Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1239.

Sie mußten gehen – und vergingen

Der Pädagogische Arbeitskreis Mittel- und Osteuropa mit einer dramatisch eindrucksvollen Bestandsaufnahme der Völkermorde

Bekannt ist, daß das vergangene Jahrhundert eines der Kriege war. Gleichermaßen geläufig scheint zu sein, daß dabei viele Soldaten ihr Leben lassen mußten, in Krieg und Gefangenschaft. Weniger schon wissen, daß in Kriegen, bei Deportationen und Vertreibungen viele Zivilisten zu Tode kamen. Überrascht sind dagegen viele, zu erfahren, daß ihre Zahl gewaltiger ist als die der Kriegsgefallenen. Dem geht die folgende Erörterung nach.

Was auf unserer Graphik am augenfälligsten erschreckt, ist die Riesenhaftigkeit der Zahlen. Wenn Barbara Harff vom Strassler-Family-Center, das für die meisten Zahlenangaben verantwortlich zeichnet, angibt, daß die Zahlen „gut“ geschätzt seien, mag das für das Deutsche Reich zutreffen, für die Katastrophe in China weniger. Schätzungen gehen da sogar von 43 Millionen und mehr aus. Daran wird zugleich deutlich, wie eingeschränkt unser Wahrnehmungs- und Erinnerungsvermögen ist – und wie medienabhängig, muß man hinzufügen. Viele, die diese Zeilen lesen, lebten schon bewußt in dieser Welt, als die chinesische Katastrophe Anfang der sechziger Jahre innerhalb der kurzen Spanne von ca. vier Jahren ablief, beschönigend als „Große Hungersnot“ bezeichnet. Die „Kulturrevolution“ schloß sich ähnlich folgenschwer an. Die meisten müssen sich wohl eingestehen, daß sie den größten Massenmord aller Zeiten nicht in ihren Bewußtseinshorizont gehoben haben.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß der Urheber des Verbrechens keinesfalls zur Rechenschaft gezogen wurde. MaoTse-tung regierte noch acht Jahre bis zu seinem Tod 1976. Das Regime, das ihn beerbte, herrscht in China heute noch. Etwas, was man Aufarbeitung nennen könnte, hat also nie stattgefunden. Daß dieser Urheber der Exzesse davonkam, scheint durchaus keine Ausnahme zu sein. Jedenfalls trifft das für die Sowjetunion zu, wo Stalin Hungerkatastrophen, Deportationen und Massentötungen durchgehend als Herrschaftsinstrumente nutzte. Sein Tod 1953 führte dennoch bei vielen seiner ideologisch verführten Untertanen zu einer Hysterie des Schmerzes.
Ein Charakteristikum dieser Völkermorde besteht darin, daß sie dem willkürlichen Umgang der Mächtigen mit ihnen eigentlich anvertrauten Untergebenen entspringen. Das trifft für Mao Tse-tung, für Stalin und weitgehend auch für Hitler und Benes zu.

Der Fall, daß sich die Machthaber eines Volkes an der Zivilbevölkerung eines anderen vergreifen, ist eher die Ausnahme. Eine solche stellen vor allem die Verbrechen dar, denen hauptsächlich im Anschluß an die Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 viele Ost- und Volksdeutsche zum Opfer fielen. Hier kam es in der kurzen Zeit von etwa zwei Jahren deshalb zu einer großen Zahl von Toten, weil sich die deutsche Zivilbevölkerung der Gewalt sowjetischer Besatzer, gewaltbereiter Milizen der Vertreiberländer und Marodeure in der Regel schutzlos ausgeliefert sah. Was über die Deutschen der östlichen Provinzen Brandenburg, Ostpreußen, Pommern und Schlesien sowie die Volksdeutschen hereinbrach, erfüllt nach dem Artikel II der Völkermordkonvention der Vereinten Nationen den Tatbestand eines Völkermordes. In einer Bestandsaufnahme der Völkermorde des 20. Jahrhunderts darf er also nicht fehlen. Weil er zum großen Teil auf Gebieten des heutigen Polen und Ungarn sowie der damaligen Tschechoslowakei und Sowjetunion stattfand, aber auch auf Territorien anderer Nationen Osteuropas im Besatzungs- und „Schutzbereich“ der Sowjetunion, haben wir hierfür die Bezeichnung Osteuropa gewählt. Wir sind uns dabei bewußt, daß auch in Ländern Westeuropas ansässige deutsche Zivilpersonen in den Nachkriegswochen durch Übergriffe zu Tode kamen, auch daß zwei westliche Siegermächte im Potsdamer Protokoll die Vertreibung sanktionierten und später akribisch mitorganisierten, Vertreibungsexzesse gab es in westlichen Ländern allerdings nicht.

Faktisch und in der Graphik sichtbar stellt sich die Vertreibung der Deutschen unter der Hoheit der stalinistischen Sowjetunion als gigantische Übersteigerung der jahrzehntelangen Deportationspraxis dar. An dieser Stelle ist die Aussagekraft der Graphik eindrucksvoll. Für sie kann aber nicht der Anspruch der Vollständigkeit erhoben werden. Unter anderem fehlen die Hunderttausende von Toten des Mengistu-Regimes in Äthiopien in den neunziger Jahren. Die ca. 635000 zivilen Opfer des alliierten Bombenkrieges von 1941 bis 1945, der besonders im späten Stadium einer gegen die Zivilbevölkerung war, hat Dr. Pueschel jetzt eingefügt. Es handelt sich in der Mehrheit um Deutsche.

Zu den im Text genannten und in der Graphik gezeigten Völkermorden hat Adolf Fiedler eine angemerkte Literaturliste angelegt. Sie kann unter der Adresse des Pädagogischen Arbeitskreises Mittel- und Osteuropa, Oppelner Straße 8, 63071 Offenbach, kleinkaudern@aol.com, abgerufen bzw. heruntergeladen werden.

Gerolf Fritsche (KK)

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