Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1256.

Speck- und Orangenpater

Werenfried van Straaten hat mit der Sorge um das leibliche Wohl der Vertriebenen der Sorge um die Seele gedient

Vor genau 60 Jahren begann der Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten die „Speckschlacht“ zugunsten der deutschen Heimatvertriebenen. Ausgerechnet in seiner niederländischen Heimat und in Belgien, wo der Haß auf die einstigen deutschen Besatzer noch nicht abgeklungen war, predigte er die „Schule der Liebe“ und startete eine umfangreiche Hilfsaktion. Werenfried sammelte Medikamente, Kleider, Schuhe und Lebensmittel – besonders Speck – für die notleidenden Flüchtlinge im Land des einstigen Feindes.

In einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem BdV erinnerte der 3. Internationale Kongreß „Treffpunkt Weltkirche“ in Augsburg mit einem Symposium an den Gründer und den Beginn des heute in 17 Ländern tätigen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“.

Einführend zeigte ein Film den tatkräftigen jungen Pater, wie er im späteren „Vaterhaus der Vertriebenen“ in Königstein/Taunus den knapp 3000 Rucksackpriestern aus den Vertreibungsgebieten Motorräder und später Volkswagen zur Verfügung stellte, damit sie ihren Dienst für die Heimatvertriebenen leisten konnten, die in Gebiete verschlagen worden waren, wo es keine katholischen Pfarrgemeinden und Kirchen gab. Später kamen die Kapellenwagen dazu, mit denen die Priester zu den Heimatvertriebenen fuhren, die außer ihrem Glauben alles verloren hatten. Die guten Erfahrungen damit führten zu den heutigen drei Wolgaschiffen des Hilfswerks für die russisch-orthodoxe Kirche.

Professor Rudolf Grulich (Universität Gießen) wies auf die vergebliche Hoffnung Stalins hin, daß die deutschen Heimatvertriebenen als sozialer Sprengsatz zur treibenden Kraft für die Ausweitung der kommunistischen Weltrevolution werden könnten. Anders als in Palästina gab es keine Radikalisierung der Vertriebenen.

Monsignore Freiherr von Fürstenberg erinnerte sich, wie er als kleiner Junge Lebensmittel von Pater Werenfried erhielt und ihn wegen einer vorher nie gekannten Frucht, einer Apfelsine, zum „Orangenpater“ machte. Grundsätzlich wies der einstige Seelsorger des Malteser-Ritterordens auf die weltweite Bedeutung der Linderung materieller Not aus christlicher Nächstenliebe hin. Sie sei – wie Werenfried richtig erkannt habe – die Voraussetzung für Frieden und Versöhnung.

In Übereinstimmung mit den Gedanken von Pater Werenfried berichtete der Visitator der Ermländer, Msg. Lothar Schlegel, nicht nur von der Seelsorge an den ihm anvertrauten Gläubigen, sondern von der Friedensarbeit der Visitatoren insgesamt. Er selbst wurde vom polnischen Erzbischof zum Ehrendomherrn von Frauenburg/Frombork ernannt, ebenso wie der Vertriebenenbischof Gerhard Pieschl (Limburg) zum Ehrendomherrn seiner Heimatdiözese Olmütz. Schlegel hat im heute polnischen Allenstein neben dem Münster eine kleine Wohnung und ein Büro im Ordinariat. Die seelsorgliche Betreuung der deutschen Minderheit ist durch einen deutschen Kaplan gesichert.

Antonia Willemsen ist heute die Vorsitzende von „Kirche in Not“ Deutschland. Als Nichte von Pater Werenfried konnte sie auch aus seinem familiären Umfeld erzählen. Sein Nachlaß liegt in Königstein, bereit für die Wissenschaft. Denn – auch darin waren sich die Teilnehmer am Symposium einig – Werenfrieds große Bedeutung für Deutschland und die notleidende Welt ist bisher weder von der Kirche noch vom Staat voll gewürdigt worden.

Norbert Matern (KK)

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