Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1401.

Sozioökonomisches Ei des Kolumbus

Mehr oder minder freiwilliger Arbeitsdienst – eine bulgarische Erfindung

Monolithisches Selbstbewusstsein in Beton: Kulturpalast in Sofia
Bilder: Südwest-Verlag

Bulgaren gelten als russophil, sind es aber nur so lange, wie Moskau die rote Linie respektiert, die 1881 Dragan Cankov (1828–1911) zog. Dieser Liberale war einer der Gründungsväter des modernen Bulgarien, in dem er keine Russen sehen wollte. Die hatten den russisch-türkischen Krieg 1877/78 gewonnen, mit Hilfe bulgarischer Freischärler, führten sich danach aber in Bulgarien so selbstherrlich auf, dass Cankov sich beim Zaren beschwerte: „Halten Sie russische Offiziere aus unseren Ämtern fern. Wir wollen von Ihnen weder den Honig noch den Stachel!“
General Leonid Sobolev, Oberkommandierender der russischen Besatzer, nannte Cankov daraufhin einen „Irren“ (lud) und strengte einen Prozess gegen ihn an.

Dieser geriet zur Farce, trug Cankov aber viel Prestige bei seinen Landsleuten ein. Ähnliches provozierte 90 Jahre später Staats- und Parteichef Todor Schiwkow (1911–1998), als er Breschnews Sowjetunion als „bulgarische Kolonie“ bezeichnete. Da knirschte Moskau mit den Zähnen, aber ernsthaft konnte man Bulgarien, Nachbar Tito-Jugoslawiens sowie der NATO-Staaten Griechenland und Türkei, nichts anhaben.

Seit April 2004 ist Bulgarien selber in der NATO, seit 2007 auch in der EU, womit die kyrillische Schrift, die Bulgaren-Zar Simeon 893 zur Staatsschrift erhob, auf die Euro-Scheine kam. In der EU galt Bulgarien bald als balkanisches Silicon Valley, dessen IT-Kompetenz Nachbarländer wie Makedonien mitzieht und Brüsseler Hätschelkinder wie Kroatien ärmlich aussehen lässt. Offenkundig hat Bismarck, obschon eingefleischter Russlandliebhaber, die Bulgaren zu Recht als „Preußen des Balkans“ gelobt.

„Auf jedem Kilometer der Welt steht mindestens ein Bulgare“, sagen Bulgaren, und was das z. B. uns Deutschen bedeuten könnte, bezeichnete der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Sommer 1988 bei seiner Bulgarienreise als „Wiederentdeckung einer alten Freundschaft“. Dazu lieferte (fast) jedes Jahrhundert seinen Beitrag, beginnend 860, als Bulgaren-Khan Boris und König Ludwig der Deutsche die Christianisierung der Bulgaren verabredeten, womit das Land europäische „Weihen“ erhielt, bis zur Gegenwart mit ihren fünf „Schulen mit deutscher Unterrichtssprache“. Seit dem späten 18. Jahrhundert lehren sie, obwohl Bulgarien nie eine deutsche Minderheit aufwies, ausgenommen die Gebirgsdörfer Endshe und Byrdarski Geran mit ca. 1100 „Sachsen“, die als tüchtige Pferdezüchter überregionalen Ruf genossen.

„Wer wissen will, wer den nächsten Krieg verliert, muss prüfen, an wessen Seite Bulgarien ist“, lästerten Westeuropäer, nachdem Bulgarien in beiden Weltkriegen als Deutschlands Verbündeter Niederlagen erlitten hatte. 1918 musste es sein Heer verkleinern und eine schwere Wirtschaftskrise meistern. In dieser Lage verfügte die „Bauernregierung“ unter Aleksandar Stambolijski (1879–1923) per Gesetz vom 10. Juni 1920 eine allgemeine „Arbeitspflicht“ (trudova povinnost, TP), die für Männer bis zum 40., für Frauen bis zum 30. Lebensjahr bestand. Als einzige in der Welt hatten die Bulgaren aus ihrer Not eine Tugend gemacht, gewissermaßen ein sozioökonomisches Ei des Columbus ausgebrütet. In Konjunkturzeiten braucht man Arbeitskräfte allenthalben und wird sie nicht in Arbeitsdiensten „verschwenden“, wo sie enorme Kosten für Organisation, Unterbringung, Transport, Versorgung etc. verursachen. In Notzeiten besinnt man sich auf sekundäre Effekte, betont die gemeinschaftsbildende, sozial integrierende, werktätige Rolle dieser Dienste.

So taten es die Bulgaren, ihr Unternehmen wurde weltweit nachgemacht, von Amerika bis Japan. Auch Deutschland fasste Tritt, animiert von Professor Walter Hoffmann (1891–1972), dem Chef des Mitteleuropa-Instituts an der Dresdener Technischen Hochschule, der befand, „dass die in Bulgarien gesammelten Erfahrungen wertvoll sind, wenn man in Deutschland eine ähnliche Einrichtung schaffen will“. Und ob „man“ das wollte! Konservative Politiker und Wirtschaftler plädierten für eine Nachahmung des bulgarischen Beispiels, desgleichen die deutsche linke Mitte, obwohl sie die ökonomischen Effekte der TP eher skeptisch beurteilte, aber ihre staatsbürgerliche Erziehung lobte.

Worin bestand die bulgarische „trudova povinnost“ im Detail? Jedes Jahr wurden rund 30 Prozent einer Altersgruppe verpflichtet, zuerst zwölf, später acht Monate unentgeltlich gemeinnützige Arbeiten zu verrichten, vor allem im Straßenbau. Damit (und mit der „preußischen“ Organisation des ganzen Unternehmens) erntete Bulgarien enorme Vorteile: Die Arbeitslosen waren von der Straße, notwendige Arbeiten wurden bei niedrigsten Kosten verrichtet, der Arbeitsdienst war zudem eine nationale Schule, die junge Menschen zu loyalen Staatsbürgern erzog – unter dem Leitmotiv „Za Balgarija trud“ (Arbeit für Bulgarien) – und sie daneben noch Lesen, Schreiben, Körperhygiene etc. lehrte, was besonders bei der traditionell arbeitsscheuen „Zigeuner-Minorität“ fruchtete. All das sprach auch die Deutschen an, und am 5. Juni 1931 billigte Reichskanzler Heinrich Brüning einen „Freiwilligen Arbeitsdienst“ (FAD) zur Behebung der hohen Arbeitslosigkeit. Dessen Effekt war gering, die Kontrolle locker, so dass die Logistik des Dienstes mitunter als militärische Trainingscamps für paramilitärische Truppen wie „Freikorps“ und andere missbraucht wurde. Damit wurde die Idee auch bei Hitlers Partei interessant.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, ernannte Hitler Konstantin Hierl (1875–1955), NSDAP-Mitglied seit 1927, zum Staatsekretär im Arbeitsministerium und beauftragte ihn mit der Bildung eines zunächst freiwilligen Arbeitsdienstes. Seit 1934 amtierte er als „Reichskommissar für den freiwilligen Arbeitsdienst“ (RAD), nach Einführung der Arbeitsdienstpflicht am 26. Juni 1935 als „Reichsarbeitsführer“, oberster Führer einer Heerschar von jungen Leuten beiderlei Geschlechts zwischen 18 und 25 Jahren. Der „Reichsarbeitsdienst der weiblichen Jugend“ (RADwJ) bestand indessen nur auf dem Papier, da er erst im April 1936 formal in den RAD inkorporiert wurde. Bis dahin, z. B. 1934, hatten nur 7347 „Arbeitsmaiden“, aber 220 000 „Arbeitsmänner“ am Arbeitsdienst teilgenommen.

Eher archaische Variante der Gemeinschaftsarbeit:
bulgarische Kolchosbäuerinnen

Junge Männer wurden bei Entwässerungsarbeiten, im Autobahnbau etc. eingesetzt, junge Frauen bei Haus- und Feldarbeiten in der Landwirtschaft. Die Organisation war klar durchstrukturiert: Der RAD gliederte sich in 30 „Arbeitsgaue“, 182 „Gruppen“ und 1260 „Abteilungen“, es gab eine Hierarchie (vom „Vormann“ bis zum „Obergeneralarbeitsführer“), für Betreuung und Unterhaltung standen „Heildienste“ und „Musikzüge“ bereit, und für die Zeit danach sorgte die Organisation „Arbeitsdank“ (mit 150 000 Mitgliedern 1936) mit Krediten, Lehrgängen, Beratungen und Erholungsheimen für die Reintegration der Ausgeschiedenen.

Deutlich vom bulgarischen Muster übernommen war die (relative) Politikferne des RAD, die sogar US-Historiker beeindruckte. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess (1945–1949) wurde der RAD weder erwähnt noch unter den „verbrecherischen Organisationen“ aufgeführt. Nur RAD-Führer Hierl bekam 1948 als „Hauptschuldiger“ fünf Jahren Arbeitslager, was ihn nicht hinderte, 1955 seine Memoiren „Im Dienst für Deutschland“ zu veröffentlichen.

In Bulgarien gab es die TP bis 1969, als ihre sieben „Divisionen“ zu „Bautruppen“ (stroitelni vojski, SV) umgeformt wurden. Erst nach der bulgarischen „promjana“ (Wende) wurden sie auf Brüsseler Ersuchen als „Form von Zwangsarbeit“ abgeschafft. Was für ein Unsinn! Der östliche Balkan ist voller Bauten, die bis heute von Energie und Effekt der TP-Arbeit zeugen: Donaubrücke bei Ruse (2008 m), Balkantunnel „Koznica“ (5801 m), Hunderte Bewässerungsleitungen am Schwarzen Meer und der Dobrudscha, Dutzende Kraftwerke, Tausende Wohnblocks, Bergwerkskomplex in den Rodopen, TV-Turm auf dem Botev-Gipfel und vieles mehr.

Wolf Oschlies (KK)

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