Abend des 23. Juni ist das bekannteste Ereignis. In Tallinn/Reval wurde das Manifest an vielen Stellen ausgehängt und in der Ausgabe der estnischen Zeitung „Päewaleht“ („Tageblatt“) am 25. Februar veröffentlicht.

Das gedruckte und verlesene Manifest markiert das Ende einer langen Durststrecke der Esten ohne eigenen Staat und den Anfang in der Existenz als staatstragendes Volk. Die Eigenstaatlichkeit, die Unabhängigkeit und die Freiheit Estlands standen seitdem auf der Agenda der europäischen Politik.

Nach der Eroberung und Christianisierung ihrer Siedlungsgebiete im 13. Jahrhundert gerieten die estnischen Stämme allmählich in immer stärkere persönliche Unfreiheit, die im 18. Jahrhundert in der Leibeigenschaft ihren Höhepunkt erreichte. Durch die Ideen der Aufklärung, vor allem der von Johann Gottfried Herder geprägten Aufklärung, erlebten Esten und andere Völker des Baltikums eine neue Wertschätzung ihrer Sprache und Volksüberlieferung und bald auch die Aufhebung der Leibeigenschaft.

Ein neues Bewusstsein von sich selbst, von der Bedeutung der eigenen Sprache, die Rückgewinnung persönlicher Freiheit, langsamer wirtschaftlicher Aufstieg breiter Schichten förderten die nationale Wiedergeburt und die Ausformung des estnischen Volkes zu einer modernen Nation mit eigener Führungsschicht, die zunehmend auch Teilhabe am politischen Leben beanspruchte. So kam es nicht allein zur Gründung kultureller Vereinigungen, sondern auch zur Bildung estnischer politischer Gruppierungen und Parteien. Allmählich war die politische Bewegung der Esten in der Lage, sich gegen die deutsche Oberschicht (Städtebürgertum und Adel) zu behaupten und durchzusetzen und so zur Umgestaltung der seit dem Mittelalter überkommenen Ordnung beizutragen.

Freiheit in Fraktur: Ausschnitt der Titelseite der Zeitung „Päewaleht“, Reval/Tallinn 25. Februar 1918, mit dem Manifest, Redaktion Reval/Tallinn
(Archivsignatur:
DSHI 140 Balt 487)
Bild: Herder-Institut, Marburg

Wie oft im östlichen Mitteleuropa wirkte der Erste Weltkrieg auch im Baltikum wie ein Ferment: Ideen und Bewegungen, die lange vor 1914 aufgekommen waren, erfuhren auch im Hinblick auf Lettland und Litauen eine derartige Dynamik, dass binnen weniger Jahre möglich wurde, was sonst noch eine längere Entwicklung erfordert hätte. So kam es nach der Februarrevolution 1917 zur Bildung eines neuen russischen Gouvernements „Estland“, das nicht mehr den Grenzen der historischen Territorien folgte, sondern sich am Sprachgebiet der estnischen Mehrheitsnation orientierte. Es gab einen gewählten Landtag und eine eigene Gouvernementsregierung unter estnischer Führung, aber unter Aufsicht der Petrograder Provisorischen Regierung. Vor Abschluss des Friedensvertrags in Brest-Litowsk besetzten reichsdeutsche Truppen im Februar 1918 die bisher noch russischen Gebiete des Baltikums. Zwischen dem Abzug der (sowjet-)russischen und der Ankunft der deutschen Truppen in Reval/Tallinn am 25. Februar nutzten die politischen Repräsentanten der Esten die Chance, ihren eigenen Staat zu proklamieren.

Die Zeit war reif zu einem solchen Schritt der nationalen Selbstbestimmung des Mehrheitsvolkes, und der Zeitpunkt der Loslösung aus dem Russischen Staatsverband erschien günstig. Der Anspruch des estnischen Volkes war unzweideutig manifest, auch wenn die deutschen Besatzungsbehörden diesen ignorierten und die provisorische estnische Regierung unter Konstantin Päts nicht anerkannten. Dies änderte sich erst im November 1918 mit der militärischen Niederlage Deutschlands. Es kam die Stunde derer, die im Februar das Manifest veröffentlicht hatten: Die provisorische estnische Regierung unter Päts übernahm die Verwaltung des Landes, doch dauerte es noch bis zum Friedensvertrag von Dorpat/Tartu am 20. Februar 1920, ehe Estland in auch von Sowjetrussland anerkannten eigenen Grenzen leben konnte.

Welche Wege dem Land und seinen Menschen auch beschieden waren, die Idee der Eigenstaatlichkeit und der Wille zur Unabhängigkeit des estnischen Volkes hat sich über alle so mannigfaltigen Gefährdungen des 20. Jahrhunderts hinweg als lebendig erwiesen.

Dorothee M. Goeze (KK)

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