Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1308.

Sinn- und andere Fragen

Gesprächskreis „Flucht, Vertreibung, Neuanfang?“ im Münchner HDO

Zu einer Informationsveranstaltung über ein neues Programmangebot lud kürzlich das Haus des Deutschen Ostens in München ein. Im Gesprächskreis „Flucht, Vertreibung, Neuanfang?“, der ins Leben gerufen wird, sollen Hilfen für lebensbewältigende Maßnahmen diskutiert, traumatische Erlebnisse im kleinen Kreis aufgearbeitet und nach dem Sinn individuellen Schicksals in einer Gemeinschaft Betroffener und nicht Betroffener gefragt werden.

An der Sinnfrage entzündete sich auch die erste kontroverse Diskussion, die der Initiator und Referent Ulrich Sachweh, Sohn der oberschlesischen Künstlerin Gerda Sachweh, in den Raum stellte: „Flucht und Vertreibung, ein Neuanfang im kriegszerstörten, fremden Land, das zur neuen Heimat werden sollte – was macht das mit einem Menschen? Ist es persönliches Schicksal, das halt durchlitten werden mußte, oder läßt sich darin ein Sinn finden – und wenn ja, welcher und wie?“ Der Referent stellte seine Ausführungen unter das Nietzsche-Zitat. „Wenn man ein Wozu im Leben hat, erträgt man jedes Wie.“

Dr. Ortfried Kotzian, der Direktor des HDO, betonte bei seiner Begrüßung einer großen Runde von Interessenten den therapeutischen bzw. heilenden Ansatz, der in dieser neuen Form erprobt werden soll. Bei jedem schrecklichen Geschehen gebe es heute psychologische Betreuung für Opfer und Zeugen. Damals, 1945/46, stellte niemand Hilfen für traumatisierte Flüchtlinge, Vertriebene oder Deportierte zur Verfügung. Der Einzelne war in der Phase der seelischen Bewältigung des schrecklichen Erlebens mit sich selbst allein. Lediglich Kirchen und Hilfsorganisationen versuchten, die physische und psychische Not zu lindern.

Ulrich Sachweh, Designer und Psychotherapeut, meinte, es finde ein für die Betroffenen schmerzlicher gesellschaftlicher Verdrängungsprozeß statt, mit dem die Vertriebenen zusätzlich fertigzuwerden hätten. Dabei gehe es individuell darum, zu analysieren, wie die eigene Situation angenommen wurde, welche „offenen Stellen“ verblieben sind oder ob die eigene Leistung jene Anerkennung erfahre, die ihr gebührt.

In der offenen und sehr spontan und emotional geführten Diskussion über den Wert eines solchen Gesprächskreises, die von Brigitte Steinert, der stellvertretenden Direktorin des HDO, moderiert wurde, betonten Teilnehmer: Das Thema kommt einfach zu spät. Die dauerhafte Unterdrückung des Wissens um das Elend der Eltern und Großeltern habe zu einem Schwelbrand geführt, der immer wieder aufflackert. Ulrich Sachweh betonte, für die Bewältigung eines eigenen Traumas komme ein Thema nie zu spät. Vielleicht ergibt sich mit größerem zeitlichen Abstand die Möglichkeit, das Thema „lockerer“ anzugehen, mit Leid, Schuld und Opferrolle sachlicher und vor allem „entideologisiert“ zu verfahren. Provokativ fragte eine Teilnehmerin, ob es überhaupt einen „Sinn“ im Vertreibungsgeschehen gebe. Bestimmte Erfahrungen sind nicht kommunizierbar.

Generalisierend könne man natürlich behaupten, so Ulrich Sachweh, alles historische Geschehen um Krieg, Vernichtung, Vertreibung sei gezeichnet durch eine allgemeine Sinnlosigkeit. Aber um mit den Verletzungen besser umgehen zu können, die einem der Alltag schlägt, müssen doch einige Fragen gestellt werden: Was hat das Schicksal für meine Persönlichkeitsentwicklung bewirkt? Was kann ich davon Kindern und Enkeln weitergeben? Wie reagieren die Generationen auf meine eigene Trauerarbeit? Wie läßt sich meine Identität wiederfinden? Kann man Leiderfahrung konservieren?

Zwei Stunden wurden unter den Teilnehmern Meinungen ausgetauscht, bevor sich eine beachtliche Zahl von Besuchern der Informationsveranstaltung für eine Mitwirkung am neuen Programmangebot des HDO, dem Gesprächskreis „Flucht – Vertreibung – Neuanfang?“, entschied.

(KK)

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