Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1270.

Si non e vero, e ben fotografato

Das Deutsche Historische Museum eröffnet das Jubiläumsjahr 2009 mit einem Symposion jenseits der Legenden und diesseits der Visionen

Ein Bild für die Götter! Es entstand am 27. Juni 1989, als Österreichs Außenminister Alois Mock mit Ungarns Außenminister Gyula Horn den Eisernen Vorhang an der österreichisch-ungarischen Grenze durchschnitten. Daß der Vorhang kein echter ist, sondern ein Stacheldraht, ist klar. Daß die beiden amtierenden Minister hier nicht besonders mühevoll und mit angestrengten Mienen agieren, auch. Sie fixieren zwar ziemlich genau die Stelle, an der es mit der Zange durchzuzwacken gilt, sind aber dabei sehr entspannt, und die Herren, die sie umringen, fröhlich, als hätten sie sich zu einem Neujahrsempfang zusammengefunden. Der Eindruck gelockerter Atmosphäre, den das gesamte Tableau vermittelt, könnte stimmig sein, galt es doch eine dunkle Ära zu begraben und Neuanfänge zu feiern – doch der Schein trügt.

Mit dem Symposium am 29. Januar im Berliner Deutschen Historischen Museum gelang es, dieses „Bild für die Götter“ zu entmystifizieren. Kein geringerer als der Botschafter Österreichs in Deutschland, Dr. Emil Brix, schaffte diesen Sprung vom Mythos in die Realität – nüchtern und sachlich, trotzdem charmant: Dieses Foto, das mit Emotionen überfrachtet um den Globus zog, verdanken wir der Klage eines Wiener Pressefotografen beim Bundespresseamt, es gebe zur Öffnung der Grenze zwischen Österreich und Ungarn kein einziges passendes Fotomotiv. Manche alten 89er Klagen sind bis heute nicht durchgedrungen, diese aber wurde sofort erhört. Und das ersehnte Bild konnte geliefert werden – es schmückt auch den Flyer dieses Symposiums.

Fake – ein beliebter Ausdruck unserer Internetkultur: Das Bild ist nachgestellt! Der Stacheldraht war längst entfernt, aber für diese eine Fotosession wurde er wieder gespannt, und die beiden Herren, Horn und Mock, wurden versehentlich auf eine Seite des Stacheldrahtes gestellt – man weiß nicht mehr, ob in den Osten oder in den Westen. Eine authentische Aufnahme hätte wohl den einen auf der West-, den anderen auf der Ostseite gezeigt, aber eine Fälschung  verrät sich meist selbst. Der Botschafter muß es wissen, schließlich initiierte sein Ministerium die Aktion. Soviel von der Banalität des Sonntäglichen und zur Geschichte von Geschichtsbildern!

Diese Anekdote trifft den empfindlichen Kern von Jubiläumsveranstaltungen: Legenden blühen, Sonntagsredner wetteifern miteinander, Visionen überschlagen sich. Doch all dies blieb einem bei dem Symposium, mit dem das Deutsche Historische Museum und das Österreichische Kulturforum das Jubiläumsjahr 2009 eröffnete, erspart: Legenden wurden erfolgreich entschleiert, Sonntagsreden waren nicht vorgesehen, da es vier Podiumsdiskussionen gab, mit jeweils zwei bis drei Diskutanten und einem Moderator; nach jeder Runde durfte sich das Publikum zu Wort melden. Ja, und Visionen blieben aus, obwohl sie sich Senator a.D. Christoph Stölzl, Moderator der letzten Gesprächsrunde, in seinen Fragen sehnlichst herbeiwünschte.

Ausgesprochen wurden dafür erfüllbare Wünsche wie der, Übersetzungen zu fördern, um eine breite, auch Ost- und Südosteuropa erfassende europäische Öffentlichkeit zu schaffen (Brix), oder „Wanderausstellungen als europäisches Format“ neu zu entdecken und die Idee eines Museums für gesamteuropäische Geschichte zu verfolgen (G. Gnauck) oder den Gedanken einer „kreativen Lingua franca für Europa“ in den Blick zu nehmen (T. Pichler).

„Mitteleuropa“ wurde zwar während der drei ersten Gesprächsrunden politisch korrekt zu Grabe getragen: ein „Hegemoniebegriff, von dem heute niemand mehr redet“ (Boris Buden), ein Abgrenzungsbegriff, wo „das Einschließen genauso wichtig ist wie das Ausschließen, wo, von den Österreichern her gesehen, die Deutschen auf jeden Fall nicht dabei sind“ (Martin Pollack); und man erinnert sich vielleicht noch an das Bonmot: „Mitteleuropa ist überall dort, wo man Apfelstrudel ißt.“ In der letzten Gesprächsrunde jedoch kamen die Apfelstrudelesser doch wieder zum Vorschein. Und vielleicht nicht ganz zu Unrecht, denn Mitteleuropa steht, Hegemonialphantasien trotzend, für Vielfalt, Multikulturalität, Vielsprachigkeit, aber auch für Identitätssinn und Integrationswillen, kurz: für ein demokratisches Miteinander. Der Begriff Mitteleuropa hat keine Vergangenheit (Brix). Vielleicht eine Zukunft?

Ingeborg Szöllösi (KK)

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