Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1267.

Sich vom einen befreien, um ein anderes zu tun

Eine große Monographie zeigt Walther Andreas Kirchner als Künstler, der seine banatschwäbische Herkunft zur Weltläufigkeit gestaltet hat

In seiner in diesen Bildband integrierten umfassenden Studie zum Leben und Werk von Walther Andreas Kirchner verwendet Walther Konschitzky das Bild der Jahresringe, mit dem er Permanenz und Intensität der künstlerischen Auseinandersetzung Kirchners mit seinen Themen verdeutlicht. Dieser wendet sich mit Beständigkeit und Hingabe allem zu, was der Mensch ist und sein will, was ihn formt, umgibt, zerstört und wieder aufrichtet. Solche Fragestellungen, so Walther Konschitzky, belegen im Rückblick auf Kirchners künstlerisches Werk „wie Jahresringe … den Zeitpunkt und oft auch die Dauer der Beschäftigung, der Wiederaufnahme oder der Fortführung des Ringens um den gültigen Ausdruck“. Es ist zum einen die nicht zu übersehende kreative Unruhe, die ein ebenso umfangreiches wie vielfältiges Werk erklärt, zum anderen die Faszination des Themas Mensch, das nicht nur an sich nicht ausschöpfbar ist, sondern überdies in jeder Altersstufe unterschiedliche Sichtweisen begünstigt. Es ist nichts weniger als die ganze Welt, die Kirchner in seinen Bildern und Bildwerken meint, in Stein haut, in Holz schneidet, nachzeichnet oder in Öl- und Aquarellfarben zu fassen versucht. Die regionale Beschränkung als gesicherte und standfeste Position hat er schon früh verlassen, und auch die Reduzierung auf ein ihm besonders zugängliches Material schien ihm von Anfang an eher hinderlich als förderlich zu sein.

Zwar gestaltet er immer wieder Motive aus seiner Banater Heimat, er bleibt ihr verbunden, aber er bindet sich nicht. Er will kein Heimatmaler im herkömmlichen Sinn sein, und er ist es nicht. Seine Holzschnitte und Radierungen zu Banater Redensarten und Schwänken sind inhaltlich und formal bis ins Detail authentisch, sie sind jedoch für das Gesamtwerk nicht vordergründig typisch. Selbst seine großen Ölbilder „Adam Müller-Guttenbrunn und seine Zeit“ oder „Der letzte macht die Tür zu“, in denen er Schicksalsmomente seiner Banater Landsleute aufgreift, sind nicht tragend. Gewiß bekennt sich hier der Künstler zu seiner Heimat und den Banater Schwaben, und es mag ihm ein Herzensanliegen gewesen sein, gerade diese Bilder zu malen; sein kreatives Anliegen jedoch erschöpfen sie nicht.

Er versteht sich nicht als Chronist, er wagt das Universelle, wendet sich biblischen Motiven zu, vollendet seine Bildfolge zum Hohen Lied, gestaltet für Ettlingen die Betonplastik „Friedrich Schiller“, zeichnet Ernst Jünger, aquarelliert im Donaudelta, auf Lanzarote und am Roten Meer und bringt Impressionen auf die Leinwand oder aufs Papier, für die es nicht wichtig ist, wo und wann sie entstanden sind, die nicht klassifiziert sein wollen und nicht registriert. Vielleicht ist er am ehesten dort er selbst, wo er unbehindert von konkreten Vorgaben und Anhänglichkeiten gestaltet, frei auch von Formzwängen und Inhalten, in Aquarellen und Ölen mit entbehrlichen Titeln und nur noch erahnter Gegenständlichkeit. Die klassische Reinheit der Skulptur mag ihm gelingen, in der Farbe wirkt er befreit. Das gilt auch für sein Selbstporträt in Öl, das im Bildband dem Abschnitt „Malerei“ vorangestellt wird, sinnfällig einer Marosch-Landschaft gegenüber, die mit der gängigen Fluß-Idylle rein gar nichts zu tun haben will und doch hingehört. Das undatierte Selbstporträt zeigt nicht Kirchner – es ist eine Zustandsschilderung Kirchners, des Menschen, Künstlers, Freundes, der liebt und leidet, verquält Fragen stellt und vielleicht ohne Antwort bleibt. Er ist, wie du und ich, sich selbst ein Rätsel.

Wie geht sein Biograph damit um? Walther Konschitzky ist in seinem Buch bemüht, Zusammenhänge erkennbar zu machen, Entwicklungen aufzuzeigen und landschaftliche Besonderheiten nachzuempfinden. Er unterteilt seinen Text in die Abschnitte „Grenzland“ und „Bildwelten – Weltbilder“ und stellt damit die Doppelsinnigkeit des Werks heraus, dessen Bodenhaftung und zugleich die universale Dimension, wobei er deutlich macht, daß eines das andere bedingt. Das flache Land im Banat, das trassylvanische Hochland, den Schwarzwald und die Toscana nennt Walther Konschitzky als biographische Fixpunkte des aus Perjamosch im Banat stammenden und heute in Pforzheim ansässigen Künstlers, wobei der siebenjährige Aufenthalt im siebenbürgischen Heltau mehr war als nur eine Zwischenzeit und das Haus in Montignoso mehr ist als ein südliches Feriendomizil.

Heltau, das war ein erster Schritt über den heimatlichen Bereich hinaus in eine zwar noch benachbarte, jedoch unübersehbar anders aufgefächerte Kultur- und Kunstlandschaft, die auf den damals noch jugendlichen Kirchner nachhaltig wirkte; Montignoso in der Toscana ist die erfüllte Sehnsucht des Bildhauers nach dem Material Marmor. Das von ihm eigenhändig erweiterte und auf die neue Nutzung zugeschnittene Haus auf halber Höhe, waldumstanden und mit Ausblick auf den vorgelagerten Insel-Leuchtturm, abgelegen und zugleich weiträumig eingebettet in die großartige Kulturlandschaft, mag seine Vorzüge haben.

Wie immer künftige Werturteile ausfallen mögen – zum ganzen Kirchner gehört schlichtweg jede Technik und jedes Material, in dem sich Kunst äußert. Beides wird der Idee untergeordnet, die gemalt oder in den Stein gehauen sein will, in Metall geschweißt oder aufs Blatt skizziert. Es hat den Anschein, als müsse er sich jeweils von einem befreien, um ein anderes tun zu können. Eine Eruption fordert die nächste heraus, und es kommt ihm dabei nicht darauf an, was sich wo einfügt. Jedes Stück für sich zählt, und daß jedes ein „echter Kirchner“ ist.

Es wäre müßig, Einflüssen und Ableitungen nachzugehen. Seine bewunderten Meister reichen von den alten Griechen über Michelangelo bis Constantin Brancusi, und er scheut sich nicht,  von ihnen zu lernen. Es ist keineswegs kreativer Kleinmut, mit dem Kirchner den Großen der Kunst begegnet, er wagt den Dialog mit ihnen und versteht auch Distanz zu halten. „Bei den Shakespeare-Sonetten“, bekennt er, „hatte ich nicht den Mut, eine größere Serie zu planen.“ Und doch, wer Kirchner kennt, wäre nicht überrascht, wenn es dazu käme. Wer aber kennt ihn?

Walther Konschitzkys monographische Studie ist an den Anfang des Buches gestellt und gehört auch dort hin. Sie soll einführen, vorbereiten, Horizonte auftun, bereit machen für den Ansturm von Kirchners Bilderwelt.

In der Folge wird gezeigt, wie der Künstler Walther Andreas Kirchner jenseits des „Traumlandes“ der Banater Kindheit bestanden hat. Gemeint ist die Glaubwürdigkeit auch in der Kunst, und hier gerade wird sein Werk wohl am ehesten schlüssig, denn Kirchner ist in seiner Kunst ein Bekenner.

Mit einer Auswahl von über 300 Arbeiten gelingt es dem Buch des Banat Verlags Erding, Unrast und Schöpferglück von Walther Andreas Kirchner zu vermitteln und zur gesteigerten Annahme eines künstlerischen Werks beizutragen, das nie ausschließlich sich selbst meint, sondern immer mit Mitteln agiert, „die aus der Welt des Betrachters kommen“. So könnte es bleiben. „Angesichts seiner seit langem gefestigten künstlerischen Grundüberzeugungen ist eine Zäsur in seinem Schaffen nicht zu erwarten“, schreibt Walther Konschitzky abschließend, räumt aber ein, daß Kirchner immer für „überraschende Ergebnisse“ gut ist. Es besteht kein Anlaß, ihm zu widersprechen.

Franz Heinz (KK)

Walther Konschitzky: Walther Andreas Kirchner. Maler, Grafiker, Bildhauer. Banat Edition, Band 4, Reihe Kunst. Großformat, 340 Seiten mit über 300 Schwarzweiß- und Farbabbildungen

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