Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1362.

Sie trugen keine Schuld

Vielmehr oft die größte Last, und das willig: Pferde als Opfer von Krieg und Flucht

Das Bild ist durchs Leben mitgegangen:

Eine milde Vorfrühlingsnacht des späten März 1945, der Flüchtlingstreck hatte bei beginnender Dunkelheit am Saum einer Waldwiese in einem lichten Hochwald unweit der Straße Halt gemacht, die heute, aus Österreich kommend, die Bundesstraße 388 ist. Die etwa 20 Pferde und die beiden Kühe, die zum Treck gehörten – vor allem die Kinder sollten etwas Milch bekommen –, hatten gefressen, standen und lagen vor den Planwagen, neben ihnen einige Männer mit griffbereiten Waffen. Die Frauen und die meisten Kinder schliefen in den Wagen, einige Kinder hatten ihre, wie die Eltern sagten, gewohnten Schlafplätze zwischen den Pferden eingenommen und schliefen, an ihre warmen Leiber gedrückt (einige Hunde dazu).

Eine harte Idylle des Katastrophenjahres 1945? So könnte man zwar fast meinen, aber auch harte Idyllen gab es damals nicht, schon gar nicht bei den Flüchtlingstrecks von Ost nach West, die von Hunderttausenden von Pferden und auch Tausenden von Ochsen bewegt wurden.

Im Norden und in der Mitte der etwa 3000 Kilometer langen Ostfront, vom Baltischen Meer bis zu den Karpaten, bewegten sich überwiegend deutsche Trecks, die den schnell vorrückenden sowjetischen Armeen zu entkommen versuchten, allzu oft vergeblich. Die Panzerspitzen der sowjetischen Kampfverbände waren schneller als die schwer beladenen, von Pferden gezogenen Treckwagen.

Im Karpaten- und im Donauraum – und bis zu oberen Donau über Regensburg hinaus – waren es Landbewohner aus den hoch- und spätmittelalterlichen deutschen Siedlungsgebieten in den osteuropäischen Ländern und Russland. Sie hatte man nach dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 auf den Weg „heim ins Reich“ gebracht, und auf dem waren sie 1945 noch immer, in einem Durcheinander ohnegleichen, das die deutsche Agrar- und Siedlungsverwaltung angerichtet hatte. Auf „Familienerbhöfen im Reich“, die man ihnen versprochen hatte, sind sie nie angekommen – wenige saßen einige Jahre auf kleinen Höfen, von denen man die Stammbesitzer vertrieben hatte. Ihre letzte eigene Welt waren die Pferde und Ochsen vor ihren Treckwagen, für viele Kinder (heimlich wohl die meisten) waren die Pferde die wichtigsten Garanten für Stabilität in ihren wirren Leben. Damit war es auch zu erklären, dass viele Treckwagen von Ochsen des ungarischen Steppenrindes mit seinen zügigen Gängen gezogen wurden. Nach Schätzungen, die heute auch von der osteuropäischen Geschichtsschreibung bis hin zur russischen geteilt werden, dürften es um die 100 000 Familien mit etwa 250 000 Zugpferden und -ochsen mit diesem „Umsiedler“-Schicksal gegeben haben.

Natürlich war jeder Treckwagen einer zu viel, aber im Ganzen haben die Treckwagen und die Pferde, die sie gezogen haben, den Menschen noch ein Mindestmaß an Schutz und an Überlebenschancen verschafft. Die Wagen waren meist mit etwa drei Tonnen beladen – mehr an Achslast hätten die Fahrzeuge auch nicht getragen –, aber für Decken und auch Betten und für das, was Kinder brauchen, war Platz. Besonders die Kinder haben in den Pferden auch ihre Beschützer gesehen.S16--Pferde

Anders war es aber in Mittel- und Nordosteuropa. Bis heute weiß man – angeblich – nicht genau, wie viele Landbewohner mit ihrer Habe tatsächlich Opfer der Massenflucht vor der seit dem 25. Januar 1945 mit hohem Tempo vorrückenden Roten Armee waren, und damit auch nicht, wie viele Flüchtlingstrecks mit ihren Pferden unter die Ketten der Panzer gerieten und ausgelöscht wurden. Wie es dabei den betroffenen Menschen, namentlich den Frauen, und dann den Pferden ergangen ist, das zu beschreiben ist auch nach 70 Jahren psychisch kaum zu bewältigen.

Der einzige, der schon in den 50er Jahren verwertbare Zahlen über diese Schicksale genannt hat, war der Bauernverband der Vertriebenen. Er hat immer ca. eine Million auf dem Land und meist landwirtschaftsnah lebender Familien als Opfer von Flucht und Vertreibung angegeben. Etwa 350 000 davon waren Landwirte und Tierhalter, oft als halbselbständige Beschäftigte auf den adligen Großgütern Ostelbiens. Es wird angenommen, dass sich 1944/45 ca. 50 000 auf den Fluchtweg mit pferdegezogenen Treckwagen gemacht haben und dabei mindestens 100 000 Zugpferde eingesetzt waren. Diese Zahlen des Bauernverbandes der Vertriebenen werden heute gestützt durch die Werke der angelsächsischen Geschichtsforscher Norman Davies und R. M. Douglas.

Ostpreußen und seine Trakehner waren die am härtesten getroffenen Opfer dieses Chaos. Erst 2004, aber schließlich eben doch hat das ZDF eine Darstellung des Trakehnerschicksals gebracht. Es war wohl das letzte Mal, dass Tiere so viele Menschen aus einem selbstverschuldeten Inferno gerettet haben. Ob dabei 50 000 Trakehner zugrunde gegangen sind, wie das ZDF angegeben hat, oder mehr oder weniger, das ist für den ohne Bedeutung, der einmal vor seinem sterbenden Pferd gemeint hat, ein Totenfluss des Schmerzes schwemme ihn in den Hades.

2007 hat die Rolle der Pferde und anderer Zugtiere im Inferno der Fluchten von 1944/45 ein Denkmal bekommen: Es bleibt das historische Verdienst der Filmemacher des Bilderepos „Flucht“ mit Maria Furtwängler in der Mitte, den Versuch gewagt zu haben, von diesem Inferno, auch und gerade dem der Pferde, in Bildern zu berichten. Die Trakehner haben bei kärglichster Fütterung meist Marschleistungen von 60–70 Kilometern bewältigt. Mit ihnen ist das Bild des ostpreußischen Frühlings gezogen: Gespanne vor der Egge, der Drillmaschine oder dann im Grün der Sommersaaten vor dem Unkrautstriegel, darüber die hohen baltischen Himmel, mit dem Zug der Wolken, dazu das Licht später Abende des Nordens über den Seen, an denen die Gespanne zum Hof zurückkehrten, bis es das letzte Mal war. In ihren Pferden hatten vor allem die Agrarier gleichsam ihre Betriebe, ihre Ahnen, ihren Grund und Boden, eben ihr Ostpreußen oder ihr Schlesien oder ihr Siebenbürgen noch bei sich.

Gerade die Trakehnerpferde haben überlebt. Auch in ihnen begegnet uns das tempus non erit amplius der Offenbarung, die uns sonst im Inferno begegnet, auch in einem für die Tiere. Das katholische Dogma sagt heute, die Hölle sei kein Ort, sondern ein Zustand. So wahr das ist, die Hölle ist auch ein Ort, nämlich für die Tiere: Es ist die Erde, auf der sie mit den Menschen zusammenleben müssen.

Dietmar Stutzer (KK)

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