Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1246.

Steinerne Geheimnisse, funkelnde Fragen

Das Schicksal von Königin Luises Aquamarin-Schmuck befeuert heute noch historische Spekulationen

Zum Jahresende 2006 meldete die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg die Schenkung einer „besonderen Kostbarkeit“. Im Schloß Paretz bei Potsdam, der einstigen Sommerresidenz des preußischen Königspaares vor der Flucht vor Napoleon nach Ostpreußen 1806, könne „als neue Attraktion ein Paar juwelenbesetzter Ohrringe“ aus dem ehemaligen Besitz der über ihren Tod hinaus so verehrten und populären Königin Luise bestaunt werden. Der Stiftung sei der Ohrschmuck im September 2006 aus Privatbesitz vermacht worden. Die „Märkische Allgemeine“ schrieb begeistert: „Die Diamanten reflektieren das Scheinwerferlicht, das die Vitrine beleuchtet, wie tausend Sterne. Man kann sich gut vorstellen, wie das Geschmeide einst das schöne Antlitz der Königin unterstrich.“

Die dreiteiligen Ohrgehänge bestehen aus je einem Zierknopf in Form einer Diamantrose, einem schleifenähnlich angelegten Mittelstück aus teilweise vergoldetem Silberfiligran, besetzt mit Diamantsplittern, und einem tropfenförmigen, von Diamantrosen eingefaßten Aquamarin, einem meerblauen Edelstein, der nach alter Überlieferung eine glückliche Heirat sowie Liebe und Treue in der Ehe versprach. Die Diamanten stammen möglicherweise noch aus dem Nachlaß der Königin Elisabeth Christine, der Gemahlin Friedrichs des Großen. König Friedrich Wilhelm hatte die in ihrem Privatbesitz befindlichen Edelsteine nach dem Tod seiner Tante 1797 erhalten und dem Etatminister Graf von Blumenthal an den Krontresor mit der Kabinettsordre überwiesen: „Die in beiliegender Specification bemerkten Brillanten überschicke ich Euch mit dem Bemerken, daß solche eigentlich zum Tresor gehören sollen, jedoch könnet Ihr sie Meiner vielgeliebten Schwiegertochter der Kron Prinzessin Liebden“ – also Luise – „zum Gebrauch einhändigen, und Euch darüber dechargiren lassen.“

Nach dem Tod ihres Schwiegervaters und Königs noch im gleichen Jahr erbte die Juwelen sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm III., der sie seiner Gemahlin und nunmehrigen Königin Luise als Privatvermögen überlassen haben wird. Vom einstigen Juwelenschatz des Königlichen Krontresors, den Kaiser Wilhelm 1888 in Königlichen Hausschatz umbenennen ließ, ist nur noch wenig vorhanden.
Schon in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon kam es zu Einschmelzungen von Gold- und Silberinventar. Der Krontresor, der damals zugleich der Staatsschatz war, wurde bei der Flucht der königlichen Familie, des Hofstaats und der Regierung nach Königsberg und Memel in den äußersten Nordosten Preußens mitgenommen.

Wegen der Not des Vaterlandes und der ungeheuren Anforderungen an die Finanzkräfte des Staates – nicht zuletzt zur Deckung der Kriegskontributionen an Frankreich – beabsichtigte Friedrich Wilhelm III. im Jahr 1809 auch die Kronjuwelen, unter denen sich die der Kronen von 1701 befanden, zu verkaufen. Die Edelsteine, nicht aber die goldenen Kronkarkassen, die wie das Zepter und der Reichsapfel in Königsberg verblieben, wurden zur Taxierung an die Preußische Seehandlung in Berlin gesandt. Nur der Umstand, daß ihr Wert in diesen Notzeiten auf etwa ein Viertel des früher geschätzten gefallen war, hat ihren Verkauf als unrentabel verhindert.

Während Königin Luise vor dem Kriegsausbruch 1806 bei höfischen Festlichkeiten in funkelndem Brillantenschmuck in Erscheinung getreten war, trug sie bei ihrem – sich 2007 zum 200. Mal jährenden – „Bittgang“ am 6. Juli 1807 zu Napoleon in Tilsit, wo sie vergeblich versuchte, den französischen Kaiser zu milderen Friedensbedingungen für Preußen zu bewegen, nicht die brillantenbesetzten Aquamarin-Ohrgehänge. Ihre Hofdame Lysinka Gräfin Tauentzien schreibt: „Die Königin trug einen weißen Crêpe mit Silber gestickt, ihren Perlenschmuck und ein Diadem von Perlen im Haar.“

In wilhelminischer Zeit hat der vor nunmehr 150 Jahren geborene Berliner Maler und Illustrator Rudolf Eichstaedt (1857–1924) die Unterredung der Königin mit dem Kaiser im Mühlenhause zu Tilsit, dem späteren „Luisenhaus“, in einem Ölgemälde verewigt. Das Historiengemälde – ein beliebtes Motiv auf Ansichtskarten – war auf der Berliner Kunstausstellung 1895 zu sehen und hängt heute im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg. Auch der Berliner Maler, Illustrator und Radierer Woldemar Friedrich (1846–1910) hat das legendäre Zusammentreffen in einer aquarellierten Zeichnung für den seinerzeit populären Bildband „Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt“ (1896) mit farbigen Steindrucken (Chromolithographien) festgehalten. Auf beiden Bildern trägt die Königin ein Diadem im Haar und einen weißen Schal beziehungsweise Perlenketten um den Hals.

Anläßlich der jetzigen Schenkung des Ohrschmucks wurde darauf verwiesen, daß er noch 1913 zum Königlichen Hausschatz zählte. Dies bezieht sich auf Paul Seidels Abhandlung „Die Insignien und Juwelen der Preußischen Krone“ im Hohenzollern-Jahrbuch jenes Jahres, in der die Ohrgehänge und weiterer Aquamarinschmuck verzeichnet und abgebildet sind. Hier schreibt der Direktor des Hohenzollern-Museums im Schloß Monbijou: „Kollier, Broschen und Ohrgehänge aus Aquamarin mit Brillanten, wahrscheinlich aus dem Besitze der Königin Luise stammend“, und: „Besondere Vorliebe scheint Königin Luise für Amethyst- und Aquamarinschmuck gehabt zu haben, und stammt ein heute beim Kronschatz befindlicher Aquamarinschmuck nach der Tradition von ihr her.“ Die Ohrgehänge gehörten aber sicher der Königin, da sie ihre Initialen tragen.

„Danach verliert sich die Spur“, so der „Tagesspiegel“ in Berlin in seiner Neujahrsausgabe von 2007: „Es bleibt rätselhaft, wie die Ohrringe zur Auktion gelangt waren.“ Ein Berliner Bauunternehmer hatte sie 1993 bei Christie’s in der Schweiz für etwa 15000 Franken ersteigert und seiner Frau geschenkt. Diese erfüllte nach dem Tod ihres Mannes seinen letzten Willen und übergab sie im Schloß Paretz. Auch die Schlösserstiftung rätselt: „Auf welchen Wegen sie schließlich 1993 in der Schweiz zur Auktion gelangten, ist ungeklärt.“ Da kann der Verfasser dieser Zeilen ein wenig weiterhelfen.

Die Akte „Verzeichnis des Kronschmucks“ der Generalverwaltung des vormals regierenden Preußischen Königshauses im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin enthält ein „Im März 1936 neuaufgestelltes Verzeichnis des Kronschatzes“. Angefertigt und am 1. April 1936 unterzeichnet hat es Exzellenz Major a. D. Louis Müldner von Mülnheim, der Persönliche Referent der Generalverwaltung, Kabinettchef und Chef der Hofverwaltung Seiner Kaiserlichen Hoheit des Kronprinzen. „Sein besonderes Arbeitsgebiet umfaßt“, so heißt es in einem Schreiben, „die Persönlichen Angelegenheiten der Mitglieder des Königlichen Hauses, die Verwaltung und das Inventar der Schlösser, den Kronschmuck und die Kunstwerte“. Sitz der Generalverwaltung war das Palais Kaiser Wilhelms I. Unter den Linden, in dessen Tresor der Kronschatz gesichert war. Hier verwahrte man auch die goldene Königskrone Kaiser Wilhelms II. von 1889.

Wie nun aus dem genannten maschinenschriftlichen Verzeichnis des Kronschatzes von 1936 durch handschriftliche Eintragungen hervorgeht, wurden die ,,2 Ohrgehänge mit Aquamarin und Brillanten“ und weiterer Aquamarinschmuck, aber auch etwa die bis heute verschollene so genannte Prinzessinnen-Krone, am 20. März 1943 „zur Aufbewahrung auf Burg Hohenzollern entnommen“ – dem Stammsitz der Hohenzollernfamilie bei Hechingen in Baden-Württemberg. Die Krone von 1889 und den „kleinen Sancy“, den größten und mit über 34 Karat schwersten Brillant des Kronschatzes, versteckte man hingegen, was bisher gleichfalls unbekannt ist, im August 1943 im Schloß Cecilienhof in Potsdam, der Residenz des letzten Kronprinzenpaares Wilhelm und Ceciclie. Beide haben den Weltkrieg überdauert.

Während beispielsweise auch die goldenen Degen des Großen Kurfürsten, König Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen nach einer in der gleichen Akte enthaltenen, von Arnold Hildebrand, dem Direktor des Hohenzollern-Museums ab 1927, und von Oberinspektor Walter Nicolaus von der Generalverwaltung unterzeichneten Liste vom 3. Februar 1943 vom Schloß Monbijou bzw. Berliner Schloß ins Kaiser-Wilhelm-Palais und am 10. Januar 1944 auf die Burg Hohenzollern ausgelagert wurden, in deren Schatzkammer sie heute ausgestellt sind, verlieren sich die Spuren des im März 1943 auf die Burg überführten Juwelenschmucks im Dunkeln. Die 1993 in der Schweiz aufgetauchten Ohrgehänge der Königin Luise sind aber ein Hinweis auf das Schicksal und den Verbleib dieser Kostbarkeiten. Nach den Akten und Recherchen des Verfassers ist es mittlerweile kein Geheimnis mehr, daß der letzte, 1951 verstorbene Kronprinz im und nach dem Zweiten Weltkrieg Teile des Königlichen Hausschatzes, darunter sogar den Juwelenbesatz der Königskrone seines Vaters, nach der Rückgabe der Insignie durch die britische Besatzungsmacht 1948 in die Schweiz verkauft hat.

Nun heißt es zumindest zu den Eigentumsverhältnissen der Ohrgehänge und anderen Schmucks im Nachlaßverzeichnis der Königin Luise von 1810: „Diese Stücke wurden am 25. März 1811 von den zu Regulirung des Nachlasses der höchstseeligen Königin Louise Majestät Allerhöchst beauftragten Commissarien, auf Allerhöchsten mündlichen Befehl, an die unterzeichneten Tresoriers abgeliefert, um selbige beim Kronschatz aufzubewahren, sollen aber keineswegs als zum Kron und Hausschatz gehörig angesehen, sondern dergestalt notirt werden, daß Seine Majestät der König zu jeder Zeit nach Wohlgefallen darüber disponiren, schalten und walten können, weil diese Stücke Privat Eigenthum Seiner Majestät des Königs sind.“

In der Akte „Schriftwechsel und Verzeichnisse der verlagerten Gegenstände“ findet sich ein Schreiben der Fürstlichen Hofkammer in Bückeburg bei Minden in Westfalen an die Generalverwaltung in Berlin vom 23. Februar 1945, in dem bestätigt wird, daß Freiherr von Plettenberg unter anderem ein „Kouvert“ übergeben hat, das „eine Niederschrift, zwei Verzeichnisse, ein[en] Schlüssel [und] eine Skizze über die auf der Burg Hohenzollern untergebrachten Kronjuwelen“ enthielt. Major d. R. Kurt Freiherr von Plettenberg war der Hofkammerpräsident der Verwaltung des vormals regierenden Fürstlich Schaumburg-Lippeschen Hauses in Bückeburg und seit 1942 der Generalbevollmächtigte und Leiter der Generalverwaltung des vormaligen Königshauses in Berlin.

Nach seiner Verhaftung im März 1945 wählte der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 den Freitod, um nicht unter der Folter die Namen Mitverschworener preiszugeben. Der Inhalt des „Kouverts“, das „im Kautionsschrank des Sitzungszimmers unter Doppelverschluß untergebracht“ wurde und dessen Verbleib dem Verfasser nicht bekannt ist, könnte zur weiteren Aufklärung der im Zweiten Weltkrieg von Berlin auf die Hohenzollern-Burg ausgelagerten Preußenschätze beitragen.

Heinrich Lange (KK)

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