Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1332.

Sie sind wenige genug

Mit dieser sarkastischen Dialektik setzte sich in München eine Tagung über Deutsche in Osteuropa nach der Wende auseinander

Sie-sind-wenige_oben„Ohne wirtschaftliche Gesundung Osteuropas schrumpfen alle Minderheitengruppen weiter“, lautete die Kernthese von Dr. Meinolf Arens (Wien), dem Leiter des Forschungsprojekts und Symposiums „Deutsche in Osteuropa seit der Wende“, als er im Münchner Haus des Deutschen Ostens den Schlussvortrag hielt. Er verwies auf drei Aspekte, die in allen ostmitteleuropäischen Staaten anzutreffen sind. Erstens haben alle diese Staaten einen Bevölkerungsrückgang und eine Vergreisung zu verzeichnen, zweitens gilt dies für den ländlichen Raum – in der Regel befinden sich gerade dort die Siedlungsgebiete der Minderheiten – in ganz besonderem Maße. Drittens stellt sich die Frage, ob die neuen Medien auf die Diaspora-Gruppen stabilisierend wirken. Skepsis ist angebracht.

Sie-sind-wenige_untenAngesichts dieser pessimistischen Gesamteinschätzung, die darauf gründet, dass sich einstige multikulturelle Vorzeigeregionen wie die Vojvodina und Siebenbürgen zu monokulturellen Gegenden entwickeln, in denen Serben beziehungsweise Rumänen eindeutig dominieren, sind kleinere Gegentendenzen umso erfreulicher. Auf ein solches Phänomen wies Mirjana Ivancic (Universität Budapest) hin. Die in Zagreb aufgewachsene Germanistin und Expertin für Menschenrechte und Minderheitenfragen berichtete von einem Anstieg der deutschen Minderheit in Kroatien. Die Zukunftschancen der deutschen Minderheit in Kroatien bewertete Ivancic im Vergleich zur Situation in Slowenien, wo sie keinen Minderheitenstatus hat, als deutlich besser. In Kroatien wurde den Deutschen jüngst hohe Wertschätzung zuteil, als Staatspräsident Prof. Dr. Ivo Josipovic die Deutsche Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien anlässlich der Feierlichkeiten zum 20-jährigen Bestehen in Essegg besuchte. Im Vorfeld seines Besuches äußerte sich der Professor der Juristischen Fakultät und der Musikakademie der Universität in Zagreb im Rahmen eines Interviews im Organ der deutschen Minderheit „Deutsches Wort“ (Nr. 85) sehr positiv über die Donauschwaben. Mit Spannung darf man verfolgen, welche Konsequenzen folgende Aussage des Präsidenten nach sich ziehen wird: „Wenn es um die Geschichte in Verbindung mit dem Zweiten Weltkrieg geht, bedauern wir jedes unschuldige Opfer und jede Ungerechtigkeit, die Angehörige der deutschen und österreichischen Minderheit in Kroatien ertragen haben. Diese Ungerechtigkeiten müssen, soweit es nach einer so langen Zeit geht, korrigiert werden.“

Hohes Ansehen genießen die Deutschen in Rumänien trotz des Schwundes. Das unterstrich Dr. Ottmar Trasca von der Universität Klausenburg (Cluj). Schätzungen zufolge soll die Bundesrepublik Deutschland insgesamt eine Milliarde DM für die Ausreisegenehmigung Angehöriger der deutschen Minderheit an Rumänien überwiesen haben. Ceausescu erhielt übrigens 1971 die von der Bundesrepublik Deutschland für Staatsoberhäupter vergebene Auszeichnung: die Sonderstufe des Großkreuzes.

Mit Statistik untermauerte Nina Roser (Wien) ihr Referat zum Ende der 850-jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen. Von 1977 (360 000) über 1992 (120000) bis 2011 (37 000) verringerte sich die Anzahl der in Rumänien lebenden Deutschen in dramatischer Weise. In ganz Siebenbürgen leben nur noch 12 000 Deutsche, 1977 waren es 170 000. Damit stellen in Rumänien die Banater Schwaben mit 14 500 Angehörigen (Volkszählung 2011) die größte deutsche Gruppe. Corinna Mayer (München) zeichnete in ihrem Parallelvortrag zum Ende einer 300-jährigen Geschichte der Banater Schwaben das Bild einer recht vitalen Minderheit und hält es für wahrscheinlich, dass sich die Zahlen auf einem niedrigen Niveau stabilisieren. Der Eindruck, dass die Banater Schwaben mehr Aktivitäten als die Siebenbürger Sachsen entfalten, wird gestützt durch die Tatsache, dass die Deutschen im östlichen Banat auf einem kleineren Raum zusammenleben als die weit verstreuten Sachsen in Siebenbürgen. Zudem macht Mayer einem „Retraditionalisierungsprozess“ in Gemeinschaften und Vereinen aus. Außerdem gebe es heute mehr deutschsprachige Studienmöglichkeiten als vor 20 Jahren. So könne man an der Polytechnischen Universität Temeswar Mechatronik, Bauingenieurwesen und Verwaltungswissenschaften in deutscher Sprache studieren.

Sehr beliebt bei der rumänischen Mehrheitsbevölkerung ist der Deutschunterricht an den Schulen, so dass Klassen für die deutschen Muttersprachler, die sogenannten deutschen Abteilungen, sowohl in Siebenbürgen als auch im Banat nur noch zu fünf Prozent aus Angehörigen der deutschen Minderheit bestehen.

Die Gegend um Sathmar, eines der sechs Siedlungsgebiete der Donauschwaben, stand im Mittelpunkt des Vortrags von Dr. Zoltan Ilyes (Budapest) am Rande eines erstaunlichen Phänomens: Bei der Volkszählung im Jahre 1992 bezeichneten sich 8000 Personen als Deutsche oder Schwaben, die sich bei der Volkszählung im Jahre 1977 noch als Ungarn ausgegeben hatten. Insgesamt 14 351 Personen im Raum Sathmar gaben 1992 als nationale Identität entweder Deutsch (8679) oder Schwäbisch (5672) an. Sieben Dörfer hatten plötzlich eine deutsche Mehrheit, wenngleich die deutsche Sprachkompetenz wenig ausgeprägt war und sich die Menschen im Alltag weiterhin in ungarischer Sprache unterhielten. Die Gründe für das Bekenntnis zum Deutsch- bzw. Schwabentum sieht Ilyes in einem „kulturellen Kapital“, mit dem man auswandern könne, um auf den deutschen Arbeitsmarkt zu gelangen. Nur zehn Jahre später ergab die Volkszählung eine Rückwendung zum mittlerweile landesweit stabilisierten Ungarntum.

Werner Harasym (KK)

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