Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1244.

Selig sind die geistlich Verbindenden

Der Heiligenhof führt deutsche und polnische Jugendliche zu einem Gespräch über völkerverbindendes Christentum zusammen

Je eine Gruppe deutscher und polnischer Studenten kamen zu einem gemeinsamen Seminar „Heilige als Brückenbauer zwischen den Völkern“ in Bad Kissingen zusammen. Die polnischen Teilnehmer entstammen dem Umfeld des Papst-Johannes-Paul-II.-Gedenkzentrums in Warschau, die Deutschen studieren größtenteils in München. Organisiert wurde die Tagung vom Studienleiter der Akademie Mitteleuropa, Gustav Binder, Bad Kissingen, die inhaltliche Leitung lag bei Prof. Dr. Stefan Samerski und Dr. Raimund Paleczek (beide München).

Die völkerverbindende Funktion von Seligen und Heiligen der katholischen Kirche war Anlaß für dieses grenzüberschreitende Seminar. Ziel war es, gemeinsame geistig-kulturelle Wurzeln vor allem zwischen Deutschen und Polen herauszuarbeiten. Die beachtliche deutsche Sprachkompetenz der polnischen Studierenden mit der Präsentation von fünf Biographien trug entscheidend zum Gelingen des Seminars bei. Die Auswahl umfaßte die Darstellung und Diskussion von 18 Biographien, die einen Zeitraum von 1700 Jahren abdeckten (vom Hl. Antonius dem Einsiedler bis zum Kardinal von Galen). Als Ordnungshilfe wurden die Heiligen und Seligen in sechs Wirkungstypen eingeteilt, denen die Arbeitseinheiten entsprachen. In den Diskussionen wurden die seit Papst Benedikt XIV. geltenden zwei Kategorien für Heilige („Bekenner“ oder „Märtyrer des Glaubens“) und die seit 1983 geltende Regel, daß für die Gruppe der Bekenner der Nachweis eines Wunders gilt, berücksichtigt. Grundsätzlich erfüllen fast alle behandelten Personen die Funktion von Brückenbauern. Im Rahmen seiner „Europatheologie“ erhob Johannes Paul II. eine Vielzahl von Personen zur Ehre der Altäre und sah in ihnen konkrete zeitgenössische Vorbilder für eine Neuverankerung Europas im Christentum.

Königin Richeza-Rixa von Polen (995–1063) aus dem Pfalzgrafengeschlecht der Ezzonen war eine Enkelin Kaiser Ottos II. und verband das fränkisch-lothringische mit dem jungen polnischen Christentum. Der aus
dem oberschlesischen Adelsgeschlecht der Konski stammende Dominikaner Hyazinth (1183–1257), der als Namenspatron in Polen bis heute überaus beliebt ist (Hyazinth = Jacek), spannt mit seinem Werk den Bogen von West- nach Osteuropa. Theologisch ausgebildet in Bologna und in Paris, wurde er 1219 Missionar in Litauen, der Ukraine und Ostpreußen, wo er Dominikanerniederlassungen gründete. Seine Heiligsprechung 1594 und die Ernennung zum Patron Litauens 1686 ist im Zusammenhang mit der Gegenreformation und dem Sieg über die Feinde des Glaubens (Topos der erhobenen Monstranz vor den Feinden) zu deuten. Interessant ist die Neubelebung des Verehrungskultes der Hedwig von Schlesien (1174–1243) in den 1920er Jahren im Zusammenhang mit den zunehmenden nationalen Differenzen in Schlesien. Eine Schnittmenge zu dieser Gruppe bilden die im dritten Block behandelten Ordensheiligen.

Aus dieser Gruppe ragt der heilige Antonius der Einsiedler (251–356) heraus, da er eine Scharnierfunktion im Übergang der bis dahin ausschließlich als Märtyrer verehrten Heiligen zu den Heiligen des Alltags darstellt. Mit Stanislaus Kostka (1550–1568) hat sich der Jesuitenorden in erkennbarer Analogie zu Aloysius von Gonzaga sozusagen einen Heiligen als Werbeträger geschaffen, dessen Jugend und Unverderbtheit für die Gegenreformation eingesetzt wurde. Padre Pio da Pietrelcina (1887–1968) ist ein typischer Heiliger des Lokalkolorits (Süditalien), der seine rasche Selig- und Heiligsprechung wohl nicht zuletzt der persönlichen Begegnung von 1947 mit dem Seminaristen Karol Wojtyla verdankt.

In einem weiteren Block wurden Heilige der Caritas – also der tätigen Nächstenliebe – dargestellt. Während Elisabeth von Thüringen als tragische Heilige für die Familie und die Armen bis heute in ganz Europa eine lebendige Verehrung genießt, ist Vinzenz von Paul (1581–1660) ein eher als katholische Antwort auf die Einflüsse des kirchenfernen Rationalismus und der beginnenden Aufklärung zu Beginn des 18. Jahrhunderts stilisierter Heiliger. Mit der Verehrung des Vinzenz von Paul wurde die Pflege der Kranken als Vorbild für katholisches Glaubensleben propagiert.

Die ausführliche Diskussion zu Karl I. von Österreich (1887–1922) führte zu der Erkenntnis, daß Johannes Paul II. mit diesem politischen Seligen ein weiteres Vorbild für die christliche Verankerung eines räumlich größer verstandenen Europas geschaffen hat, als er weitläufig mit der Europäische Union konnotiert wird. Durchaus ambivalente Erkenntnisse brachte die Erörterung des fünften Blockes der „Märtyrer der Politik“. Als einzige dieser Reihe ist im strengen Sinn des Wortes Märtyrer Edith Stein (1891–1942) für ihren Glauben als „christianisierte Tochter Israels“ gestorben. Maximilian Kolbe (1894–1941) verbindet wie auch Stein mit seinem biographischen Hintergrund (der Vater war deutschstämmig) Deutsche und Polen. Er erfüllte zwar nicht die strengen Richtlinien des Märtyrertums, wurde aber aufgrund seines das Martyrium bewußt in Kauf nehmenden Todes für die Nächstenliebe nach Einwirken Johannes Pauls II. als Märtyrer und nicht als Bekenner kanonisiert. Sein 1917 gegründetes Missionswerk der marianischen Ritterkongregation „Militia immaculata“ ist dagegen wegen seiner nachweislich antisemitischen Tendenzen problematisch.

Die meisten „Probleme macht“, wie auch die Diskussion gezeigt hat, der jüngste Selige aus Deutschland, Kardinal Clemens August von Galen (1878–1946). Er gilt wohl als Vorbild dafür, daß zu einem Patriotismus in christlichem Verständnis das Erkennen der eigenen Grenzen und des Mißbrauches unabdingbar ist. Anfangs loyal zur NS-Regierung, prangerte Galen spätestens 1934 die kirchenfeindliche Politik der Nationalsozialisten an, wie seine Berichte an das Staatssekretariat (Pacelli) nach Rom zeigen, die seit Öffnung der Archive für das Pontifikat Pius XI. 2003 zugänglich sind. Dennoch bleibt von Galen umstritten, da er ein Befürworter des Krieges war, den er als Fortsetzung und Wiedergutmachung für den verlorenen Ersten Weltkrieg und die Demütigung Deutschlands durch die Versailler Verträge empfand. Es gibt kein Zeugnis der Kritik etwa an dem Polenfeldzug 1939. Allerdings hat er 1941 mit den berühmten Euthanasiepredigten, deren Texte über Soldaten geheim verbreitet wurden und so auch zum jungen Zwangsarbeiter Wojtyla kamen, das Martyrium in Kauf genommen, ja sogar gewollt. Er ist somit auch Symbol für das „andere“, antinazistische Deutschland.

In einem letzten Block wurden die klassischen Brückenbauer-Heiligen Kyrill und Method sowie – in besonderer Hinsicht auf Polen – Adalbert von Prag (956–997) behandelt. Das Wirken der beiden Slawenapostel Konstantin Kyrill (827–869) und Method (815–885) steht für die in der römischen Kirche verwurzelte Mission in Pannonien sowie für die Einführung der Volkssprache in die Liturgie neben den drei sogenannten Ursprachen der Kirche, Hebräisch, Griechisch und Latein. Von entscheidender Bedeutung ist die Translation der Gebeine des heiligen Papstes Clemens I. durch die beiden Brüder von der Krim nach Rom 867. Damit sind sie Symbol für die kulturell-geistige Verbindung zwischen West- und Osteuropa. Vojtìch-Adalbert ist ebenfalls ein „Klassiker“ unter den Heiligen mit völkerverbindender Funktion. Über seine Eltern war er Angehöriger des tschechischen Hochadels (Slavnikiden), in der Magdeburger Missionsschule verband ihn die Freundschaft mit seinem Altersgenossen und Mitschüler Kaiser Otto II. Adalbert – so Vojtìchs Firmname nach Erzbischof Adalbert von Magdeburg – wurde 982 zweiter Bischof von Prag und 993 Begründer des benediktinischen Mönchtums in Böhmen (Kloster Brevnov in Prag), Apostel der Preußen und Gnesens und Gründer der katholischen Kirchenhierarchie in Polen (Adalberts Bruder Radim-Gaudentius wurde 1000 erster Erzbischof von Gnesen) sowie Ungarn, wo im Jahre 1001 sein Schüler und erster Abt von Brevnov, der Mönch Anastas-Astrik, erster Erzbischof von Gran–Esztergom wurde.

Das Programm wurde durch einen Besuch der heiligen Messe in der Herz-Jesu-Kirche und im Kardinal-Döpfner-Museum in Bad Kissingen sowie in Fulda abgerundet.

Kardinal Döpfner gilt als einer der Motoren der deutsch-polnischen Versöhnung in der Folge des Briefwechsels beider Bischofskonferenzen 1965 am Ende des II. Vatikanums. Für die polnischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer war eine Fotografie, die die Kardinäle Wojtyla und Döpfner nebeneinander mit Papst Paul VI. zeigt, eine besondere Freude. Biographische Parallelen wurden festgestellt: einfache Herkunft, die Eltern früh verloren, sehr jung Bischof und Kardinal geworden, hohe kommunikative Kompetenz, Charisma, Heimatverbundenheit. In Fulda wurde das Grab des Apostels der Deutschen, Winfried-Bonifatius (673–754), besucht. Seine Missions- und Gründungstätigkeit als Kloster- und Bistumsgründer hat die kulturell-geistige Basis der Länder Ostmitteleuropas (Deutschland, böhmische Länder, Polen, Ungarn) geschaffen.

(KK)

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