Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1215.

Sie fiel den Nazis, ihr Andenken den Kommunisten zum Opfer

Auf daß es nicht damit sein Bewenden hat, werden Zeitzeugen zum Lebenslauf der „Nesthäkchen“-Erfinderin Else Ury gesucht

Nach 1939 war es ruhig geworden um das Haus Nr. 181 an der Hauptstraße von Krummhübel im Riesengebirge, an dessen Giebel in Sütterlinschrift der Name „Nesthäkchen“ prangte. Ein menschenverachtendes politisches System hatte das Haus dem Vermögen des Deutschen Reiches überstellt. Was jedoch weit tragischer war: Seine Besitzerin, die Bestseller-Autorin Else Ury, teilte das Schicksal von Millionen Juden und kam in der Gaskammer von Auschwitz um. Die Inschrift am Haus aber blieb erhalten.

Welche Erinnerungen kamen wohl besonders bei den Frauen der Jahrgänge des Ersten Weltkrieges auf, die zum großen Teil begeisterte Leserinnen der „Nesthäkchen“-Bücher waren, wenn man am Haus vorbeiging? Nur wenige sind noch am Leben und könnten Auskunft geben.

Als nach 1945 die angestammte deutsche Bevölkerung vertrieben wurde und Krummhübel den Namen Karpacz erhielt, gingen polnische Menschen auf der Hauptstraße, die nun ul. Konstytucji 3 Maja hieß, am Haus vorbei und sahen die fremde Inschrift.

Mit dem Namenszug am Haus konnten sie gewiß nichts anfangen. Ähnliche Schriftzüge standen an vielen Villen in der Nachbarschaft, und der Name Else Ury war den Menschen sicher unbekannt. Später, das Haus war inzwischen Unterkunft für mehrere polnische Familien geworden, wurde die Inschrift am Giebel entfernt. Das Haus versank in der Anonymität.

Wahrscheinlich erst im Jahr 1993 wurden die damaligen Bewohner, zumindest das Ehepaar Drahaim als Besitzer Hauses, mit dem Namen Else Ury konfrontiert. Ernest K. Heyman, der Neffe von Else Ury, erhielt die Erlaubnis, mit Aurelfilm aus Wien in dem Haus zu filmen. Die Aufnahmen fanden am 5. August 1993 statt. Lotte Nowak aus Krummhübel, welche heute noch in Karpacz wohnt, hat damals die Vorgespräche mit der Familie Drahaim geführt und bei den Aufnahmen als Dolmetscherin fungiert. Sie muß ihre Aufgabe sehr gut erfüllt haben, denn Dankschreiben von Ernest Heyman und von Aurelfilm bezeugen das. Der Film wurde später im deutschen Fernsehen gesendet.

Es sollte jedoch bis zum August 2003 dauern, bis die Anonymität des Hauses aufgehoben wurde. Michael Ebeling aus Hamburg brachte mit Unterstützung eines Freundeskreises und der Eigentümer – das Haus war inzwischen eine Pension geworden – eine Tafel zum Gedenken an Else Ury an. Ein Jahr später, wiederum im August, wurde der alte Schriftzug, nun in polnisch: „Dom Nesthäkchen“, am Giebel des Hauses angebracht.

Das nächste Ziel, eine Else-Ury-Ausstellung, scheint Wirklichkeit zu werden. Wie Michael Ebeling mitteilte, gab es im September 2005 ein Treffen mit dem stellvertretenden Bürgermeister Rzepczynski und der Direktorin des Spielzeugmuseums in Karpacz / Krummhübel. Beide Gesprächspartner waren von der Idee sehr angetan. Während des Aufenthaltes wurde bereits eine kleine Vor-Ausstellung in zwei Vitrinen gestaltet. Die Vitrinen befinden sich im heutigen Karpacz-Gorny, früher Brückenberg. Das Spielzeugmuseum ist in den Räumen des früheren Hotels „Meininger Hof“ untergebracht.

Im Herbst 2006 wird eine größere Ausstellung in sechs Vitrinen zum Thema Else Ury im Spielzeugmuseum eröffnet. Die Ausstellung wird bis März 2007 dort zu besichtigen sein. Das eigentliche Ziel ist danach der Bahnhof von Krummhübel. Die Stadt Karpacz/ Krummhübel will in absehbarer Zeit den Bahnhof ankaufen und nach Restaurierung das Spielzeugmuseum und die Else-Ury-Ausstellung dort für immer unterbringen.
Exponate für die Ausstellung sind wohl in genügender Anzahl vorhanden. Es fehlen jedoch persönliche Geschichten im Zusammenhang mit Else Ury, die eine solche Ausstellung erst mit Leben erfüllen.

Zeitzeugen gibt es sicher nur noch wenige. Vielleicht finden sich jedoch noch interessierte Leser dieser Zeilen, die mit persönlichen Begebenheiten in Verbindung mit Else Ury bzw. mit den Nesthäkchen-Büchern zur Bereicherung der Ausstellung und damit zum Gedenken an die Schriftstellerin beitragen können. Es muß nicht immer die Schriftform gewählt werden, auch telefonische Informationen werden von Michael Ebeling (Sülzbrackring 6, 21037 Hamburg, Telefon 040/7238358), aber auch vom Autor des Beitrags, Karl-Heinz Drescher (Shukowstraße 56, 04347 Leipzig, Telefon 0341/2326078) gern entgegengenommen. Im Gegenzug wird volles Namensrecht der ausgestellten Stücke und Berichte zugesichert.

Die aktiv Beteiligten verfolgen mit der Ausstellung keinerlei geschäftliche Interessen, sondern interessieren sich ausschließlich für diese wunderbare Kinderbuchautorin und möchten auch einen Beitrag für die Erneuerung der deutsch-polnischen Beziehungen leisten.

Karl-Heinz Drescher – Michael Ferber (KK)

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