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Ausgaben: Ausgabe 1322.

Sprachen sprechen nicht für sich

Durchsetzen müssen sie und sich ihre Sprecher, zeigte auch eine Tagung über Sprachenpolitik am Heiligenhof

Der Arbeitskreis für Volksgruppen- und Minderheitenfragen am Heiligenhof in Bad Kissingen ist längst eine Institution. Es gibt ihn seit 1977, und seine Tagungen locken immer wieder ein interessiertes und fachkundiges Publikum in die Sudetendeutsche Bildungsstätte. Zuletzt ging es um „Sprachenpolitik in Europa“.

Bevor man sich der Thematik widmete, stand die Verabschiedung von Prof. Dr. Rudolf Grulich aus der Leitung des Arbeitskreises an. Der 1944 in Mähren geborene Kirchenhistoriker war ein Mann der ersten Stunde, ohne dessen außergewöhnliches Wissen und geistige Tiefe die Kissinger Runde nie das geworden wäre, was sie heute ist. An Grulichs Stelle tritt mit Andreas Toscano del Banner ein deutlich jüngerer Wissenschaftler, der fortan zusammen mit Dr. Ortfried Kotzian, dem Direktor des Münchener Hauses des Deutschen Ostens (HDO), für die Programmatik des Arbeitskreises verantwortlich ist.

Martin Dzingel (Jahrgang 1975), der Präsident der Landesversammlung der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien, referierte über „Die Situation der deutschen Minderheit und der deutschen Sprache in der Tschechischen Republik“. Die offiziell ermittelten 18 772 Personen deutscher Nationalität, die seine Organisation vertritt, bedeuten einen erheblichen Rückgang gegenüber den fast 40000 bekennenden heimatverbliebenen Sudetendeutschen bei der letzten Volkszählung vor zehn Jahren. Allerdings müsse die Aussagefähigkeit der neuen Zahl hinterfragt werden. Darüber hinaus gelte es auf die auf über 20 000 Menschen angewachsene Zahl von Bundesdeutschen hinzuweisen, so Dzingel, die in der Regel aus beruflichen Gründen vorübergehend oder dauerhaft nach Tschechien übergesiedelt sind.

Obwohl der Minderheitensprecher den repräsentativen Charakter der Volkszählung zu relativieren versuchte, wirkten die meisten Informationen zur Lage der deutschen Volksgruppe in Tschechien ernüchternd. Letzteres gilt auch für den enormen Bedeutungsverlust der deutschen Sprache in böhmischen Gefilden in den zurückliegenden zehn Jahren. Einzig in der Hauptstadt ist es nach Aussage Dzingels möglich, das im Minderheitengesetz Nr. 273 aus dem Jahr 2001 festgeschriebene „Recht auf Bildung in der Minderheitensprache“ umzusetzen, denn  allein in Prag gebe es Schulklassen, in denen die geforderten mindestens neun Eltern den Antrag auf deutschsprachigen Unterricht stellten. Insbesondere das von der Minderheit getragene Thomas-Mann-Gymnasium erfreue sich mittlerweile eines sehr guten Rufes und wachse stetig.

Bernard Buckenmeyer aus dem nach Straßburg eingemeindeten Oberhausbergen widmete sich einem sprachenpolitisch noch erheblich problematischeren Landstrich: dem Elsaß. „Ohne politische Autonomie geht die elsässische Kultur endgültig kaputt“, warnte der studierte Soziologe und „frustrierte Autonomist“. Heute lebten in den beiden elsässischen Departements ungefähr 200000 Innerfranzosen (offizielle Zahlen existierten nicht) sowie etwa ebenso viele Zuwanderer vor allem aus Nordafrika und der Türkei; von den restlichen 1,4 Millionen Einwohnern würden rund die Hälfte die angestammte alemannische bzw. rheinfränkische Mundart kennen. Der häufig genannte zehnprozentige Anteil noch dialektsprechender Kinder sei „eher zu hoch gegriffen“, fest stehe jedoch, daß gegenwärtig mehr Schüler Englisch als Deutsch lernten. Immerhin rangiere dieses nur knapp hinter dem Englischen und – im eklatanten Unterschied zum übrigen französischen Staatsgebiet – weit vor Spanisch und anderen Fremdsprachen. Die Tatsache, daß es im Regionalfernsehen täglich acht Minuten Mundartprogramm gebe sowie an Samstagen eine halbe Stunde (jeweils mit französischen Untertiteln), erscheine als bloße Kosmetik. Bedeutsamer sind die vor einigen Jahren auf freiwilliger Basis eingeführten zweisprachigen Klassen an den staatlichen Mittelschulen sowie die seit 1990 entstandenen bilingualen privaten ABCM-Schulen.

Während sowohl Buckenmeyer als auch Dzingel eher pessimistisch Stimmendes vermittelten, war der dritte Vortrag von gänzlich anderer Natur. Dr. Yvo Peeters vom Europäischen Bildungsinstitut in Brüssel präsentierte auf erfrischend kämpferische Weise die kulturpolitischen Ziele der flämischen Bewegung. Schon sein Titel „Vom Sprachenkampf über Bundesstaat zum Staatenbund oder ‚Gibt es Belgien 2030 noch?‘“ signalisierte den Zuhörern, wie sehr die Entwicklung des kleinen EU-Mitgliedslandes von Veränderungen gezeichnet ist und dies auch weiterhin sein dürfte.

Der Groll der mit dem Anschluß ans kulturelle Mutterland Frankreich liebäugelnden Frankophonen, denen vor allem der Widerstand Englands einen Strich durch die Rechnung machte, bestimmte von Beginn an die Entwicklung. Noch bis 1890 handelte es sich dem Referenten zufolge offiziell um einen „völlig einsprachigen Staat mit einer Minderheit, die über die Mehrheit bestimmte“. Diese fatalen Weichenstellungen wirkten bis in die Gegenwart und zeigten sich unter anderem daran, daß 85 Prozent der flämischen Schulkinder Französisch lernten, aber nur 45 Prozent der wallonischen Niederländisch. Als weitere wichtige Stationen nannte Peeters die 1971 verabschiedete Kulturautonomie, die 1980 in eine Regionalautonomie umgewandelt wurde, ferner die Regelung des Statuts der Hauptstadt Brüssel aus dem Jahr 1989 und nicht zuletzt die bis heute geltende Verfassung von 1993, die das Land von einem Bundesstaat zu einer Konföderation werden ließ, einschließlich des Grundsatzes „Landesrecht bricht Bundesrecht“. Die sich mehr denn je aufdrängende Frage nach der Zukunftsfähigkeit beantwortete Yvo Peeters sinngemäß mit der These, Belgien müsse früher oder später scheitern.

Weniger Geschichte und aktuelle Politik, dafür um so mehr theoretisches Handwerkszeug für die Beschäftigung mit Sprachen lieferte der Vortrag von Prof. Dr. Joachim Born über „Sprachenpolitik in der Romania – die romanischen Sprachen und die Sprachminderheiten“. Born nahm in seinen sehr informativen Ausführungen die in jüngerer Zeit aus dem Deutschen in die englisch- und spanischsprachige Fachterminologie übergegangenen Begriffe ‚Ausbau‘ und ‚Abstand‘ in den Blick, um den schwer bestimmbaren Übergang von Dialekten zu eigenständigen, das heißt stark „ausgebauten“ Sprachen darzustellen. Als Beispiel für eine höchst erfolgreiche Sprachenpolitik im romanischen Bereich nannte er Katalonien, wo nicht von ungefähr die moderne Minderheitenlinguistik ihren Ausgang genommen habe und wo sich auch „Neldes Gesetz“ bestätige, demzufolge es keinen Sprachkontakt ohne Sprachkonflikt gebe.

Eine Einführung in das Thema „Die Zukunft der deutschen Sprache und Kultur in Oberschlesien“ bot anschließend der aus dem oberschlesischen Industriegebiet stammende, wechselweise in Mechnitz/OS und München lebende Historiker Matthias Lempart. Er wies darauf hin, daß in dem an Polen gefallenen „autonomen“ Ost-Oberschlesein bei freien Wahlen noch zwischen 1926 und 1930 immer bessere Ergebnisse für die Deutschen Listen zu verzeichnen waren. Heute gebe es auf dem Gebiet der beiden Woiwodschaften Schlesien und Oppeln bei insgesamt 5,7 Millionen Einwohnern nur noch schätzungsweise 1,2 bis 1,5 Millionen alteingesessene Oberschlesier. Für einen Großteil von diesen sei das sogenannte „Wasserpolnisch“ oder „Schlesisch“ die Muttersprache. Da das vom Hochpolnischen abgeleitete, aber von einem zum Teil eigenständigen Wortschatz geprägte und mit vielen Germanismen durchsetzte Idiom in zehn verschiedenen Dialekten vorkomme, werde gegenwärtig an der Universität Kattowitz erstmals an einer „demnächst abgeschlossenen“ Kodifizierung gearbeitet, für die drei Hauptdialekte als grammatische Vorlage dienten.

Gegen Ende seiner Ausführungen ging Lempart auf die stetig steigende und von ihm persönlich als große Chance aufgefaßten Bedeutung des oberschlesischen Autonomiegedankens ein. Dessen Relevanz zeige sich unter anderem an der (erstmals offiziellen) Registrierung eines „Verbandes der Bevölkerung oberschlesischer Nationalität“ in Oppeln am 21. Dezember 2011. Ebenfalls neu und besonders beachtenswert sei die Erklärung des Europarates vom 7. Dezember letzten Jahres über die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen in der Republik Polen. Demzufolge habe die Warschauer  Regierung ihre „Verpflichtungen nicht erfüllt“, die vor allem in der Errichtung eigener Minderheitenschulen in der Muttersprache beständen. Matthias Lempart hält allerdings eine flächendeckende Einrichtung deutschsprachiger Schulen im Oppelner Land ohnehin für „nicht möglich“, sehr wohl aber „regionale Zentralschulen in Internatsform“.

Den inhaltlichen Schlußstein des zweiten Seminartages setzte Dr. Beate Sibylle Pfeil mit Gedanken zur „Sprachenpolitik in Europa – ein Überblick“. Die redegewandte Vertreterin des Südtiroler Volksgruppen-Instituts (SVI) und Schriftleiterin des Europäischen Journals für Minderheitenfragen bezifferte die Zahl der Sprachminderheiten in der Europäischen Union auf 90 und in Gesamteuropa auf rund 350. Zur Klärung der Zukunftsfähigkeit einer Sprache verwies sie auf die „Euro-Mosaik-Studie“ von 1996, in der nicht nur ein direkter Zusammenhang zwischen der Sprecherzahl und den Perspektiven von Sprachen festgestellt, sondern das kritische Minimum sogar auf eine bestimmte Zahl, nämlich 300000 Personen, fixiert wurde. Demnach wären 80 Prozent aller Minderheitensprachen in Europa gefährdet. Während die Referentin die Festlegung einer bestimmten Untergrenze angesichts der vielfälftigen Existenzbedingungen von Minderheitensprachen kritisch hinterfragte, ist das Fehlen eines kulturellen Mutterlandes in ihren Augen ein nicht zu bestreitender Nachteil. Darüber hinaus müsse der Mangel an Kontakt- und Organisationsfähigkeit als Kardinalproblem gefährdeter Sprachminderheiten erkannt werden.

Am abschließenden Sonntag rundete eine dem anspruchsvollen Charakter der Vorträge entsprechende Podiumsdiskussion die Veranstaltung ab. Unter der gekonnten Moderation von Dr. Meinolf Arens standen düstere Vorhersagen wie der allgemein angenommene Rückgang der Sprachenzahl von weltweit derzeit rund 6000 auf ganze 500 im Jahre 2100 eher optimistischen Annahmen gegenüber, etwa dem Hinweis auf die standhaften Sprachinseldeutschen in Oberitalien. Viele Sprecher von Kleinstsprachen, die sich früher oft deren Gebrauchs geschämt hätten, seien mittlerweile von Stolz auf ihre ungewöhnlichen Idiome erfüllt, betonte Luis Thomas Prader von der Initiative Deutsche Sprachinseln (Aldein/Südtirol).

Ein besonders wichtiges Diskussionsthema stellten die neuen Medien dar, die nicht nur die Schaffung von Arbeitsplätzen im Kulturtourismus etwa bei den Zimbern in Oberitalien ermöglichten, sondern im Extremfall eine regelrechte „Internet-Identität“ (Arens) wie bei den Ruthenen/Russinen schaffen könnten. Eine radikale Gegenposition bezog Yvo Peeters, der das Internet als für kleine Sprachen „überhaupt nicht wichtig“ bezeichnete, da dort fast alles auf Englisch ablaufe. Für die Lebenswirklichkeit dieser Gruppen seien das Fernsehen, Radio oder Bücher noch immer wesentlich bedeutsamer.

Eine weitere spannende Kontroverse bildete die an die Ausführungen Beate Sibylle Pfeils anschließende Diskussion über den Sinn und die Ausmaße einer „positiven Diskriminierung“. Während sie, aber auch Rudolf Grulich und Matthias Lempart auf die Bedeutung von „Bekenntnisfreiheit und Bekenntnisrecht“ von Sprachminderheiten pochten, redete Peeters der Notwendigkeit zum Eingreifen zugunsten benachteiligter Gemeinschaften das Wort. Schließlich sollte man auch reagieren, so die provokante Spitze seiner Argumentation, wenn man von Selbstmordplänen einer Einzelperson höre.

Ortfried Kotzian schloß die höchst anregende Tagung des Arbeitskreises für Volksgruppen- und Minderheitenfragen mit einem Zitat des Südtirolers Silvio Magnago: „Eine Minderheit, die nicht für ihre Rechte kämpft, ist keinen Pfifferling wert und gehört auf den Müllhaufen!“

Martin Schmidt (KK)

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