Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1242.

Sozialistische Leibeigenschaft

Der Verein der Banater Schwaben ging in Berlin dem vormittelalterlichen Handelsgebaren der rumänischen Kommunisten nach

Dem von offizieller Seite weitestgehend geheimgehaltenen Freikauf der Rumäniendeutschen in den Jahren des Kommunismus ging eine vom Verein der Banater Schwaben organisierte Tagung in Berlin nach. Wie brisant das Thema heute noch ist, ließ schon die schwierige Suche nach einem geeigneten Ort für die Veranstaltung vermuten. Schließlich fand sie in der Landesvertretung des Saarlandes statt.
„Unsere Deutschen. Deportiert, verkauft und bedauert“, titelte 2004 die rumänische Zeitung „Jurnalul National“ und leitete damit eine Hommage an die bis dahin auf einen Bruchteil zusammengeschrumpfte deutsche Minderheit ein. Darin wurde nicht nur die Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion, sondern auch ihr Freikauf später, während des kommunistischen Regimes, seitens der Bundesrepublik erwähnt. Die Ausreise der Rumäniendeutschen wurde als einer der größten Verluste Rumäniens im 20. Jahrhundert bezeichnet.

Doch wie es der umstrittene Name „Rumäniendeutsche“ schon besagt, sind die „Besitz“-Verhältnisse ungeklärt. Wem gehören sie denn nun? Wem gehörten/gehören sie an? Jenem Staat oder Reich, den/das es zum Teil noch gar nicht gab, als sie aus seinen Gefilden auswanderten, für dessen NS-Verunstaltung sie zum Teil dann wieder entflammt waren? Oder jenem, der sie nach dem Zweiten Weltkrieg als „mitschuldig“ deportierte, in Schauprozessen vorführte und nachher einträglich verkaufte? Welchem Staat sollte diese Minderheit loyal sein? Und umgekehrt, welcher Staat ist für die Minderheit zuständig?
Im Falle der Rumäniendeutschen fühlte sich die Bundesrepublik Deutschland verantwortlich und leitete die Familienzusammenführung mit den nach dem Krieg auf ihrem Gebiet verbliebenen Rumäniendeutschen ein, einen Prozeß, der sich zur Lawine auswuchs. Heutzutage, da die deutsche Minderheit größtenteils aus Rumänien ausgewandert ist, fragt sich mancher, ob man der Bundesrepublik dafür danken oder sie zur Rede stellen sollte.

Wenn man dann von einem Freikauf hört, stellt sich unvermittelt die Frage: Gehören die Bürger einem Staat? Wie nennt man es, wenn ein Staat seine Bürger gegen Kredite und Geldleistungen „eintauscht“? Familienzusammenführung, oder vielleicht doch Menschenhandel? Und wie ist die Sicht der Betroffenen?
Dabei muß man zwischen dem zwischenstaatlich geregelten und dennoch bis heute nicht offiziell aufgearbeiteten Freikauf durch das sogenannte Kopfgeld an den rumänischen Staat und den inoffiziellen Schmiergeldzahlungen an Mittelsmänner (meistens der Securitate) unterscheiden. Des weiteren forderte der rumänische Staat um eine Zeit von den  Rumäniendeutschen, die Ausgaben für ihre Ausbildung zurückzuzahlen, allesamt mußten sie ihre Häuser, Wohnungen für lächerliche Summen abgeben. Für den Verzicht auf die rumänische Staatsbürgerschaft wurden die Aussiedler dann seitens der rumänischen Botschaft  in der Bundesrepublik Deutschland nochmals zur Kasse gebeten.

Von den verschiedenen Dilemmata der Ausreisewilligen handelte der Vortrag von Professor Anton Sterbling. Er beleuchtete soziologisch die Schwierigkeiten der Rumäniendeutschen vor der Ausreise, die mit der Forderung konfrontiert wurden, Schmiergeld zu zahlen. Das Solidaritätsdilemma der Ausreisewilligen, die Unsicherheit, was geschehen würde, wenn man zahlte, und was, wenn nicht, die Ausbeutung der Menschen und die Verschleierung der Mechanismen durch die Mittelsmänner kamen zur Sprache.

Wie eine kriminalistische Recherche hörte sich der Vortrag des Deutsche-Welle-Redakteurs und Vereinsvorsitzenden der Banater Schwaben, Ernst Meinhardt, an, der an höchster Stelle nachgefragt hat. Leider bekam er nur eine lapidare Antwort von Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der sich wegen Überlastung nicht äußern wollte. Etwas auskunftsfreudiger war der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der jedoch unter Berufung auf seine Erinnerungslücken auf die zuständigen Ministerien und Verhandlungsführer verwies. Über das Büro von Altbundeskanzler Kohl knüpfte der Referent den Kontakt zum früheren Kanzlerberater Horst Teltschik, der schließlich telefonisch Geheimverhandlungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland (vertreten durch den Rechtsanwalt und Bundestagsabgeordneten Dr. Heinz-Günther Hüsch) zur Ausreise von Rumäniendeutschen bestätigte. Diese mußten geheim bleiben, ansonsten hätte die rumänische Seite den Kontakt abgebrochen.

Ein Hindernis für die Nachforschungen besteht in der Tatsache, daß die Archive in der Regel erst 30 Jahre nach dem jeweiligen Ereignis freigegeben werden. Immerhin ließen sich im Bundesarchiv Koblenz sowie im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes ältere Dokumente finden, die letztendlich beweisen, daß es spätestens seit 1954 eine Entlohnung für ausgereiste Rumäniendeutsche gab. Die Belege über die Höhe der Zahlungen reichen von 1000 DM pro Person, so Staatssekretär Karl Carstens, über 1800 und 11000 DM, so der deutsche Botschafter Erwin Wickert, bis zu 10000 DM pro Person, so der „Spiegel“ 43/1985, schließlich bis zu 12000 pro Person, so Dr. Michael Kroner. Ernst Meinhardt errechnete einen Durchschnitt aus der jeweils niedrigsten genannten Summe, multipliziert mit den Aussiedlerzahlen, und kam für die Zeitspanne 1967–1989 auf einen stattlichen Endbetrag von 1,127 Milliarden DM.

Von dem Geld soll laut Theodor Stolojan, dem Zuständigen für die Devisentransaktionen unter Ceausescu, heute nichts mehr übrig sein. Davon sollen Auslandschulden beglichen bzw. nach 1989 Konsumgüter für die Bevölkerung gekauft worden sein.

In ihrem Vortrag beklagte Hannelore Baier, Redakteurin der „Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien“, ebenfalls die spärliche Quellenlage nunmehr aus rumänischer Sicht.  Sich auf die Aussagen des früheren Außenministers Stefan Andrei stützend, berichtete Baier über das 1978 getroffene Abkommen zwischen Nicolae Ceausescu und Helmut Schmidt (eigentlich unterzeichnet von Vasile Pungan, dem außenpolitischen Berater von Ceausescu, und Ministerialdirektor van Well). Darin wird eine Ausreisegenehmigung für 11000 Rumäniendeutschen in Aussicht gestellt, wofür Deutschland staatlich garantierte Hermes-Kredite in Höhe von 800 Millionen DM sowie 4000 DM für jeden ausgereisten Deutschen zusagt.

Der jetzige rumänische Präsident Traian Basescu hat zwar am 18. Dezember 2006 im Parlament neben der Deportation und den ethnischen Repressionen auch die Vertreibung und den Verkauf von Juden und Deutschen während des kommunistischen Regimes verurteilt, die Securitate-Akten darüber aber nicht freigegeben, so Baier. Schließlich könne das ja auch die ausländischen Partner in eine unangenehme Situation bringen. Immerhin sollen aber die einstigen rumänischen Staatsbürger, auch jene, die „verkauft“ wurden, ihre Staatsbürgerrechte zurückerhalten.

Der Filmemacher Günter Czernetzky zeigte schließlich Auszüge aus seinem in Arbeit befindlichen Dokumentarfilm, in dem es auch um dieses heikle Thema geht und in dem die Befragten unterstreichen, wie schwammig der Begriff der Familienzusammenführung sei.

Konkreter wurde ein Betroffener im Saal, der sich anschließend zu Wort meldete und bei aller Wut über die damaligen Vorgänge doch zu dem Schluß kam, daß er dem deutschen Staat dankbar sei, daß er sich an diesem Menschenhandel beteiligt habe.

War es die Schuld gegenüber den „Volksdeutschen“, die der gleichen Schicksalsgemeinschaft angehörten, oder waren die Rumäniendeutschen willkommene Arbeitskräfte? Was bewog den deutschen Staat zum Freikauf? Ist ein armer und zudem kommunistischer Staat zu entschuldigen, wenn er seine Bürger verkauft? Diese und ähnliche Fragen, die offen bleiben, lassen uns auf das Buch warten, das die Banater Landsmannschaft angekündigt hat.

Edith Ottschofski (KK)

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