Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1391.

Sich in die leere Tasche lügen

Die sozialistische Tradition der Wahrnehmungsverweigerung per Statistik feiert in Russland fröhliche Urständ

Militärparade in Moskau: Nicht nur ein zum Autismus neigendes Regime, das in derlei Grotesken Selbstbestätigung sucht, …
Bilder: Wikimedia Commons

Bis zum Ende des Kommunismus hat in Osteuropa keine Volkszählung glaubwürdige Resultate erbracht. Die Regimes hatten einfach zu viel zu verstecken, etwa die Vertreibung von Millionen Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien. Hinzu kamen eigene Kriegstote, Gefallene, Pogromopfer, chronisch hohe Suizidzahlen, Partisanen, Verluste im nationalen Widerstand (z. B. polnische „Heimatarmee“), stalinistischer Terror nach 1945, obstruktive Minderheiten (Albaner in Serbien und im Kosovo, die Volkszählungen grundsätzlich boykottierten) etc. Regionale Spezifika machten Volkszählungen vollends unmöglich: In der DDR wurde 1950, 1964, 1971 und 1981 gezählt, aber quantitativer Aufschluss war unmöglich. Da sind von 1949 bis zum Mauerbau am 13. August 1961 2 686 942 Menschen geflohen, bis 1989 nochmals über 300 000. Zweitens existierte in der DDR der „X-Bereich“ – Armee, Stasi, Polizei, Feuerwehr, Zoll, Grenzer etc., zusammen über 715 000 Angehörige –, der nie mitgezählt werden durfte. Auch wies die DDR die höchsten Selbstmordraten der Welt auf, was ab 1964 verschwiegen wurde. Für 1991 war eine gesamtdeutsche Zählung geplant, die an demoskopischen Altlasten aus SED-Zeiten scheiterte.

Überboten wird das alles vom Statistik-Alltag der Russen, bei denen Volkszählungen nie von Wert waren. Die Zaren zählten nur „dymy“ (Feuerstellen, also Häuser), um die Steuern zu erhöhen, kommunistische Zählungen waren politischer Selbstbetrug. Das wird erneut am 31. Oktober 2020 deutlich werden. Dann endet die „Allrussische Volkszählung“, vor der Premier Dmitrij Medwedjew seit Anfang Juli 2017 bange ist. Anderenfalls hätte er nicht für Oktober 2018 eine „Probe-Volkszählung“ mit 550 000 Teilnehmern angeordnet, bei 147 Millionen Einwohnern insgesamt (Stand Januar 2018). Dagegen regte sich Volkszorn: „Brauchen wir Nachhilfe im Zählen?“

Die Russen nicht, wohl aber ihre „Führer“, beginnend mit Stalin 1937. Ausgerechnet in seinem schlimmsten Terrorjahr 1937 wollte er per Volkszählung das „machtvolle Voranschreiten der Industrialisierung“ beweisen. Heraus kam die Auflistung dutzendfacher demoskopischer Millionenverluste durch „roten Terror, Entkulakisierung (Enteignung), Emigration und stalinistische Säuberungen“. 50 Prozent der Städter und 70 Prozent der Dörfler deklarierten sich als treue Christen. Das war zu viel: Stalin ließ die Zählungsresultate im Geheimarchiv verschwinden. Er hätte den Dichter Lew Tolstoj lesen sollen, der die Volkszählung von 1882 kommentierte: „Ob man will oder nicht: Eine Volkszählung zeigt die Gesellschaft wie in einem Spiegel.“

Die erste sowjetische Volkszählung nach dem Krieg erfolgte 1959, sechs Jahre nach Stalins Tod. Schon im Februar 1956 hatte der 20. Parteitag der KPdSU die „Entstalinisierung“ gestartet, die erstmals auch Stalins Terror erwähnt, laut Stalin-Biograph Boris Suvarin 100 Millionen Opfer. Diese Zahl haben wir in der KK bereits am 25. Juli 2017 erwähnt, jetzt liefern wir einige Details nach, etwa Stalins mörderische Aktion gegen die Rote Armee mit 200 000 Hingerichteten. Daraus resultierten die immensen Verluste der Armee zu Beginn von Hitlers „Feldzug“: 4,6 Millionen Sowjetsoldaten gerieten in deutsche Gefangenschaft, die von Stalin per Befehl vom 16. August 1941 als „Deserteure“ verdammt und mit Tod und Sippenhaft bestraft wurden. Hat Stalin „Wort gehalten“? In Ostdeutschland gibt es viele russische Soldatenfriedhöfe, die zu erhalten sich das wiedervereinigte Deutschland im Dezember 1992 vertraglich verpflichtete. Gilt diese Verpflichtung auch für die arg verwitterten Daten der Bestatteten, oder will man Rückschlüsse aus dem Umstand vermeiden, dass erschreckend viele Rotarmisten erst Monate nach Kriegsende ums Leben kamen?

Welche zu verbergenden „Überraschungen“ stehen bei der Volkszählung von 2020 und ihrer „Probe“ von 2018 zu erwarten? Schon jetzt registrieren Russen zähneknirschend, dass man in den „neuen EU-Ländern“, ehemals Warschauer-Pakt-Satrapen, weit besser und länger lebt. Und die Demoskopie offenbart weitere schmerzliche Details: Die Lebenserwartung von Männern betrug 2015 57,7 Jahre (69,3 in Deutschland), 66,0 bei Frauen (71,9). Dabei gilt selbst jene Regel aus Stalins Zeiten nicht mehr, dass hohe Sterblichkeit durch hohe Natalität ausgeglichen wird. Gegenwärtig geht die Geburtenrate (mit temporären Unterbrechungen) ständig zurück (2015: 0,1 Prozent, 2016: 2,7 Prozent). Bis 2030 wird Russland 10 Millionen Mitbürger im arbeitsfähigen Alter (20–40 Jahre) verlieren. Der kluge Aleksej Kudrin, Ex-Finanzminister Russlands, rechnet mit noch höheren Verlusten („bis zu einer Million Menschen pro Jahr“) und verlangt von den Machthabern höhere Investitionen im Gesundheitsschutz.

… sondern auch eine ebensowenig um Klarheit bemühte internationale Öffentlichkeit ist für Klischees und Verharmlosungen dankbar, je pittoresker, desto besser: Matroschkaparade ebenda

Daraus wird nichts werden: Mit nur 3,4 BIP-Prozent für Gesundheit landete Russland unter 20 Vergleichsländern auf dem letzten Platz, selbst von der Türkei (4,7 Prozent) noch überholt. Laut Leonid Roschal, Chef der Russischen Ärztekammer, wendet Russland pro Patient fünfzehnmal weniger als etwa Deutschland und Frankreich auf. Diese Misere ist Putin bekannt, der ein „Paket demographischer Maßnahmen“ schnürte, es aber nicht expedieren kann.

Russland blickt in eine düstere Zukunft. Umfragen vom Jahresende 2017 verrieten, dass 60 Prozent aller Russen unter „Preisanstieg, Inflation und Senkung der Realeinkommen“ leiden. Bei 46 Prozent „reicht das Geld nur fürs Notwendigste“, 67 Prozent „erwarten keine Verbesserung in naher Zukunft“. Berufstätige will Putin drei Jahre später in Rente entlassen. Die Zahl russischer Armer, die weniger als das offizielle Mindesteinkommen kriegen, beträgt nicht 12 Millionen, wie offiziell verlautet, sondern 30 Millionen, wie Wasilij Simtschera, vormals Chef des Staatlichen Statistikamts, errechnete.

Die klassischen „Geißeln“ russischen Lebens, Wodka und Unfälle, haben mit Aids Zuwachs bekommen. Hinter Südafrika und Nigeria nimmt Russland weltweit den dritten Platz bei Aids-Infizierungen ein. Umfragen von Ende November 2017 brachten abenteuerliche Vorstellungen von Aids und Aids-Ansteckung zutage, z. B. sie sei „ein erfundenes Problem und keine reale Bedrohung für das Land“. Dass Russland als Gastgeber der Fußball-WM 2018 Präventionsmaßnahmen verfügen soll, wird vielfach als „Diskriminierung“ abgelehnt. Weitere „Bedrohungen“, etwa die 450 000 Drogentoten pro Jahr (bei insgesamt 4 Millionen Junkies) werden überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Da kann Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa noch so viele Warnungen aussprechen. Ähnlich verhält es sich mit Hepatitis B und C (Verdoppelung seit 2007), aber diese Infektionen grassieren vor allem in Haftanstalten, was den Russen „draußen“ egal ist.

Das russische Wirtschaftsministerium drängt seit Jahren auf die Volkszählung 2020, wohl in der Hoffnung, dass deren Fragen klüger als die ihrer Vorgängerin 1989 sind. Die umging die bereits unverkennbare zentrifugale Wucht der Unionsrepubliken, die im Dezember 1991 in der Zerschlagung der Sowjetunion gipfelte. Diese hat Putin 2004 als „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Ist der Präsident erneut blind gegenüber augenfälligen Krisen? Am bevorstehenden Zensus scheinen ihn nur technische Details zu interessieren. Im März 2017 signierte er ein „Föderalgesetz“, dass „für die Volkszählung auch die Nutzung des Internets zulässig ist“. Stieg darum deren Budget gegenüber der von 2010 um das Dreifache auf 50 Milliarden Rubel (= 725 Millionen Euro)?

Wolf Oschlies (KK)

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