Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1355.

Städte als Stätten der Verständigung

Auch zwischen Staaten und Nationen: Regensburg, Budavár und die Kulturhauptstadt Europas 2015, Pilsen

Städte-als-StättenDie Tradition von Städtepartnerschaften wurde nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1947 wiederaufgenommen. Zuvor hatte es bereits vereinzelt Partnerschaften gegeben, wie seit 1925 zwischen Kiel und dem dänischen Sonderburg. Als älteste urkundlich nachweisbare Städteverbindung gilt die von Paderborn mit dem französischen Le Mans. Von dort wurden 836 n. Chr. die Reliquien des heiligen Liborius in einer langen Prozession nach Paderborn geleitet. In den Jahrhunderten danach schützte diese Verbindung beide Städte vor Zerstörungen in kriegerischen Auseinandersetzungen, aber erst 1967 wurde eine offizielle Partnerschaft zwischen ihnen begründet. Heute gibt es europaweit Tausende derartiger Verbindungen, die zum großen Teil einen regen kulturellen und wirtschaftlichen Austausch gewährleisten.

Regensburg, die Hauptstadt der bayerischen Oberpfalz, zählt inzwischen acht Partnerschaften. Die älteste besteht mit dem schottischen Aberdeen (1955), die jüngste mit dem chinesischen Qingdao (2009). Mit Mittel- und Osteuropa hat Regensburg drei Städteverbindungen: zu Odessa in der Ukraine (1990), zu Pilsen in Tschechien (1993) und zu Budavár, dem Burgbezirk der ungarischen Hauptstadt Budapest (2005). Ende April 2015 wurde mit einer festlichen Donaufahrt von Regensburg nach Bach auf der „Kristallkönigin“ des 10-jährigen Bestehens dieser Partnerschaft gedacht, die den Regensburgern zahlreiche kulturelle Ereignisse und zweimal im Jahr einen ungarischen Markt auf dem zentralen Neupfarrplatz mit köstlichen Genüssen aus ungarischen Landen beschert.

Einen außergewöhnlichen Konzertabend für Hunderte von Zuhörern im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses der Stadt Regensburg bereitete das einzigartige ungarische Ensemble Ex Canto mit Werken alter Musik aus dem 15. bis 17. Jahrhundert. Zum Abschluss gab es einige Bearbeitungen Ungarischer Tänze von Béla Bartók. Gastsolist war Tamás Hacki, ein namhafter Pfeif-Virtuose, der mit Heiduckentänzen aus dem 17. Jahrhundert das Publikum begeisterte.

Pilsen ist die nächstgelegene Partnerstadt Regensburgs. Nur 150 km entfernt, ist die westböhmische Hauptstadt in Tschechien in zwei Stunden Autofahrt auf der E 50, südlich an Weiden in der Oberpfalz vorbei, zu erreichen. Die beiden Städte sind an Einwohnerzahl nahezu gleich groß, und sie verbinden drei wichtige Merkmale: Beide sind sie Universitätsstädte (Regensburg seit 1962, Pilsen seit 1991), Autostädte (BMW in Regensburg und Skoda in Pilsen), gewissermaßen darüber hinaus jedoch sind beides Bierstädte. Regensburg hat mehrere Brauereien (Bischofshof, Kneitinger, Spital, Thurn und Taxis), Pilsen aber hat die eine weltweit berühmte Brauerei, in der seit 1842 das legendäre Pilsner Urquell gebraut wird. Es versteht sich von selbst, dass der erste Braumeister Josef Groll natürlich aus Bayern stammte und der Städteverbindung seine zusätzliche Würze verliehen hat.

Städte-als-Stätten-2Pilsen ist 2015 zusammen mit dem südbelgischen Mons, Hauptstadt der wallonischen Provinz Hennegau, Kulturhauptstadt Europas. Das Deutsche Kulturforum östliches Europa Potsdam hat einen informativen und fotoreichen Jahreskalender über Pilsen und gemeinsam mit dem Verlag Schnell & Steiner in Regensburg einen 50-seitigen, sehr lesenswerten kunstgeschichtlichen Führer durch die westböhmische Metropole vorgelegt. Autoren sind František Frýda und Jan Mergel. Gründe genug also, eine Reise von Regensburg nach Pilsen zu unternehmen. Der Seniorenbeirat der Stadt hatte eingeladen, und über 300 Senioren, die bislang größte Gruppe, reisten in sechs Bussen an einem fast sommerlich sonnigen Frühlingstag nach Westböhmen. Im Rathaus am Marktplatz, einem von Giovanni di Statio geschaffenen Renaissancebau (1554–1558), wurden die Gäste von Vizebürgermeister Pavel Kotas begrüßt. Für die Regensburger sprach Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und überreichte Gastgeschenke.

Der folgende Rundgang erschloss den Regensburger Gästen den riesigen Markt (193 mal 139 Meter) mit seinen modern gestalteten Brunnen. Zahlreiche repräsentative Renaissance-Bürgerhäuser rahmen ihn ein: das Kaiserhaus (Rudolf II.), heute Sitz des Oberbürgermeisters, das Wallenstein-Haus, das Haus zum goldenen Schiff und viele andere.

Die Pfarrkirche Sankt Bartholomäus, seit 1993 Kathedrale des Bischofs von Pilsen, steht im Zentrum des Platzes. Sie wurde vom Deutschen Orden gegründet und im 14. Jahrhundert über einhundert Jahre erbaut. Der über 102 Meter hohe Nordturm ist der höchste der Tschechischen Republik. Westlich des Rings liegt die Große Synagoge von 1893, ein neoromanisches, zweitürmiges Ziegelgebäude von Rudolf Stech, einem Schüler des Wiener Synagogenarchitekten Max Fleischer. Die zweitgrößte Synagoge Europas dient heute wegen ihrer hervorragenden Akustik als Konzertsaal.

Städte-als-Stätten-3Nach einer Führung durch die weltberühmte Brauerei mit einer reichlichen Kostprobe Pilsner Urquell aus einem großen Fass in den Tiefen der neun Kilometer langen Keller schmeckte das Mittagessen in den weitläufigen Wirtsräumen, die Hunderte von Gästen aufnehmen können.

Die den Besuch abschließende Fahrt hatte den Borsky-Park zum Ziel, wo seit 2011 die „Kaiserlinde“ als lebendiges Zeichen der Partnerschaft wächst. Noch ist sie klein und unscheinbar, aber als Zeichen des Friedens zwischen den beiden Städten, Völkern und Nationen, die nach dem tiefgreifenden und zerstörenden Krieg seit 2004 in der Europäischen Union miteinander verbunden sind, ist der Baum zugleich ein Symbol der Hoffnung, dass dieser Frieden Bestand haben möge.

Auf der Rückfahrt zeigt der Wegweiser nach Flossenbürg in die überwundene Vergangenheit. Im dortigen Konzentrationslager haben die Nationalsozialisten am 9. April 1945, also vor 70 Jahren, den protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer und andere Persönlichkeiten des Widerstands gegen die NS-Diktatur ermordet. Wenige Tage später wurde das KZ von amerikanischen Truppen befreit. Am 26. April 2015 fand dort aus diesem Anlass ein deutsch-tschechischer Gedenkakt statt.

Klaus Weigelt (KK)

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